Waffenstillstands-Theater hält die Märkte in Atem
Der Rentenchef von RBC BlueBay Asset Management zeichnet ein aktuelles Bild der Märkte und warnt vor zu viel Optimismus der Anleger, die wie seit Jahren gewohnt auch dieser Tage auf eine "Buy the Dip"-Strategie setzen.

Eckpunkte:
- Der Irankrieg könnte erneut ausbrechen
- Donald Trump gilt als unberechenbar
- Investoren sollten daher weiterhin vorsichtig agieren
Die Märkte taumeln im Rhythmus der Schlagzeilen aus dem Weißen Haus. Trumps Ankündigung eines zweiwöchigen Waffenstillstands trieb US-Aktien so weit in die Höhe, dass sie einen Großteil ihrer Verluste seit Jahresbeginn wettmachen konnten. Gleichzeitig verengten sich die Credit-Indizes aggressiv in Richtung der Niveaus vor dem Konflikt. "Doch nur wenige Stunden nach der Erklärung ereigneten sich neue Feindseligkeiten – die Waffenruhe ist fragil" warnt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management, in seinem aktuellen Wochenkommentar.
"Buy-the-Dips" dominiert weiterhin das Anlegerdenken
Die Märkte konsolidieren sich seitdem, doch die Kursentwicklung der letzten Tage zeugt laut Dowding von der fest verankerten Überzeugung der Anleger, bei Kursrückgängen zu kaufen. Es herrsche nach wie vor die Zuversicht, Deeskalation und Lösung des Konflikts seien unvermeidlich. Im Gegensatz zur Kehrtwende bei den Zöllen im vergangenen April ist allerdings der Ausweg, den die Trump-Regierung diesmal sucht, Dowding zufolge "kompliziert und risikobehaftet". Es handelt sich um einen großen Krieg mit mehreren Konfliktparteien und unterschiedlichen Zielen.
Generell haben sich die wichtigsten Staatsanleihen im Laufe der Woche erholt, insbesondere in Europa, da die Ölpreise wieder unter 100 US-Dollar gefallen und Erwartungen hinsichtlich Zinserhöhungen gesunken sind. Auch die Renditen von US-Staatsanleihen sanken wieder, wenn auch in geringerem Maße. Die größten Bewegungen gab es in den Schwellenländern, wo Märkte wie Südafrika, Mexiko und Brasilien einen deutlichen Rückgang der Renditen verzeichneten, wie Dowding anmerkt.
Allgemein beobachtet Dowdng eine Verlagerung des Fokus weg von einer kurzsichtigen Konzentration auf die Inflation und die Notwendigkeit einer geldpolitischen Straffung durch die Zentralbanken hin zu den Auswirkungen, die der Konflikt im Nahen Osten in den kommenden Quartalen auf Vertrauen, Konsum und Wachstum haben wird.
Der Schaden ist bereits angerichtet
Solange die Straße von Hormus weitgehend gesperrt bleibt, wird die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs weiteren wirtschaftlichen Schaden bringen. Der Produktionsausfall erscheint bereits jetzt so weitreichend, dass für das kommende Jahr ein Angebotsschock im Energiesektor sowie in der energieintensiven Fertigungsindustrie und im Dienstleistungssektor zu erwarten ist.
Die Folgen des Konflikts werden erst verzögert spürbar. Daher sollten Dowding zufolge die jüngsten US-Wirtschaftsdaten mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden.
US-Arbeitsmarkt weiterhin robust
Bisher haben die Störungen in den Lieferketten und an den Tankstellen die Preise für Lebensmittel und Konsumgüter oder das Verhalten der Unternehmen kaum beeinflusst. "Die wichtigste Erkenntnis aus unserer Sicht ist zunächst einmal, dass sich der US-Arbeitsmarkt zu Beginn dieser Krise in relativ guter Verfassung befand und bislang auch gut gegen deren Auswirkungen behauptet", erklärt Dowding.
