Trotz Friedensplan: EZB warnt bei Inflation vor Kontrollverlust
Ein möglicher Frieden zwischen den USA und dem Iran könnte den Ölpreis weiter drücken. Für die EZB ist das aber offenbar kein Grund zur Entwarnung: Mehrere Notenbanker halten zusätzliche Zinserhöhungen weiterhin für wahrscheinlich.

Ein möglicher Friedensschluss zwischen den USA und dem Iran dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) nicht davon abhalten, die Zinsen weiter anzuheben. Zwar begrüßen Notenbankvertreter die Aussicht auf eine Wiederaufnahme der Öllieferungen durch die Straße von Hormus. Zugleich verweisen sie darauf, dass die wirtschaftlichen Folgen der vergangenen Monate bereits spürbar seien und Inflationsrisiken fortbestünden.
Mehrere EZB-Vertreter machten deutlich, dass sie die Zinserhöhung der vergangenen Woche weiterhin für richtig halten. An den Finanzmärkten wird nach wie vor mindestens ein weiterer Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr eingepreist. Die Einlagefazilität würde damit auf 2,5 Prozent steigen.
Hohe Energiekosten wirken nach
"Höhere Energiekosten werden uns wahrscheinlich länger begleiten, als viele gehofft hatten", sagte EZB-Ratsmitglied Peter Kazimir. Selbst mit dem nun angekündigten Friedensrahmen zwischen den USA und dem Iran lasse sich der Schaden im Nahen Osten nicht über Nacht rückgängig machen.
Als zentrales Problem gilt, dass die Wiederherstellung von Förderkapazitäten, Infrastruktur und Lieferketten Zeit benötigt. Zudem dürfte der Wiederaufbau von Lagerbeständen die Ölpreise vorerst hoch halten.
Die Gefahr für die Eurozone besteht darin, dass Unternehmen höhere Kosten über Preiserhöhungen weitergeben und Arbeitnehmer höhere Löhne verlangen. Dadurch könnte die Inflation länger deutlich über dem EZB-Ziel von zwei Prozent verharren.
Ökonomen erwarten weitere Anhebung
Greg Fuzesi von JP Morgan sieht den Friedensplan zwar als Entlastung für die EZB, hält den Druck zu weiteren Zinsschritten aber weiterhin für hoch. Nach seiner Einschätzung dürfte auf die Zinserhöhung der vergangenen Woche im September eine weitere folgen. Die Risiken tendierten inzwischen sogar leicht in Richtung einer dritten Anhebung bis Jahresende.
Ähnlich äußerten sich mehrere Notenbanker. Portugals Notenbankchef Alvaro Santos Pereira verwies darauf, dass die Normalisierung der Energiemärkte Zeit benötige. Der lettische Zentralbankchef Martins Kazaks warnte vor einer Abfolge mehrerer aufeinanderfolgender Schocks. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel betonte zudem, dass auslaufende staatliche Entlastungsmaßnahmen bei Energiepreisen die Inflation in den kommenden Monaten zusätzlich erhöhen könnten.
Auch EZB-Ratsmitglied Gabriel Makhlouf warnte vor voreiligen Schlüssen. Das Ende eines Konflikts bedeute nicht zwangsläufig das sofortige Ende des wirtschaftlichen Schocks.
Inflation bleibt über dem Zielwert
Der Ölpreis ist inzwischen von rund 110 US-Dollar je Barrel auf unter 80 Dollar gefallen. "Bloomberg Economics" hält im Fall einer Umsetzung des Abkommens sogar einen Rückgang auf 70 bis 75 Dollar für möglich.
EZB-Chefvolkswirt Philip Lane sieht dennoch anhaltenden Inflationsdruck: "Vier Monate mit hohen Energiepreisen bedeuten, dass wir in der Inflations-Pipeline sehen können, dass die Teuerung über drei Prozent liegen wird", sagte Lane. Indirekte Effekte auf Lebensmittel, Waren und Dienstleistungen würden sich in diesem Jahr und darüber hinaus bemerkbar machen.
Lagarde warnt vor Kontrollverlust
Zwar geht die EZB in ihrem Basisszenario davon aus, dass die Teuerung erst 2028 wieder auf zwei Prozent zurückkehrt. Einige Ökonomen plädieren dennoch dafür, zunächst weitere Daten abzuwarten. Sinkende Ölpreise könnten helfen, Inflationserwartungen zu stabilisieren und der EZB mehr Zeit verschaffen.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde machte jedoch deutlich, dass für sie die Inflationsbekämpfung weiterhin oberste Priorität hat. Sollte sich die Nachricht bestätigen und in den kommenden Tagen in einer Vereinbarung münden, sei das positiv, sagte sie. "Aber ich muss die Inflation bekämpfen, wenn sie wieder aufflammt, denn wenn die Inflation erst einmal außer Kontrolle geraten ist, wird es viel schwieriger und kostspieliger sein, sie wieder einzudämmen." (mb/Bloomberg)


