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Sollen Zentralbanken Aktien kaufen?

Diese Frage stellt sich Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Münchner Investment-Boutique Assenagon. Die Schweizer Nationalbank (SNB) tut das ja bereits seit geraumer Zeit und hat mit Aktienanlagen gute Erfahrungen gemacht. In anderen Ländern wäre das aber ein Schritt in Richtung Staatskapitalismus.

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"Immer häufiger wird darüber gesprochen, ob Zentralbanken nicht auch Aktien kaufen sollten, wenn zum Beispiel die Konjunktur unerwartet schwächer werden sollte", hält Dr. Martin Hüfner fest. "Zentralbanken sollten sich nicht um Gewinnmaximierung oder gesamtgesellschaftliche Ziele kümmern, sondern um die Stabilität des Geldwertes."
© Assenagon

Dass Zentralbanken Aktien kaufen, hätte Hüfner früher nie für möglich gehalten: "Das passt einfach nicht zu den Notenbanken. Sie ha­ben für die Stabilität des Geldwertes und des Finanzsys­tems zu sorgen. Sie müssen sich aber nicht um Aktien auf dem Kapitalmarkt kümmern. Wenn man früher mit den Chefs der Deutschen Bundesbank über dieses Thema sprach, sind die einem förmlich ins Gesicht gesprungen. Ich habe das am eigenen Leib erlebt." 

Die Zeiten ändern sich

Zwar ist es den Notenbanken in Amerika und in Großbritannien nach wie vor gesetzlich verboten Aktien zu kaufen, es gibt inzwischen aber eine Reihe von Ländern, in denen das möglich ist. Dazu gehört als größtes Japan. Die dortige Zentralbank besaß Ende des Fiskaljahres 2016 Aktien in Höhe von umgerechnet 130 Milliarden US-Dollar. Auch die Notenbanken einiger kleinerer Staaten wie Südkorea, Israel oder der Tschechischen Republik hal­ten Aktien von Unternehmen. Die People's Bank of China hat noch keine Aktien, sucht aber, wie es heißt, nach innova­tiv­eren Verwendungen ihrer Währungsreserven.

Steigender Aktienanteil

Quelle: SNB, eigene Berechnung

Das prominenteste Beispiel in dieser Beziehung ist zweifel­los die Schweiz

Hüfner führt aus: "Ihre Notenbank wies Ende 2016 in ihrer Bilanz Aktienbestände von 129 Milliarden Schweizer Franken aus. Zum ersten Mal hat sie im Jahr 2005 Dividendenpapiere gekauft, da­mals waren es vier Milliarden Franken, was in etwa sechs Prozent der Währungsreserven entsprach. Inzwischen beträgt der Anteil der Aktien an den Währungs­reserven fast 20 Prozent, wie die Grafik veranschaulicht. Die Notenbank in Bern hat heute Aktien von Unternehmen rund um die Welt, ein­schließlich der Schwellenländer. Nur in der Schweiz selbst ist sie nicht investiert." 

Schwerpunkt der SNB-Anlagen liegt bei amerikanischen Un­ternehmen

Hier kauft die Nationalbank alles, was gut und teuer ist. Hüfner: "In ihrem Portefeuille befinden sich Blue Chips wie Apple, Disney, Microsoft und viele andere Firmen. Sie ist nicht nur stiller Finanzinvestor, sie beteiligt sich auch an den Abstimmungen in der Hauptversammlung, nimmt dabei aber nach eigenen Aussagen nicht zur Strategie oder zur Geschäftsentwicklung Stellung. Sie äußert sich nur zu Fragen der Corporate Governance." 

Das Beispiel der Schweiz habe Aktien als Anlage für Wäh­rungsreserven international hoffähig gemacht, so Hüfner weiter. Manch ein Zentralbanker denke sich heute: Wenn sogar die Schweiz das tut, dann kann es wohl nicht ganz falsch sein. Dies in einem Umfeld, in dem die traditionelle Geldpolitik an ihre Grenzen gekommen ist und unkonventionelle Maßnahmen gefragt seien. Wenn die Notenbanken schon Bonds von Un­ternehmen am Markt kauften, dann stelle sich natürlich die Frage, warum es nicht auch einmal Aktien sein sollten.

