Über oft nur wenig berücksichtigte Faktoren beim Quant-Investing
Aberdeen Investments geht in einer aktuellen Kurzanalyse auf eine grundlegende, aber entscheidende Frage ein, die sich nicht immer alle Quant-Investoren genau genug stellen.

Eckpunkte:
- Gewichtung und Faktorsteuerung entscheiden bei quantitativen Investments über Risiko und Rendite
- Welchen Index man wählt, ist keine neutrale Entscheidung
- Investoren sollten bei Indizes versteckte Kosten und implizite Faktorwetten mitberücksichtigen
Quantitative Anlagen werden häufig über Modelle, Faktoren oder Rebalancing?Frequenzen diskutiert. „Weniger Aufmerksamkeit erhält hingegen eine grundlegende, aber entscheidende Frage: Wie sind Aktien im Index eigentlich gewichtet und welche impliziten Risiko? und Faktorentscheidungen gehen damit einher?“, fragt Nick Millington, Head of Systematic Index Solutions bei Aberdeen Investments, in einer aktuellen Analyse seines Hauses.
Indexgewichtung ist keine neutrale Entscheidung
Im Zentrum jedes Aktienindex steht laut Millington eine strukturelle Weichenstellung: die Gewichtung der enthaltenen Titel. Die Mehrheit der großen Aktienindizes folgt der Marktkapitalisierung. Größere Unternehmen erhalten ein höheres Gewicht, kleinere ein entsprechend geringeres. Dieser Ansatz ist effizient, liquide und skalierbar – Eigenschaften, die seine weite Verbreitung erklären. Gleichzeitig führt er jedoch zu struktureller Konzentration und einer stärkeren Ausrichtung auf große Unternehmen mit hohem Wachstums-? und Momentum-Profil.
Als Gegenmodell haben sich gleichgewichtete Indizes etabliert. Sie reduzieren Konzentration, indem sie jeder Aktie – unabhängig von ihrer Größe – das gleiche Gewicht zuweisen. Damit verändern sie jedoch nicht nur die Struktur, sondern auch die Charakteristik des Portfolios: Die Exponierung gegenüber kleineren, häufig volatileren Unternehmen steigt deutlich. „Was auf den ersten Blick nach Diversifikation aussieht, ist in Wirklichkeit eine bewusste Verschiebung des Faktor?Exposures“, weist Millington in seiner Analyse hin.
Versteckte Kosten und implizite Faktorwetten
Ein häufig unterschätzter Nebeneffekt gleichgewichteter Indizes ist ihre hohe Umschlagshäufigkeit, erinnert Millington: „Da sich Aktienkurse permanent verändern, müssen gleichgewichtete Indizes deutlich häufiger angepasst werden, um die Gleichverteilung aufrechtzuerhalten. In der Praxis führt das zu erhöhten Handelsaktivitäten und potenziell höheren Transaktionskosten. Historische Vergleiche zeigen, dass der Umsatz gleichgewichteter Indizes ein Vielfaches klassischer Marktkapitalisierungsgewichteter Pendants betragen kann.“
Darüber hinaus erzeugt jede Form der Indexgewichtung implizite Faktorwetten. Marktkapitalisierungsindizes tendieren strukturell zu Momentum?Exposures, während gleichgewichtete Indizes stärker auf Value? und Size?Faktoren ausgerichtet sind. „Diese Effekte sind nicht zwangsläufig problematisch – sie werden jedoch oft unbewusst eingegangen. Genau hier liegt ein zentrales Risiko passiver Strategien: Faktorallokationen entstehen implizit, ohne aktiv gesteuert oder kontrolliert zu werden“, merkt Millington an.
Robustheit über Marktzyklen hinweg
Die vergangenen Jahre haben laut Millington eindrücklich gezeigt, wie stark Marktphasen und Stilpräferenzen wechseln können: wachstumsdominierte Phasen, Value?Comebacks, geopolitische Schocks und geldpolitische Wendepunkte folgten in kurzer Abfolge. „Eine zentrale Erkenntnis aus der praktischen Umsetzung systematischer Strategien über mehr als ein Jahrzehnt lautet: Kein einzelner Faktor ist dauerhaft überlegen“, erinnert Millington.
Multi?Faktor?Strategien zielen daher nicht auf die Maximierung eines einzelnen Stils, sondern auf Ausgewogenheit. Phasen der Underperformance einzelner Faktoren können durch andere kompensiert werden. Entscheidend ist dabei weniger das Signal selbst als dessen Umsetzung: Risikokontrollen, diszipliniertes Umschlagmanagement und eine robuste Portfoliokonstruktion bestimmen maßgeblich, ob sich theoretische Vorteile in der Praxis realisieren lassen.
Erfahrung als Unterscheidungsmerkmal
Aberdeen Investments verwaltet Enhanced?Index?Strategien seit über zehn Jahren und hat sie durch sehr unterschiedliche Marktumfelder geführt. In dieser Zeit wurden die Faktordefinitionen verfeinert, proprietäre Risikomodelle entwickelt und Prozesse kontinuierlich weiterentwickelt – ohne die grundlegende Philosophie des disziplinierten, multifaktoriellen Investierens zu verändern. Statt zwischen Marktkapitalisierung und Gleichgewichtung zu wählen, überlagern Enhanced Index-Strategien einen ausgewählten Referenzindex gezielt mit einer systematischen Faktorsteuerung. Ziel sei es, unterrepräsentierte Faktoren bewusst zu verstärken, ohne die Effizienz, Liquidität und Kostenvorteile des Ausgangsindex aufzugeben.
Hier profitieren Ansätze, bei denen Aktien innerhalb des Index anhand klar definierter Faktoren – im Speziellen die Faktoren Value, Quality und Momentum – bewertet und entsprechend über- oder untergewichtet werden. Damit wird laut Millington Faktorallokation zu einer expliziten, steuerbaren Entscheidung und nicht zum unbeabsichtigten Nebenprodukt der Indexkonstruktion.
„Für institutionelle Anleger ergibt sich daraus ein klarer Mehrwert: Ein systematischer Ansatz, der Indexeffizienz mit bewusster Faktorsteuerung verbindet, implizite Risiken transparent macht und auf langjähriger Umsetzungserfahrung basiert. Gerade in einem Umfeld erhöhter Volatilität kann diese Kombination aus Struktur, Disziplin und Erfahrung entscheidend sein“, erklärt Millington abschließend. (aa)

