Warum die politische Krise in UK auch ihr Gutes hat und Japan boomt
Der Rentenchef von RBC BlueBay AM analysiert die aktuelle Situation in Großbritannien und in Japan und ist im Gegensatz zu vielen anderen Marktakteuren positiv gestimmt für langlaufende Yen-Anleihen. "Richtig gehegt" bringen diese Investoren zirka 6,5 Prozent Rendite per anno.

Eckpunkte:
- Politische Krise könnte Großbritanniens Finanzsystem weiter belasten
- Probleme bei UK Gilts könnte Zentralbank zu Zinssenkungen zwingen
- Linksregierung könnte Nähe zur EU suchen
- Japan verfügt nun über Regierung mit starkem Mandat
- Langlaufende Yen-Anleihen interessant
- Japans Aktienmarkt könnte "Roaring Twenties" erleben
Die Probleme der britischen Labour Party und deren Chef Keir Starmer könnten einem Kandidaten aus dem linken Flügel der Labour-Partei, möglicherweise Ed Miliband oder Angela Rayner, Tür und Tor öffnen, meint Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management, in seinem aktuellen Marktkommentar.
Vertrauensverlust der internationalen Investoren
Ein Schwenk nach links wiederum könnte Dowding zufolge erhebliche Auswirkungen auf die britischen Finanzmärkte haben. Die Erwartung einer lockeren Haushaltsdisziplin und eines Desinteresses an den Finanzmärkten könnte die Risikoprämien für britische Staatsanleihen und das Pfund zusätzlich belasten. Dieses Szenario könnte wiederum die Bank of England laut Dowding zu einer weiteren Zinssenkung veranlassen. Sie würde insbesondere das Pfund treffen, während Bewegungen bei Staatsanleihen sicherlich zu einer steileren Zinsstrukturkurve führen würden, der die Regierung durch ein Zurückfahren der Emission von Schuldtiteln entgegenwirken könnte.
Die längerfristigen Folgen einer eher linksgerichteten Regierung könnten anders aussehen. So ist es beispielsweise möglich, dass Labour in Zukunft eine engere Beziehung zur EU anstrebt und sich von den USA distanziert. Momentan allerdings hat Reform UK Aufwind, und Labour muss auf die populistische Partei reagieren, um die nächsten Parlamentswahlen zu überleben.
Japan gestärkt
Auch für Japan war es eine wichtige politische Woche. Sanae Takaichis haushoher Sieg verschafft ihr als Premierministerin eine starke Position, um das Land nach ihren eigenen Vorstellungen voranzubringen. In diesem Zusammenhang konzentriert sich Takaichi darauf, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und Japan zu stärken. "Wir rechnen mit einer Senkung der Verbrauchssteuer im Nachtragshaushalt 2026. Wir erwarten für das laufende Jahr ein Haushaltsdefizit unter 3,5 Prozent. Das liegt weit unter dem Niveau fast aller anderen Industrieländer", prognostiziert Dowding, um zu betonen: "Vor diesem Hintergrund halten wir die Hysterie hinsichtlich der Tragfähigkeit der japanischen Staatsverschuldung immer noch für übertrieben. Vielmehr erscheinen uns langlaufende japanischer Staatsanleihen attraktiv bewertet."
Zudem ist Takaichi offenbar entschlossen, die künftigen Ausgaben unter Kontrolle zu halten. Spekulationen, dass die Einnahmen aus Japans Devisenreserven genutzt werden könnten, um die Militärausgaben zu erhöhen, wirken relativ einleuchtend. Daher geht Dowding auch nicht davon aus, dass Takaichi sich als populistische Premierministerin erweist und während ihrer Amtszeit die japanische Finanzpolitik nach und nach lockert.
