Speicherchips: Warum Anleger den KI-Zyklus unterschätzen könnten
Nach der KI-getriebenen Rekordnachfrage bei Speicherchips rechnen viele Anleger mit dem nächsten Abschwung. Doch laut DNB könnte sich die Marktmechanik verändert haben: Langfristige Lieferverträge und anhaltende Knappheit könnten das traditionelle Boom-Bust-Muster brechen.

Eckpunkte:
- Extreme Knappheit trifft auf langfristig vertraglich abgesicherte Nachfrage
- Speicherhersteller könnten dadurch berechenbarer werden
- Milliardeninvestitionen in neue Kapazitäten bergen weiter Überangebotsrisiken
Bei Speicherchips folgte die Börsenlogik lange einem bekannten Muster: Steigende Preise und Margen führten zu höheren Investitionen, neue Kapazitäten schließlich zu Überangebot und fallenden Preisen. Entsprechend skeptisch betrachtet der Markt nach Einschätzung von Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager des DNB Fund Disruptive Opportunities, auch den aktuellen KI-getriebenen Speicherboom.
Doch diesmal könnte sich nicht nur die Nachfrage, sondern auch die Struktur des Marktes verändert haben. Künstliche Intelligenz macht Speicher zunehmend zum Engpass. Leistungsfähigere Prozessoren benötigen immer größere Mengen schnellen Speichers. Insbesondere High Bandwidth Memory (HBM) ist dadurch zu einem zentralen Bestandteil der KI-Infrastruktur geworden.
Knappheit trifft auf langfristige Verträge
Gleichzeitig sichern Hersteller einen wachsenden Teil der künftigen Nachfrage langfristig ab. Micron hat 16 sogenannte Strategic Customer Agreements abgeschlossen, viele davon mit Laufzeiten bis 2030 und verbindlichen Abnahmemengen. Zudem sei die gesamte Produktion für 2026 bereits verkauft; derzeit könne Micron nur rund die Hälfte der tatsächlichen Nachfrage bedienen, schreibt Wickstrand-Iversen. "Für Anleger ist das ein ungewöhnliches Bild: Die Knappheit ist extrem, gleichzeitig wird ein wachsender Teil der künftigen Nachfrage schon heute vertraglich abgesichert", so der Fondsmanager.
Auch Sandisk hat mit acht Kunden mehrjährige Vereinbarungen geschlossen. Sie sollen rund die Hälfte der Bit-Kapazität im Geschäftsjahr 2027 und etwa zwei Drittel 2028 abdecken. Das könnte die Planungssicherheit in einer Branche erhöhen, deren Gewinne traditionell stark schwanken.
Hohe Investitionen bleiben Risiko
Die Gegenthese bleibt allerdings bestehen: Die Hersteller investieren massiv. Micron will die Investitionsausgaben auf mehr als 25 Milliarden US-Dollar erhöhen, Samsung plant laut DNB 73 Milliarden Dollar. In früheren Zyklen wären solche Summen ein Warnsignal gewesen: Hohe Preise führen zu hohen Investitionen, diese zu Überkapazitäten und schließlich zu Preisdruck.
Gleichzeitig verweist Wickstrand-Iversen auf eine mögliche anhaltende Knappheit. Der Vorsitzende der SK Group warne vor einer Wafer-Knappheit von mehr als 20 Prozent bis 2030. Genau dieser Gegensatz zwischen aggressivem Kapazitätsausbau und knappen Kapazitäten macht den aktuellen Zyklus schwer einzuordnen.
DNB stellt deshalb der klassischen Boom-Bust-Kurve eine mögliche technologische S-Kurve gegenüber. KI könnte eine strukturell neue Nachfragebasis schaffen, während mehrjährige Verträge verhindern könnten, dass Kapazitäten ähnlich unkoordiniert aufgebaut werden wie in früheren Zyklen. Die Zyklik würde damit nicht verschwinden, die Nachfrage könnte nach einem Abschwung aber auf einem strukturell höheren Niveau liegen.
"Entscheidend ist, ob sich die strukturelle Nachfrage schneller entwickelt als die neue Produktionskapazität", schreibt Wickstrand-Iversen. Kommt die neue Kapazität schneller, drohen weiterhin Überangebot und fallende Preise. Bleibt Speicher dagegen knapp, könnte sich das Gewinnprofil der Branche verändern. Die zentrale Frage lautet für den Fondsmanager daher: "Ist Speicher überhaupt noch derselbe Zykliker wie vor dem KI-Boom?" (dv)


