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Warum Hawala dem Bankensystem überlegen ist und die Politik dies ignoriert (Kommentar)

"Schäuble und Sapin besprechen Maßnahmen gegen Terrorfinanzierung", lautet der Titel einer Bloomberg-News-Meldung. Warum das alles nichts hilft, analysiert der vorliegende Kommentar.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und sein französischer Amtskollege Michel Sapin beraten darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um den Terroristen die Finanzierung zu erschweren. In der Diskussion sei das Einfrieren von Vermögenswerten, eine bessere Kontrolle von virtuellen Währungen, zentrale Bankkontenregister in allen EU-Mitgliedsstaaten, eine strengere Kontrolle des illegalen Handels von Kunst und Antiquitäten und eine erhöhte Sorgfaltspflicht von Risikoländern, heißt es in einer Bloomberg-Meldung. Die Behörden sollten die Nutzung virtueller Währungen besser kontrollieren und das Einfrieren von Vermögen in Europa lebender Terroristen erleichtern, so die Forderung der beiden Minister.
 
Hawala untergräbt die Absichten des Westens
 
Für Uninformierte klingt dies gut, die Terrorfinanzierung wird man aber damit nicht stoppen können, und das sollte die hohe Politik auch wissen. Das Zauberwort in diesem Zusammenhang, das Unmögliches leicht möglich macht, lautet "Hawala". Dieses jahrhunderte alte, informelle, arabische Finanzsystem funktioniert abseits traditioneller Bankkanäle und entzieht sich den klassischen Überwachungsmechanismen. Dazu ist es billig und effizient.
 
Wie alles begann
 
"Hawwala" stammt aus dem Arabischen und bedeutet soviel wie „wechseln, überweisen" und hat seine Wurzeln in der frühmittelalterlichen Handelsgesellschaft des Vorderen und Mittleren Orients. Damit Karawanen nicht im Falle eines Überfalls das mitgeführte Geld verloren, wurde dieses System, das hauptsächlich auf Vertrauen basiert, etabliert. 
 
Erinnerungen an Schnell-Überweisungssysteme werden wach
 
Einfach ausgedrückt übergibt Terrorist X an den Händler A (Hawaladar A) in Syrien den Gegenwert von 100.000 US-Dollar, den er etwa aus dem Verkauf von Öllieferungen erworben hat. Dieser steht in Beziehung zu Hawaladar B in Paris, der an Terrorist Y dort den gewechselten Gegenwert in Euro auszahlt – häufig nicht zum offiziellen Wechselkurs, sondern erheblich günstiger, da keine Bankgebühren oder Steuern anfallen. Die Händlerkommission soll nach UNO-Anagaben nur 0,25 bis 1,25 Prozent der transferierten Summe betragen.Die gesamte Transaktion kann daher, sofern X und Y sich gleichzeitig bei ihren Hawaladaren (A und B) aufhalten, innerhalb weniger Minuten ablaufen, was klassische Auslandsüberweisungen vom Tempo her alt aussehen lässt. Die Hawaladaren verfügen über Code-Wörter zur Autorisierung der Transaktionen.
 
In diesem geschlossenen und für Außenstehende schwer zu durchschauenden System kann auch eine Person etwa in Syrien Geld bei Hawaladar 1 einzahlen, erhält einen Code genannt, mit dem er sich bei Hawaladar 2 in Paris meldet und dort quasi "ihr" Geld behebt. Insofern ähnelt das System stark den auf Geschwindigkeit ausgelegten Auslandsüberweisungssystemen von Western Union und MoneyGram, mit dem Unterschied, dass bei Hawala sich die Kunden normalerweise weder identifizieren noch die Herkunft des Geldes nachweisen müssen. Außerdem können bei Hawala die Kunden das Codewort bereits vorher absprechen, anstatt von dem Hawaladar eine Referenznummer zugewiesen zu bekommen.
 
Spitzenclearing
 
Nach der oben im Detailbeschreibenen Transaktion hat der eine Händler beim anderen Schulden von 100.000 US-Dollar. Diese Schulden werden mit den nächsten Transaktionen, die mit den beiden Terroristen nichts zu tun haben müssen, wieder beglichen. Dieses Clearing von Differenzen, das aufrgund eines Nettings häufig nicht notwendig ist, wird dann durch gegenseitige Warenlieferungen, Dienstleistungen oder durch Schmuck, Gold oder andere Wertgegenstände vorgenommen. In Wirklichkeit ist dieses System wesentlich komplexer. Geschäftsabwicklungen passieren in den Büros der Hawala-Händler, die oft selbständige Kaufleute (Import-Export, Einzelhandel) sind, oder in religiösen oder sozialen Zentren. Die eine oder andere Abwickung soll auch schon einmal in Kaffeehäusern oder auf Parkbänken geschehen sein, wissen gut informierte Kreise.
 
Netting erleichtert das Leben 
 
Spinnen wir das Beispiel weiter: Ein Netting wäre etwa dadurch vorstellbar, dass 100 hart arbeitende syrische Gastarbeiter in Frankreich über Hawala jeweils 1.000 US-Dollar an ihre syrischen Verwandten schicken wollen. Sie zahlen bei Hawaladar B in Paris ein, ihre Verwandten melden sich mit ihren Codes bei Hawaladar A in Syrien (der ja 100.000 US-Dollar vom Terroristen X eralten hat) und behen hundert Mal ein tausend Dollar. Damit das Netting vollzogen, ein Spitzenclearing entfällt.
 
Nicht zu überwachen
 
In einem typischen Hawala-System sind Überweisungen streng vertraulich. Es werden keine Aufzeichnungen darüber geführt, wer Absender und wer Empfänger einer bestimmten Transaktion ist. Dadurch laufen alle Maßnahmen ins Leere, die darauf abzielen, unerwünschte Aktivitäten anhand der damit verbundenen Finanzströme zu identifizieren.
 
Besteht die Politik aus Ignoranten oder noch Schlimmerem?
 
Dieses Wissen ist Politikern, die untaugliche Maßnahmen beschließen, die letztlich nur ihre eigenen, gesetzestreuen Bürger dem Überwachungsstaat ausliefern, zumutbar. Sollen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Terrorfinanzierung nur Alibihandlungen sein, wäre das schon schlimm genug, weil man Handlungskompetenz vortäuscht, wo keine vorliegt. Sollte man damit aber etwas anderes, viel Weitergehendes, nämlich die totale Überwachung der Bürger, anstreben, um diese dann später abkassieren, indem man etwa Staatsschulden mit privaten Vermögen saldiert, wäre dies ein noch viel größerer Skandal. (kb)
 
 
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