"Außerdem scheint uns Takaichi sehr an einer Stabilisierung der japanischen Anleiherenditen und des Yen-Kurses interessiert zu sein. Zwar ist es wohl nicht ihr Hauptziel, den Yen zu stärken, aber auch eine weitere Währungsschwäche wird sie wohl nicht tolerieren. Die Interventionsgrenze bei einem Dollar-Yen-Kurs von 160 dürfte bestehen bleiben", erklärt Dowding.
Zwei Zinserhöhungen in Japan erwartet
Dowding geht weiterhin davon aus, dass die Bank of Japan in diesem Jahr zwei Zinserhöhungen vornehmen wird. Auch die japanische Zinsstrukturkurve wird sich abflachen, da die Renditen kurzfristiger Anleihen als Reaktion auf die Normalisierung der Geldpolitik steigen werden. Die Renditen zehnjähriger Papiere dürften infolgedessen in etwa auf dem aktuellen Niveau bleiben.
"Aus unserer Sicht sollten 30-jährige japanische Staatsanleihen nicht mehr als 100 Basispunkte über 10-jährigen Anleihen?gehandelt werden. Aus dieser Perspektive bleiben die Renditen von 3,5 Prozent attraktiv, insbesondere da das US-Dollar-währungsgesicherte Äquivalent derzeit bei 6,5 Prozent liegt", erklärt Dowding.
Strukturell bleibt Dowdings Sicht auf den Yen positiv: "Im Devisenbereich halten wir es jedoch für besser, keine Position zu halten und bei einem erneuten Test dieses Niveaus durch den Yen bei über 158 JPY/USD zuzukaufen. Für japanische Aktien ist die politische Ausgangslage günstig, und ein optimistischer Ausblick kann ebenfalls dazu beitragen, Unternehmensinvestitionen und Konsumausgaben zu stärken und damit auch die Wirtschaft zu stützen. Nach einer langen Zeit im Schatten entwickelt sich Japan zu einer anhaltend interessanten Investmentchance."
Kurzfristiger Ausblick
Obwohl Dowding für den Rest des Monats weiterhin recht stabile Marktbedingungen bei den Leitzinsen prognostiziert, könnte der Verbraucherpreisindex überraschen. Die Inflation könnte höher als erwartet ausfallen, während die US-Wirtschaft relativ stark bleibt.
Ein möglicher KI-Wachstumsschub ist das Thema der Stunde. Dabei herrscht große Unsicherheit: Die Einführung von KI schreitet schnell voran, doch Veränderungen in der Produktivität werden unter Umständen alles andere als reibungslos und linear verlaufen.
"Deshalb befürchten wir eher, dass der KI-Investitions-Wettlauf kurzfristig ein Inflationsrisiko nach sich ziehen könnte, wenn die Betreiber mit knappen Rohstoffen, Komponenten und qualifizierten Arbeitskräften konfrontiert sind. Sollte die Inflation hingegen nicht kurzfristig anziehen, könnte als positives Zeichen dafür zu werten sein, dass die Produktivität früher und schneller als gedacht steigt – mit positiven Auswirkungen auf den Markt", erklärt Dowding.
Politische Unsicherheit ist Gift für die Märkte
Abgesehen davon sind Großbritannien und Japan nach wie vor gute Beispiele dafür, was für ein wichtiger Markttreiber politische Unbeständigkeit sein kann. Großbritannien jedenfalls dürfte demnächst seinen siebten Premierminister in zehn Jahren erleben.
"Es gab eine Zeit, in der ein solcher Führungswechsel ein Zeichen für eine politische Krise war, etwa einst in Italien. Doch heute ist Rom unter Meloni ein Vorbild für politische Stabilität, und Großbritannien scheint diese Rolle übernommen zu haben. Die sieben britischen Premierminister vor David Cameron haben in einem Zeitraum von 46 Jahren seit 1964 regiert, einer Zeit, in der die Beatles die Charts anführten. Heute hingegen beobachten wir nicht die „Swinging Sixties” in Großbritannien. Und in Japan sollten wir in den nächsten Jahren wohl eher die „Roaring Twenties” erwarten", erklärt Dowding abschließend. (aa)

