Sell off bei Software-Aktien: Warum der Markt übertreiben könnte
Der Mastermind von Vates Invest erklärt, warum der Markt derzeit bei Software-Aktien zwischen Unsicherheit und Neubewertung schwankt und institutionelle Investoren eine differenzierte Sichtweise haben sollten.

Eckpunkte:
- Der Aktienmarkt reagiert zum Teil zu panisch bei Sofware-Unternehmen
- Negative Einstellung zu einigen Software-Anbietern übertrieben
- KI war Auslöser für lange erwartete Korrektur aufgrund zu hoher Aktienpreise
- Investoren sollten genauer hinsehen, es winken zum Teil Schnäppchenpreise
"Selten reagierten Kapitalmärkte so empfindlich auf technologische Erwartungen wie derzeit im Softwaresektor. Nicht Gewinnwarnungen, nicht schwache Bilanzen, nicht einbrechende Nachfrage prägen das Bild – sondern ein Narrativ: Künstliche Intelligenz", kommentiert Benjamin Bente, Geschäftsführer und Portfoliomanager des Vates Parade Fonds bei Vates Invest, die jüngsten Entwicklungen bei Software-Aktien.
Nachdem führende Software- und Cybersecurity-Titel teils erhebliche Bewertungsverluste verzeichneten, scheint die Debatte Bente zufolge von einer zentralen Frage dominiert zu werden: Steht die Softwareindustrie vor einer strukturellen Disruption – oder erleben wir eine klassische Phase der Marktüberzeichnung?
Das Narrativ vom „Ende der Software“ - „the most illogical thing in the world“
Die These, KI-Systeme könnten traditionelle Softwaremodelle ersetzen, gewann zuletzt spürbar an Dynamik. Entsprechend nervös fielen die Marktreaktionen aus. Bewertungen geraten unter Druck, Multiples komprimieren, selbst qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle bleiben nicht verschont. Doch gerade jene, die technologischen Wandel seit Jahrzehnten prägen, widersprechen der Vorstellung eines bevorstehenden Bedeutungsverlusts der Softwareindustrie, verweist Bente auf namhafte Experten.
Jensen Huang, CEO von Nvidia, formulierte bei einem Cisco-AI-Event eine bemerkenswert klare Gegenposition. Die Annahme, die Softwarebranche befinde sich im strukturellen Niedergang, sei „the most illogical thing in the world.“ Für Huang ist Software nicht das Opfer der KI-Revolution, sondern ihr fundamentales Werkzeug: „Software is a tool for AI to use, rather than replace“.
"Diese Perspektive verschiebt den Blickwinkel entscheidend. KI ersetzt nicht Software – sie verändert ihre Rolle, ihre Architektur und ihre Produktivitätslogik", hält Bente fest.
Kursverluste ohne fundamentale Enttäuschungen
Bemerkenswert an der aktuellen Marktphase ist laut Bente die Diskrepanz zwischen operativer Realität und Bewertungsentwicklung. Viele Softwareunternehmen liefern weiterhin robuste Wachstumsraten, stabile Margen und planbare Cashflows.
"Der Druck entsteht primär auf Erwartungsebene. Kapitalmärkte bewerten nicht Gegenwart, sondern Zukunft. KI erweitert die Bandbreite möglicher Szenarien erheblich. Und steigende Unsicherheit wirkt sich unmittelbar auf Bewertungsmaßstäbe aus – selbst bei unverändert soliden Fundamentaldaten. Repricing ist in diesem Kontext weniger ein Urteil über bestehende Geschäftsmodelle als Ausdruck veränderter Risikoannahmen", erklärt der Experte Bente.