Es soll auch in der EZB Leute geben, die über Aktienankäufe nachdenken

Denn die Bestände an Staatsan­leihen in den Mitgliedsländern gehen langsam zur Neige. Wenn man die Wertpapierkäufe weiterführen müsste, was im Falle eines Konjunktureinbruchs denkbar wäre, wären Aktien eine Möglichkeit, an zusätzliches Material zu kom­men.

Auf den ersten Blick erscheinen Käufe von Aktien durch Zentralbanken sinnvoll. Die Schweizer Nationalbank ist sehr zufrieden damit. Sie verweist auf die höhere Rentabilität der Anlagen. Zudem sind die Risiken des Portefeuilles geringer, wenn sie nicht nur in Anleihen und Gold, sondern auch in Beteiligungspapiere investiert.

Was noch für Aktienkäufe der Zentralbanken spricht

Es gebe aber noch andere Argumente, meint Hüfner: " Wenn die Zentralban­ken Aktien kaufen, steigen die Kurse. Das kommt Unterneh­men und Anlegern zugute. Zudem erhöht sich die Populari­tät der Aktie, was nicht zuletzt der Altersvorsorge hilft." Was die Argumentation aber übersehe, so Hüfner, sei, dass sich Zentralbanken nicht um Gewinnmaximierung oder gesamtgesell­schaftliche Ziele kümmern sollten, sondern um die Stabilität des Geldwertes. Es mache sehr viel Sinn, die beiden Dinge von­einander zu trennen, sonst komme es leicht zu Zielkonflik­ten. "Dann lässt die Notenbanken beispielsweise die Zinsen länger als notwendig niedrig, um damit Verluste in ihrem Wertpapierportefeuille zu vermeiden. Man müsste innerhalb des Hauses auch strenge "Chinese Walls" zwischen den Geldpolitikern und den Asset Managern etablieren, um In­sidervorteile zu verhindern", weiß der Ökonom. 

Wo bleibt denn da noch der Markt?

Die Funktionsfähigkeit der Märkte werde beeinträchtigt, wenn immer mehr Papiere in die Hände der Zentralbank gerieten und den Marktkräften entzo­gen würden. Hüfner: "Wir sehen das schon jetzt in Europa bei den Staatsanleihemärkten. Darüber hinaus: Soll der Staat durch Aktienbesitz noch mehr Einfluss auf die Wirtschaft bekom­men? Es ist schon problematisch, dass einige Notenbanken auf dem Bondmarkt eine dominierende Stellung haben.
Die Bank of Japan besitzt 40 Prozent aller japanischen Staats­anleihen. Sie ist einer der wichtigsten Leidtragenden, wenn die Zinsen einmal wieder ansteigen sollten. Zudem gibt es für die Regierung keine wirkliche Bremse bei der Verschul­dung. Wie wäre das erst, wenn die Zentralbank dominier­ender Investor bei Aktien würde? Ganz abgesehen von Interessenskonflikten, wenn die Notenbank einzelne Titel kauft. Sie müsste sich auf ETFs beschränken."

Im Falle eines Landes wie der Schweiz kann man das ver­kraften. Es hat eine lange gewachsene Demokratie und Marktwirtschaft. Die Unabhängigkeit der Notenbank und ihre Stabilitätsorientierung sind fest verankert. Zudem wer­den nur ausländische Aktien gekauft. Bei anderen Ländern, die derzeit überlegen, in Aktien zu gehen, ist aich Hüfner nicht so sicher.

Was bedeutet das für den Investor?

"Seien Sie vorsichtig gegenüber allen Ideen, dass die Zen­tralbanken neben Bonds auch Aktien kaufen könnten. Das hilft zwar den Kursen, wäre aber ein gefährlicher Schritt in Richtung Staatskapitalismus und Zerstörung der demokra­tischen, marktwirtschaftlichen Ordnung", hält Dr. Hüfner fest. (kb)

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