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Warum ist Big Pharma trotz Corona-Bekämpfung in Schwierigkeiten?

Obwohl es die Ereignisse im Gesundheitssektor waren, die in den vergangenen zwölf Monaten die Welt bewegten, blicken die Pharma-Riesen auf ein schwieriges Jahr zurück, findet Simon Edelsten, Co-Manager des Artemis Funds (Lux) – Global Select.

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Simon Edelsten, Co-Manager des Artemis Funds (Lux) – Global Select, über die Unbeliebtheit von Pharmafirmen bei den Demokraten und wie man sich angesichts dessen in einem Portfolio klugerweise wappnet
© Artemis IM

AstraZeneca bot an, einen von der Oxford University entwickelten Covid-19-Impfstoff ohne Gewinn zu produzieren. Zur Belohnung musste das Unternehmen so mancherlei Beschimpfungen über sich ergehen lassen, und der Aktienkurs sank innerhalb eines Jahres um fast 6 %, während der FTSE rund 19 Prozent zulegte. Für Pfizer lief es besser. Mit einem Plus von 13 Prozent konnte die Aktie dem Index zwar schon eher das Wasser reichen, doch der US-Gesamtmarkt verbuchte immerhin einen Anstieg von etwa 45 Prozent. 

"AstraZeneca und Pfizer sind keineswegs Extremfälle", weiß Simon Edelsten, Co-Manager des Artemis Funds (Lux) – Global Select. "Gemessen am KGV liegt der MSCI World Healthcare Index fast so weit hinter dem MSCI All Country World Index wie während der globalen Finanzkrise."

Was geht hier vor sich?
Die Impfkampagnen nehmen an Fahrt auf, und vor den Impfzentren und Arztpraxen stehen die Menschen Schlange. Man sollte meinen, dass es eigentlich ein günstiger Zeitpunkt ist, um in den Gesundheitssektor zu investieren. Das Tempo, in dem die unterschiedlichen Impfstoffe entwickelt wurden, zeigt deutlich, dass die Innovationen im Bereich der DNA-Sequenzierung ein ganz erstaunliches Potential für Big Pharma bergen. Bereits wenige Tage, nachdem die vollständige Genomsequenz des Coronavirus veröffentlicht wurde, war der Bauplan für den Impfstoff der Oxford University unter Dach und Fach. Einige Wochen später hatten die Wissenschaftler im Labor schon Proben für erste Versuche hergestellt.

Ähnliche wissenschaftliche Methoden werden von Pharmaunternehmen genutzt, um die DNA von verschiedenen Krebsarten auszulesen und wirksamere Behandlungsmethoden zu entwickeln, bei denen der Körper sein eigenes Immunsystem einsetzt, um sich selbst zu helfen. Einige dieser Medikamente bescheren den Pharmaherstellern schon jetzt riesige Umsätze. Beispielsweise hat Merck mit Keytruda die Hautkrebstherapie und teilweise auch die Brustkrebsbehandlung revolutioniert. Das Medikament scheint teuer, doch es hat weniger heftige Nebenwirkungen als eine Chemotherapie oder Bestrahlung. Dies kommt den Patienten zugute, und unter dem Strich lassen sich die Kosten im Gesundheitswesen reduzieren.

Klinische Studien waren während der Coronakrise problematisch
Simon Edelsten: "Daher erwarten wir 2022 eine Welle an ähnlich vielversprechenden Produkten. Allerdings werden nicht alle Medikamentenhersteller profitieren. In Europa hat Roche bereits vor zehn Jahren mit einigen klugen strategischen Übernahmen auf das richtige Pferd gesetzt. Anderen europäischen Firmen mangelt es dagegen an neuen aussichtsreichen Produkten. Wenn Unternehmen hohe Dividenden auszahlen, statt ihr Kapital in Forschung und Entwicklung zu investieren, habe ich Zweifel, dass sie langfristig über eine gut gefüllte Pipeline an Medikamenten verfügen werden."

Einige Pharmatitel mag man bei Artemis IM also, ganz besonders Roche und Merck
Dennoch haben wir vor Kurzem unsere Positionen in Merck abgebaut. Wir werden hier möglicherweise später wieder einsteigen, doch der politische Linksschwenk in den USA belastet die Aktie momentan. Bernie Sanders wettert schon lange gegen die geldgierigen Pharma-Riesen, und die Gründe sind durchaus nachvollziehbar. Studien zeigen, dass die Menschen in den USA im Durchschnitt zweieinhalbmal so viel für ihre Medikamente zahlen wie in den meisten anderen Industriestaaten.

Belastender Schwenk nach links in der Politik
Sanders, der mittlerweile eine führende Rolle im Senat innehat, legte im März drei Gesetzesentwürfe zur Deckelung der Medikamentenpreise vor. Werden sie verabschiedet, bekommen Medicare und Medicaid die Möglichkeit, Arzneimittelpreise mit den Herstellern zu verhandeln. Derzeit sind die USA das einzige Industrieland, in dem die großen Pharmaunternehmen den Listenpreis zunächst in voller Höhe berechnen dürfen, auch wenn das System danach zahlreiche Rabattmöglichkeiten vorsieht. Geht es nach Bernie Sanders, sollen sich die Arzneimittelpreise in den USA an den im Ausland gezahlten Preisen orientieren. Außerdem soll es für Verbraucher einfacher werden, Medikamente zu importieren. Beispielsweise sind Arzneimittel in Kanada deutlich günstiger. Einige Demokraten sind der Auffassung, dass sie sich mit staatlichen Preisdiktaten zu weit nach links bewegen. Das Gesetz könnte also in etwas abgemilderter Form in Kraft treten. Dennoch stehen die Medikamentenpreise stark unter Druck. Am meisten werden wohl Unternehmen zu leiden haben, die etablierte Produkte zur Behandlung von Volkskrankheiten wie Diabetes, Asthma und rheumatoider Arthritis anbieten. Insgesamt belasten diese Medikamente den Gesundheitshaushalt am stärksten und sind somit besonders prädestiniert für harte Preisverhandlungen. 