Die jüngst veröffentlichten konkreten Daten zur US-Beschäftigung waren solide. Dazu zählen etwa die wöchentlichen Arbeitslosenzahlen und der ADP Employment Report, ein monatlich erscheinender Bericht über die Beschäftigungslage im privaten Sektor der USA. Vielleicht am wichtigsten ist jedoch der US Payrolls Report. Dieser wies im März einen Zuwachs von +178.000 Arbeitsplätzen aus – erwartet worden war lediglich ein Plus von 65.000.
Dass die eher zukunftsorientierten Daten des ISM Survey, einem der wichtigsten Frühindikatoren für die wirtschaftliche Entwicklung in den USA, gemischter ausfielen, ist keine Überraschung.
Unterm Strich ist die US-Wirtschaft jedoch widerstandsfähig und zeigte sich vor Kriegsbeginn anhaltend dynamisch. Ob Haushalte und Unternehmen in den USA angesichts eines nun sicher fortdauernden Energieengpasses weiter standhalten werden, bleibt vorerst unsicher. Noch ist es zu früh, um hierzu Prognosen abzugeben.
Erste konjunkturelle Auswirkungen zeigen sich
Außerhalb der USA beginnen sich die Auswirkungen des Konflikts in den Wirtschaftsdaten niederzuschlagen. Doch auch hier ist es wichtig zu betonen, dass noch viel mehr kommen wird. Derzeit herrscht erhebliche Unsicherheit darüber, wie sich dieses Ereignis aus makroökonomischer Sicht entwickeln wird.
Trump wird sich seine europäischen Verbündeten erneut vorknöpfen
Es wird nicht lange dauern, bis Trump und sein Team wieder auf ihren Punkt zurückkommen, dass Europa nicht mitspielt und den USA im Kampf gegen den Iran keine Hilfe leistet. Und während sich die Beziehungen weiter verschlechtern, wird sich der Fokus wieder auf Grönland, die NATO und die Ukraine verlagern.
Höhere Zinsen erwartet
Der EU stehen Dowding zufolge schwierige Zeiten bevor. Politische Entscheidungsträger müssen gleichzeitig Haushalte und Unternehmen vor einem weiteren Inflationsschock schützen, populistische Politik abwehren und den steigende Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben in einer geopolitisch zersplitterten Welt bewältigen. "In dieser Hinsicht sehen wir Spielraum für höhere Staatsdefizite und -verschuldung sowie für eine Ausweitung der Spreads europäischer Staatsanleihen", bringt es Dowding auf den Punkt.
Zu optimistisch gestimmt?
"Wir stellen fest, dass Anleger nach wie vor verzweifelt versuchen, bei jeder Schwäche zu kaufen", konstatiert Dowding. Aus fundamentaler Sicht haben höhere Öl- und Gaspreise bereits globale wirtschaftliche Auswirkungen, wobei die politischen Entscheidungsträger ihre Inflationsprognosen nach oben und ihre Wachstumsprognosen nach unten korrigieren. Die Aussichten werden angesichts der anhaltenden Verwerfungen neu bewertet.
Jeder Ausweg wird Dowding zufolge holpriger verlaufen als in früheren geopolitischen Krisen, wenn die Öl- und Gaspreise auf hohem Niveau bleiben und es einige Zeit dauert, bis die Störungen in den Lieferketten spürbar werden.
Die Verwirrung um die Bedingungen des Waffenstillstands führen dazu, dass die Märkte die voreilige Erleichterung in Frage stellen und sich auf die neue Realität werden einstellen müssen.
"Wie immer ist es nicht so einfach, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Es gibt eben nicht nur die „Wahrheit“ von DJT. So oder so: Trotz der Fragilität der aktuellen Lage gibt es Hoffnung auf Frieden. Vielleicht handelt es sich letztendlich um einen doch nicht allzu schwachen Waffenstillstand", hofft Dowding abschliießend. (aa)

