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Vontobel: In diesem Land ist die Rallye noch lange nicht vorbei

Nachdem ein wichtiges Reformgesetz den Kongress passierte, stehen die Börsenampeln bei brasilianischen Papieren auf grün. Investoren sollten sich diesen Markt laut Ansicht von Vontobel Asset Management näher ansehen.

Thierry Larose, Senior Portfoliomanager bei Vontobel Asset Management
Thierry Larose, Senior Portfoliomanager bei Vontobel Asset Management
© Vontobel AM

Gutes Timing hätte sich für Investoren bei Brasilien ausgezahlt: „Zu Beginn des Jahres ging der brasilianische Real (BRL) auf Talfahrt, bevor er in der zweiten Maihälfte zu einer Rallye ansetzte, um alle vorherigen Verluste wieder wettzumachen. Die Anleger, die den Dip gekauft haben, können jetzt einige Gewinne verzeichnen“, schreibt Thierry Larose, Senior Portfoliomanager bei Vontobel Asset Management in einer aktuellen Markteinschätzung. Zwischen dem 20. Mai und dem 11. Juli 2019 hat der BRL gegenüber dem US-Dollar (USD) (inkl. Carry) rund zehn Prozent und lokale Anleihen und Aktien 14 bzw. 25 Prozent zugelegt (inkl. 10 Prozent FX-Aufwertung). „Es ist zwar nie eine schlechte Idee, ein paar Chips vom Tisch zu nehmen, aber wir glauben, dass die Rallye noch einiges an Schwung aufnimmt“, prognostiziert Larose.

Reformwille spricht für steigende Kurse
Trotz der angeschlagenen Wirtschaft des skandalanfälligen Landes feiern die Anleger die lang ersehnte Rentenreform, die am 10. Juli im Parlament ihre wichtigste Hürde genommen hat. Dies hat die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Gesetzesentwurf auch die Zustimmung des Senats erhält, was den Weg für erhebliche staatliche Einsparungen und eine Verbesserung der Schuldenquote des Landes ebnen würde. Die Märkte stiegen aufgrund dieser Nachricht aus zwei Gründen.

Zum einen war der Zeitpunkt ideal, da der Gesetzesentwurf kurz vor der Parlamentspause Anfang nächster Woche verabschiedet wurde. Zum anderen wurden staatliche Einsparungen in Höhe von 800-900 Milliarden Real durchgewunken. Dieser Betrag ist viel höher, als es Analysten erwartet hatten. Diese hatten vor allem befürchtet, dass der Gesetzesentwurf schlussendlich verwässert wird und jeglichen reformativen Elan verliert. Mittlerweile hat der Marktoptimismus so weit zugenommen, dass für andere wesentliche Reformen wie die Steuerreform und die Liberalisierungsagenda ähnlich positive Ergebnisse erwartet werden.

Dieser Durchbruch bei der Rentenreform erlaubt es der Zentralbank endlich, einen geldpolitischen Lockerungszyklus mit Zinssenkungen von rund 100 Basispunkten (Bp) bis Ende des Jahres einzuleiten, um der Wirtschaft einen Schub zu geben.

Mit der Aussicht, dass Brasilien wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrt, initiierten lokale Investoren die Rallye, was wieder internationale Investoren anzieht, die nun vermehrt an die brasilianischen Märkte zurückkehren. 

Rallye könnte weitergehen
Die brasilianische Rallye sei laut Larose noch lange nicht vorbei: „Anleger, die dem Reiz, jetzt Gewinne einzustreichen widerstehen können, tun gut daran, noch etwas länger dabei zu bleiben. Brasilien ist eines der wenigen Schwellenländer, dessen wachstumsfördernde Reformagenda noch anhält, und das das Potenzial hat, mehr Crossover-Investoren, die in brasilianische Vermögenswerte investieren könnten, zu gewinnen. Der BRL verfügt nach wie vor über ein erhebliches Aufwärtspotenzial.“

Einerseits dank der gesunden Zahlungsbilanz des Landes und unterstützender Terms of Trade. Andererseits, weil lokale Investoren seine Aufwertung bisher behindert haben, indem sie in Long-Dollar-Positionen drängten, um ihre Long-Aktien- und Anleihenpositionen in BRL bis zu einem gewissen Grad abzusichern.

„Das vordere Ende der lokalen Zinskurve scheint nach wie vor attraktiv zu sein, da wir erwarten, dass der SELIC-Zinssatz im ersten Quartal des nächsten Jahres fünf Prozent erreicht könnte, was 150 Basispunkte unter dem aktuellen Niveau und 50 Basispunkte unter dem Level liegt, das der Markt derzeit für das Ende des Lockerungszyklus einpreist. Gleichzeitig sieht das lange Ende der nominalen Kurve fair aus, und wir erwarten nicht, dass es sich weiter absenkt, zumal die Zehn-Jahres-Rendite unter ihre mexikanischen, indonesischen und russischen Äquivalente mit Investment-Grade-Rating gefallen ist“, erklärt Larose.

Die Realzinsen (NTN-B inflationsgebundene Anleihen) haben sich erholt und auch ein faires Preisniveau erreicht, nachdem sie sich unter ihren mexikanischen Kollegen (Udibonos) stabilisiert haben. Darüber hinaus dürften die Langfristzinsen (sowohl nominal als auch real) angesichts des lokalen Rebalancing zwischen Anleihen und Aktien kaum fallen, da Mittelbewegungen bei sinkenden kurzfristigen Zinsen eher Aktien begünstigen.

Innenpolitik könnte Party crashen
Die Marktstimmung sei zwar laut Larose positiv, allerdings könnte jeder Verlust von politischem Kapital der Rallye ein abruptes Ende bereiten. Die Kommunikation der Regierung mag sich verbessert haben, ist aber immer noch mit ideologischer Rhetorik durchsetzt, die die Bevölkerung weiterhin polarisiert. Eines der schwächsten Glieder der Regierung ist der legendäre Justizminister Sérgio Moro, der im Mittelpunkt eines Skandals um seine Rolle in der so genannten "Operation Car Wash" steht, die 2016 zur Amtsenthebung von Dilma Rousseff und im vergangenen Jahr zur Inhaftierung des ehemaligen Präsidenten Lula führte.

Moro ist nicht zwar nicht direkt an der wirtschaftlichen Reformagenda beteiligt, wird aber von den Partisanen von Präsident Bolsonaro verehrt, sodass ein Rücktritt, auch wenn unwahrscheinlich, verheerende politische Folgen haben könnte.

Bisher war die Strategie der Regierung, die Anschuldigungen als Fake News abzutun. Jedoch ist unklar, was Plan B wäre, falls sich die Anschuldigungen als fundiert erweisen sollten. Schließlich bleiben Streitigkeiten zwischen Regierungsfraktionen ein wesentliches Risiko, da Präsident Bolsonaro dazu neigt, ausgewählte Teile seiner Wählerschaft, die im Nationalkongress durch die konservativen Interessengruppen von Bauern, Evangelikalen und Pro-Gun-Gesetzgebern vertreten sind, systematisch zu schützen.

Daher besteht laut Larose die Gefahr, dass der Rest seiner Wählerschaft das Gefühl bekommt, auf der Strecke zu bleiben, was zu Unruhen führen könnte, da die Regierung keine formelle Mehrheit im Kongress hat. Dies würde der Agenda der Wirtschaftsreformen schweren Schaden zufügen und internationale Investoren abschrecken. (aa)

 

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