Tipping Points: Institutionelle suchen adäquate Risiko-Modellen
Abrupte und unumkehrbare Klimaveränderungen galten an den Finanzmärkten lange als schwer greifbares Extremrisiko. Nun beginnen Pensionsfonds und Asset Manager, mögliche Kipppunkte in ihre Portfolioanalysen einzubeziehen – obwohl deren Zeitpunkt kaum vorherzusagen ist.
ECKPUNKTE:
- Standard Life will Klimakipprisiken künftig über sein gesamtes Portfolio von 317 Milliarden Pfund simulieren.
- JPMorgan erwartet nach illiquiden Sachwerten vor allem an den Anleihemärkten frühe Preisreaktionen.
- Der ungewisse Zeitpunkt möglicher Kipppunkte erschwert ihre Einbindung in klassische Risikomodelle.
Institutionelle Investoren beschäftigen sich zunehmend mit den Folgen sogenannter Klimakipppunkte für ihre Portfolios. Das Thema gewinnt laut Bloomberg unter anderem bei Allianz Global Investors und Standard Life an Bedeutung. JPMorgan spricht in diesem Zusammenhang von „Climate Black Swan Risks“.
Klimakipppunkte sind kritische Schwellen in miteinander verbundenen natürlichen Systemen wie Atmosphäre, Landflächen, Ozeanen und Eis. Werden sie überschritten, können abrupte, gefährliche und unumkehrbare Veränderungen einsetzen. Bloomberg nennt als Beispiele das Absterben von Korallenriffen, die Umwandlung des Amazonas-Regenwaldes in eine Savanne oder ein nicht mehr aufzuhaltendes Abschmelzen des grönländischen Eisschilds.
Standard Life will im kommenden Jahr mit der Entwicklung eines entsprechenden Risikomanagements beginnen. Geplant sind Simulationen für das gesamte Portfolio im Umfang von 317 Milliarden Pfund, um die Auswirkungen möglicher Tipping Points auf verschiedene Vermögenswerte zu untersuchen. Spätestens Mitte 2028 dürften Investoren, die sich nicht ernsthaft mit diesen Gefahren auseinandersetzen, nach Einschätzung von Hetal Patel, Leiter der Nachhaltigkeitsanalyse bei Standard Life, außerhalb des Marktkonsenses liegen.
Frühe Preisreaktionen
Für Investoren stellt sich vor allem die Frage, wann Märkte solche Risiken einpreisen, wo sich besonders hohe Exposures befinden und wie sich Entscheidungen unter erheblicher wissenschaftlicher Unsicherheit treffen lassen. Nach Analysen von JPMorgan dürften nach illiquiden Sachwerten die Anleihemärkte zu den ersten Segmenten gehören, die von Neubewertungen betroffen wären.
Sarah Kapnick, Global Head of Climate Advisory bei JPMorgan, empfiehlt Investoren daher, ihre Analysen von Extremrisiken regelmäßig an den aktuellen Stand der Forschung anzupassen. Wer mit der Vorbereitung zu lange warte, könnte später nicht mehr ausreichend reagieren. Besonders relevant sei dies für Anleger mit langen Zeithorizonten. Bei Banken zählt Kapnick etwa Hypothekenportfolios zu den Positionen, in denen physische Klimarisiken aufgrund ihrer langen Laufzeiten sichtbar werden können.
Auch die Finanzaufsicht greift das Thema auf. Wie Bloomberg berichtet, forderte die britische Prudential Regulation Authority Banken und Versicherer im vergangenen Jahr auf, nichtlineare und unumkehrbare Klimarisiken zu berücksichtigen. Vergangenheitsbezogene Daten seien für die Einschätzung künftiger Gefahren nicht mehr ausreichend.
Versicherbarkeit als Signal
Allianz Global Investors beobachtet insbesondere die Versicherungsbranche, um mögliche Preisreaktionen an den Kapitalmärkten frühzeitig zu erkennen. Erst wenn physische Klimafolgen die Versicherbarkeit von Vermögenswerten beeinträchtigten und dadurch finanzielle Schwellen überschritten würden, dürfte das Thema nach Einschätzung von Mark Wade, Leiter der Nachhaltigkeitsanalyse und Stewardship bei AllianzGI, breitere Aufmerksamkeit erhalten.
Als besonders bedeutsames Beispiel nennt Bloomberg die Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC), auf Deutsch meist „Atlantische meridionale Umwälzzirkulation“. Das System transportiert warmes Wasser aus der Äquatorregion nach Nordwesteuropa und sorgt dort für vergleichsweise milde Winter. Ein Zusammenbruch könnte die gewohnten Wettermuster grundlegend verändern. Bloomberg verweist auf neuere Modellrechnungen, denen zufolge Großbritannien deutlich kältere Winter drohen könnten. Gleichzeitig würde die fortschreitende Erderwärmung heißere und trockenere Sommer begünstigen – mit entsprechenden Risiken für Wasserversorgung und Landwirtschaft.
Der Klimaforscher Tim Lenton von der University of Exeter berichtet laut Bloomberg bereits von einem Vermögensverwalter, der betroffene Anlagen verkaufen will, sobald Wissenschaftler das Überschreiten eines bestimmten Kipppunkts feststellen. Dabei spiele es keine Rolle, wie lange es dauere, bis die Folgen vollständig sichtbar würden. Ist eine Entwicklung unumkehrbar, könnten Märkte künftige Schäden unmittelbar vorwegnehmen.
Grenzen der Modelle
Für Investoren bleibt das Timing für Modellierung solcher Szenarien allerdings außerordentlich schwierig. Mirko Cardinale, Leiter der Anlagestrategie bei USS Investment Management, hält den Versuch, den exakten Zeitpunkt eines Kipppunkts vorherzusagen, für wenig hilfreich. Es gebe jedoch Hinweise darauf, dass etwa das Auftauen des Permafrosts oder ein Zusammenbruch der AMOC innerhalb der kommenden 15 bis 20 Jahre kritische Schwellen erreichen könnten.
USS, das die Pensionsgelder britischer Universitätsbeschäftigter verwaltet, arbeitet bei Szenarioanalysen üblicherweise mit einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Gegen Ende dieses Zeitraums könnten Klimakipppunkte bereits größere Bedeutung für das Portfolio erlangen, erklärt Cardinale. (bloomberg/hw)