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Warnung: Der Markt schaut weg – noch

Bejamin Bente warnt, dass die Finanzmärkte geopolitische, fiskalische und institutionelle Risiken in den USA derzeit unterschätzen – und plädiert angesichts hoher Bewertungen für mehr Selektivität statt blinder Indexorientierung.

© Curioso.Photography / stock.adobe.com/KI-generiert

Eckpunkte:

  • Trotz aller Probleme und Risiken bleiben viele Anleger optimistisch für Aktien
  • Das könnte sich jedoch abrupt ändern, falls Anleger Risiken plötzlich neu bewerten

Hohe Risikotoleranz
Es gibt Phasen, in denen Märkte erstaunlich viel verzeihen. Laut Bejamin Bente, Geschäftsführer und Portfoliomanager bei Vates Invest, befinden uns gerade in einer solchen Phase: Der S&P 500 markiert neue Höchststände und liegt seit Beginn des Iran-Krieges mehr als sieben Prozent im Plus.

Auch die Unternehmenszahlen helfen: Rund 85 Prozent der Unternehmen im Index haben im ersten Quartal die Erwartungen übertroffen, und die Gewinnschätzungen der Analysten wurden zuletzt wieder angehoben. Wer nur auf Kurse, Gewinne und Momentum schaut, sieht also ein durchaus konstruktives Bild.

"Ich halte diese Marktreaktion kurzfristig nicht für irrational. Unternehmen liefern, Liquidität ist vorhanden, und viele Investoren haben in den vergangenen Monaten gelernt, politische Eskalationen zunächst nicht überzubewerten. Oft wurde am Ende doch wieder verhandelt, entschärft oder juristisch begrenzt. Genau diese Gewöhnung ist aus meiner Sicht aber das eigentliche Risiko", warnt Bente.

Viele Anleger setzen auf ein "Goldlöckchen"-Szenario
Der Markt unterstellt Bente zufolge derzeit sehr viel Normalisierung. Beim Iran-Krieg scheint die Erwartung zu sein, dass ein Waffenstillstand oder eine politische Einhegung des Konflikts den Ölpreis wieder nach unten bringt. Damit würde auch der zusätzliche Inflationsdruck verschwinden. Die Notenbanken könnten ihren Kurs fortsetzen, Zinssenkungserwartungen blieben intakt, und die jüngsten Renditeanstiege wären nur ein vorübergehender Schock. Das kann so kommen. Aber es ist eben nur ein Szenario – und aus meiner Sicht nicht das einzige.

Höhere Inflation könnte über steigende Zinsen fast alle Märkte belasten
Wenn Energiepreise länger erhöht bleiben, Lieferketten erneut belastet werden oder Unternehmen höhere Kosten weitergeben, wird aus einem temporären Inflationsimpuls schnell ein hartnäckigeres Problem. "Dann wäre es zu optimistisch, sinkende Zinsen zu erwarten. Laufzeitprämien könnten steigen und nicht fallen und die Bewertungen vieler Risikoanlagen stünden plötzlich wieder unter Druck", prognostiziert Bente.

Wichtig ist dabei: Das wäre kein rein amerikanisches Thema. US-Staatsanleihen sind der Referenzpunkt des globalen Finanzsystems. Wenn dort Inflation, Defizite und politische Unsicherheit gleichzeitig höhere Risikoaufschläge erzwingen, steigen globale Finanzierungskosten mit. Das trifft Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Immobilienmärkte – und am Ende natürlich auch Aktien.

"Gerade deshalb irritiert mich, wie gelassen der Markt derzeit mit der Mischung aus expansiver Fiskalpolitik, institutionellem Druck und geopolitischer Eskalation umgeht", hält Bente fest.

USA hat viele Probleme
Die fiskalische Lage der USA ist angespannt. Die milliardenschweren kreditfinanzierten Steuersenkungen stimulieren zwar mittelfristig die Konjunktur, kurzfristig steigern sie aber das Fiskaldefizit der USA. Das Gesundheitssystem bleibt teuer und ineffizient. Und der KI-bedingte Strombedarf steigt schneller als die Ausweitung des Angebots und das, obwohl die USA im Gegensatz zu Deutschland auch weiter auf Kernenergie setzen.

Auch die Handelspolitik bleibt ein Risiko. Zölle sind politisch leicht zu verkaufen, ökonomisch aber selten kostenlos. Auch sie erhöhen Preise, belasten Unternehmen und schwächen die Effizienz globaler Wertschöpfungsketten. Das alles ist keine Kombination, die für niedrigere Preise spricht.

Droht ein Crash wie 1987?
Heute wirkt der Markt abgestumpfter. Viele Anleger scheinen davon auszugehen, dass die härtesten Maßnahmen ohnehin wieder zurückgenommen werden. Der Waffenstillstand im Iran, das fallen gelassene Verfahren gegen Jay Powell und die Akzeptanz der Supreme-Court-Entscheidung zu den Zöllen werden als Belege gelesen, dass am Ende doch Bremsen greifen.

Vielleicht stimmt das kurzfristig. Langfristig könnte es laut Bente aber problematisch sein, wenn eine Volkswirtschaft immer wieder erst beschädigt und dann teilweise repariert wird. Das ist ein Punkt, den Märkte gerne unterschätzen: Risiken werden selten sauber und schrittweise eingepreist. Oft werden sie lange ignoriert und dann plötzlich neu bewertet. Vor dem Crash im Oktober 1987 stiegen die Kurse über Monate, obwohl es genügend Warnsignale gab. Dann verlor der Dow Jones an einem einzigen Tag 22 Prozent.

"Ich will daraus ausdrücklich keinen Abgesang auf die USA ableiten. Der scheint zwar zunehmend zur Mainstream-Meinung zu werden. Aber genau deshalb ist er wahrscheinlich falsch. Die USA bleiben der wichtigste Kapitalmarkt der Welt. Die Tiefe des Marktes, die Innovationskraft vieler Unternehmen, die Stärke im Technologiesektor und die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft sind außergewöhnlich", merkt Bente an.

Zunehmender staatlicher Einfluss schwächt das System langfristig
Aber genau deshalb sollte man die Grundlagen dieser Stärke nicht leichtfertig behandeln. Dazu gehören unabhängige Institutionen, Rechtsstaatlichkeit, offene Märkte, wissenschaftliche Exzellenz und eine verlässliche Außenpolitik. Gerade die Rechtsstaatlichkeit ist einer der größten Standortvorteile der USA, insbesondere im Vergleich zum großen Konkurrenten China. Wenn diese Grundlagen erodieren, sieht man die Konsequenzen nicht sofort. Aber über Zeit verändert es Risikoprämien, Investitionsentscheidungen und Wachstumsaussichten.

Stock Picking statt simple Index-Investments
Für Anleger heißt das nicht, die USA zu meiden. Im Gegenteil: US-Aktien bleiben ein zentraler Bestandteil globaler Portfolios. Aber sie sollten nicht so behandelt werden, als seien politische und institutionelle Risiken irrelevant. Bewertungsdisziplin, Bilanzqualität, Preissetzungsmacht, robuste Cashflows und globale Diversifikation werden wichtiger. Oder anders formuliert: Stock Picking statt Index-ETFs. (aa)

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