Forschungsflops müssen aus Margen von Erfolgsmedikamenten finanziert werden
Pharmaunternehmen hatten es schon immer schwer, ihre hohen Margen bei einzelnen Medikamenten zu rechtfertigen. Edelsten dazu: "Doch der Preis eines Erfolgsmedikaments enthält auch die Kosten für eine hohe Anzahl an gescheiterten Produkten. Die wissenschaftlichen Innovationen, die zur Entwicklung der Corona-Impfstoffe geführt haben, sind enorm, doch sie stehen den Unternehmen nicht exklusiv zur Verfügung. Deshalb konnten auch in kürzester Zeit mehrere offensichtlich wirksame Vakzine gefunden werden. Ohne Lizenzen auf exklusive Produkte könnten die traditionell hohen Margen sogar noch weiter unter Druck geraten. Andererseits könnte der neue Ansatz zur Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten dazu führen, dass es weniger Produkte gibt, die letztendlich keinen Erfolg versprechen."

Testen ist jetzt das Thema
Trotz der Vorsicht von Artemis IM gegenüber Big Pharma manifestiert sich die Begeisterung über die Antwort der Wissenschaft auf die Pandemie noch immer in den Artemis-Portfolios. Im Bereich Test und Diagnose sieht man die größten Chancen für eine zuverlässige Wachstums- und Gewinnentwicklung. Bevorzugt werden Laborausrüster wie Thermo Fisher und PerkinElmer, die von Corona-Testungen profitiert haben. Sie sind höher bewertet (historisches KGV von 30 beziehungsweise 20 bei einer Dividendenrendite von nur 0,2 Prozent).

Der jüngste Kursrückgang könnte für einige eine Kaufgelegenheit darstellen
Unter Wall-Street-Analysten herrscht die Meinung, dass der Markt für Corona-Tests zusammengebrochen ist und auch bald nicht mehr benötigt wird. Doch dieser Schluss scheint Edelsten voreilig. Und sollte es am Ende doch so sein, werden moderne Gesundheitssysteme trotzdem einen wachsenden Bedarf an komplexen Testungen haben. Entscheidende Erfolge in der Biochemie und ein besseres Verständnis über die Verlaufsmuster von Krankheiten haben zu einer Welle neuartiger Testverfahren geführt. Menschen können ihr Erbgut vollständig analysieren lassen, um zu erfahren, welche Krankheiten sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit entwickeln werden, welche Lebensstile und Gewohnheiten sie unbedingt vermeiden müssen und auf welche Beschwerden sie mit fortschreitendem Alter achten sollten.

Verbreiterte Testarchitektur
Das öffentliche Gesundheitswesen wird verstärkt auf Testungen zurückgreifen, um dem medizinischen Personal mehr Daten zur Verfügung zu stellen. Dann könnten Patienten zügiger und effektiver diagnostiziert und in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Weiterhin lässt sich so die Fehlallokation von Ressourcen – Ausgaben, medizinische Behandlungen und Zeit – reduzieren.

Laborausrüster: teuer, aber ertrags- und wachstumsstark
Auch wenn die Laborausrüster (im Wesentlichen sind dies einige wenige in den USA gehandelte multinationale Konzerne) noch immer teuer erscheinen, können sie mit einem enormen Umsatzwachstum, satten Margen und einem hohen Anteil an Folgegeschäft aufwarten. Krankenhäusern bieten sie die Testausrüstung zu einem recht günstigen Preis an, während sie die Reagenzien und sonstigen Materialien bei etwas komfortableren Margen verkaufen. Diese Unternehmen generieren somit einen hohen Cashflow.

Setzt sich Bernie Sanders mit seinen Preiskorrektur-Ideen durch?
Es scheint nicht so recht zusammenzupassen, dass die weltweit größten Pharmakonzerne, die gerade gezeigt haben, wie wertvoll sie für die Gesellschaft sind, nun mehr denn je mit Preis- und Gewinndruck zu kämpfen haben. Edeslen tun sie fast ein bisschen leid: "Es bleibt abzuwarten, ob die von Bernie Sanders beabsichtigten Preiskorrekturen in der langen Frist für uns von Nutzen sein werden. Doch ich denke nicht, dass er so leicht von seinem Vorhaben ablassen wird. Er wartet seit 30 Jahren auf diese Chance – seitdem er 1991 als Vertreter des Bundesstaates Vermont in das Repräsentantenhaus einzog."

Fazit
Man werde bei Artemis IM versuchen, Rückenwind zu nutzen und Gegenwind zu vermeiden. "Wenn sich die Wetterlage ändert, werden wir vielleicht wieder zu unseren bevorzugten Pharmatiteln zurückkehren. Bis dahin legen wir weiterhin den Schwerpunkt auf das Thema Testen", hält Edelsten fest. (kb) 

 

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