Anthropic und die Mechanik der Erwartungsvolatilität
Wie sensibel Märkte derzeit auf technologische Entwicklungen reagieren, zeigte laut Bente nachfolgendes, jüngstes Beispiel eindrucksvoll: Das KI-Unternehmen Anthropic stellte mit Claude Code Security ein System vor, das Softwarecode automatisiert auf Sicherheitslücken analysiert und Optimierungsvorschläge generiert. Die Marktreaktion folgte unmittelbar: Aktien etablierter Cybersecurity-Anbieter gerieten teils deutlich unter Druck. "Bemerkenswert war dabei weniger die Kursbewegung selbst als ihre Ursache. Kein Umsatzschock. Keine regulatorische Veränderung. Keine fundamentale Neubewertung. Sondern die Ankündigung eines einzelnen KI-Features", betont Bente, um anzufügen: "Diese Dynamik offenbart einen klassischen Marktmechanismus: Erwartungen reagieren schneller als Geschäftsmodelle. Wahrnehmungsverschiebungen materialisieren sich oft unmittelbar in Bewertungen – lange bevor sich reale ökonomische Effekte zeigen."
Strukturelle Schwächen oder technologische Beschleunigung?
Eine differenzierte Perspektive liefert Bente zufolge Sridhar Vembu, Gründer des Softwareunternehmens Zoho. Seine Analyse lenkt den Fokus auf eine strukturelle Dimension, die bereits lange vor dem KI-Boom existierte. Teile der SaaS-Industrie seien anfällig gewesen für Neubewertungen: „AI is the pin that is popping this inflated balloon.“
KI erscheint hier weniger als primärer Auslöser denn als Beschleuniger bestehender Marktbereinigungen. Geschäftsmodelle mit hoher Kapitalabhängigkeit und fragiler Profitabilitätsarchitektur reagieren naturgemäß empfindlicher auf veränderte Marktbedingungen.
Narrative, Psychologie und Marktmechanik
Technologische Übergangsphasen verlaufen an den Kapitalmärkten selten geräuschlos. Unsicherheit erzeugt Narrative – Narrative erzeugen Kapitalströme. Steven Sinofsky, ehemaliger Microsoft-Manager, weist auf diese Dynamik hin. Die Vorstellung vom „Tod der Software“ sei schlicht „Nonsense.“ Seine Beobachtung adressiert eine oft unterschätzte Marktmechanik: Investoren agieren nicht isoliert. Wahrnehmungen verbreiten sich kollektiv, Bewertungen reagieren synchronisiert, Volatilität verstärkt sich selbst.
"Gerade wachstumsstarke Sektoren erleben in solchen Phasen regelmäßig ausgeprägte Überzeichnungen – nach oben wie nach unten", merkt Bente an.
Was der Markt wirklich einpreist
Der aktuelle Bewertungsdruck signalisiere nicht das Ende der Softwareindustrie. Er signalisiere die Neubewertung zukünftiger Wertschöpfungsannahmen. Solche Phasen sind historisch keineswegs ungewöhnlich. Technologische Paradigmenwechsel führten regelmäßig zu: kurzfristiger Bewertungsvolatilität, steigenden Risikoabschlägen, aber auch zu außergewöhnlichen Investmentchancen. Repricing bedeutet nicht Zerstörung. Repricing bedeutet Neujustierung.
In Phasen struktureller Unsicherheit verliert die pauschale Sektorbetrachtung an Aussagekraft. Differenzierung wird zum zentralen Erfolgsfaktor. Strukturelle Gewinner dürften jene Unternehmen sein, deren Produkte tief in kritischen Kundenprozessen verankert sind, nachhaltige Wettbewerbsvorteile besitzen, KI als Produktivitäts- und Effizienzhebel nutzen und deren Preissetzungsmacht intakt bleibt. Marktvolatilität und Unternehmensqualität sind nicht zwangsläufig deckungsgleich.
Fazit
"Die gegenwärtige Neubewertung ist Ausdruck eines Marktes, der Zukunft neu kalibriert. Märkte reagieren kurzfristig auf Unsicherheit. Langfristig reagieren sie auf Produktivität. Und genau hier dürfte sich entscheiden, welche Softwareunternehmen im KI-Zeitalter zu den strukturellen Gewinnern zählen", erklärt Bente abschließend. (aa)
