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Unterschätzter Trend: China entwickelt sich zur Forschungs-Supermacht

Wenn Europäer an China denken, kommen ihnen neben Großer Mauer und Peking-Ente vor allem billige Plastikprodukte und Elektronikartikel in den Sinn. Dass das Land sich gerade anschickt, in Sachen Forschung und Innovation zu einer Supermacht zu werden, ahnen wohl nur die Wenigsten.

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Dr. Clemens Kustner, ASPOMA Asset Management: "Bereits 2012 pumpte China 257 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung – und damit nur 30 Milliarden Dollar weniger als die gesamte Europäische Union. Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, wird China 2019 mehr Geld für seine Innovationen ausgeben als jedes andere Land."
© ASPOMA

Dr. Clemens Kustner, einer der Gründungspartner der schweizerischen ASPOMA Asset Management, geht in einem Kommentar der Frage nach, ob sich China dank umfangreicher Forschungs-Anstrengungen auf dem Weg zu einer Supermacht auf diesem Gebiet entwickelt:

"China hat als Kooperationspartner westlicher Unternehmen nicht eben den besten Ruf. Zu frisch sind die Erinnerungen an die zahllosen Raubkopien, mit denen sich seine Unternehmen Know-how aus der entwickelten Welt einverleibt haben. Inzwischen verfolgt man aber auch andere Strategien, um die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu bringen: Zum einen arbeiten zahllose Chinesen an allen relevanten Forschungslaboren weltweit – bei ihrer Rückkehr bringen sie wertvolles Wissen und Kompetenzen mit. Zum anderen holt man sich Innovationen durch den Kauf ausländischer Firmen in strategischen Sektoren ins Land: So gehört Syngenta als ein führendes Unternehmen der Grünen Biotechnik nun zu ChemChina.

China war einst ein Land der Erfinder
Noch wichtiger aber dürfte schon bald die eigene Forschung und Entwicklung (Research & Development, R&D) werden. Seit einigen Jahren schon verfolgt Chinas Regierung das Ziel, das Land in eine „Innovationsgesellschaft“ zu verwandeln; bis zum Jahr 2050 soll es in Wissenschaft und Technik sogar weltweit führend sein. Wer die Ansprüche Chinas für vermessen hält, sei daran erinnert: Schießpulver, Kompass, Wasserrad und Papiergeld wurden von Chinesen erfunden – und das in einer Zeit, als von Innovationen in Europa noch nichts zu sehen war.

Investitionen in die Forschung explodieren
Gut möglich, dass Chinas moderner Innovations-Zyklus jetzt durchstartet. Die Regierung hat den klaren politischen Willen dazu und enorme finanzielle Mittel, um eine Infrastruktur des Wissens zu schaffen: Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 hat das Land die Ausgaben für R&D mehr als verdoppelt, während sie in den OECD-Staaten gerade mal um 1,6 Prozent im Jahr wuchsen. Bereits 2012 pumpte China 257 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung – und damit nur 30 Milliarden Dollar weniger als die gesamte Europäische Union. Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, wird China 2019 mehr Geld für seine Innovationen ausgeben als jedes andere Land. Kein Wunder, dass dort wohl bald mehr Doktorgrade verliehen werden als sonst in einem Land.

Konzentration auf strategische Sektoren
Entscheidend ist jedoch, was gefördert wird. Um den Maschinenbau etwa, den die Deutschen bereits so gut beherrschen, macht Peking einen Bogen. Stattdessen konzentriert man sich auf neu entstehende strategische Sektoren, in denen auch die westlichen Länder noch relativ am Anfang stehen. Dazu gehören etwa:

  • die Biotechnologie: So ist das Beijing Genomics Institute, in dem 2300 Forscher arbeiten, inzwischen „das produktivste Unternehmen zur Entschlüsselung menschlicher, pflanzlicher und tiersicher DNA auf der Welt“, wie die Fachwelt urteilt. Natürlich will das globale Gen-Google auch Geld verdienen – etwa mit dem Klonen von Kühen, dem Ausmerzen von Alzheimer oder DNA-Vorsorgeuntersuchungen. Ein Hintergrund des Biotech-Booms ist, dass China in den kommenden Jahren dank der wachsenden Städte immer weniger Boden zur Verfügung hat, um seine Bevölkerung zu ernähren.
  • die Robotertechnologie: 2015 kam bereits ein gutes Drittel aller Patentanmeldungen in der Robotertechnik aus China. Dies hat auch damit zu tun, dass viele Unternehmen im Reich der Mitte immer mehr solcher Geräte in die Produktion nehmen wollen – nicht zuletzt, weil die Löhne stark gestiegen sind. Aber die Patentanmeldungen betreffen auch Roboter, die im Alltag eingesetzt werden sollen. Das jüngst angekündigte Übernahmeangebot des chinesischen Unternehmens Midea für den deutschen Roboterhersteller KUKA passt da gut ins Bild.
  • die Informationstechnologie: Bei der Entwicklung sogenannter Quantum-Computer, deren Rechenkapazität jene von heutigen Supercomputern deutlich übertreffen soll, steht China in der ersten Reihe. So wurde zwischen Schanghai und Peking eine 2.000 Kilometer lange Leitung geschaffen, um die Verschlüsselung mit der Quantum-Methode zu testen. Die Europäische Union hat eben die Herausforderung angenommen und eine Milliarde Euro für die Quantum-Forschung freigegeben.

Fazit: China ist auf dem Weg zur technologischen Supermacht deutlich weiter, als es vielen Europäern bewusst ist. Doch ob die ehrgeizigen Ziele voll erreicht werden, hängt auch davon ab, wie flexibel die chinesische Führung den institutionellen Rahmen gestalten wird. Es ist nur schwer vorstellbar, dass hochqualifizierte Forscher einerseits Spitzenleistungen bringen und sich andererseits dauerhaft von Parteikomitees gängeln lassen."

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