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Rettungsanker Binnenmarkt in Zeiten mit steigendem Protektionismus

Investoren aus Europa sollten es wie die Exporteure halten: Anlagen verstärkt auf den europäischen Markt umlenken", lautet Hüfners Credo.

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Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Münchner Investment-Boutique Assenagon Asset Management: "Die protektionistischen Maßnahmen der Amerikaner kommen just zu dem Zeit­punkt, in dem der europäische Binnenmarkt seine Durststrecke überwindet. Die neue Dynamik im europäischen Handel hilft, die negativen Effekte der ameri­kanischen Zölle abzufedern."
© Assenagon

Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem Trump Zöller erhebt, erholt sich der europäische Binnenmarkt von einer langen Schwächepha­se. "Er kann somit zu einem Auffangbecken für bisherige Exporte in die USA werden. Das ist sicher kein vollwertiger Ersatz. Es hilft aber", weiß Martin Hüfner. "Schauen wir uns das etwas genauer an. In den letzten Jahren hat man nur wenig und ungern darüber gesprochen. Tat­sache aber war, dass der innereuropäische Handel seit Gründung der Währungsunion nicht die Erwartungen erfüllt hat, die man in ihn gesetzt hatte. Ein Grund für die Grün­dung des Euros war, dass man sich gegenüber den großen währungspolitischen Spannungen der 80er und 90er Jahre besser schützen wollte. Sie hatten die Wirtschaft nicht nur viel Geld gekostet. Sie hatten auch zu Attentismus der In­vestoren, einem lange Zeit vergleichsweise niedrigen Wachs­tum und einer schleppenden Beschäftigung geführt."

Mehr Handel im Euroraum?
Eigentlich hätte die Wechselkursstabilität durch den Euro dazu führen müssen, so Hüfnber weiter, dass all diese Probleme beseitigt würden. "Der Handel innerhalb Europas hätte zu- und der mit Drittländern abnehmen müssen. Genau das ist aber zur Überraschung vieler nicht geschehen. Es trat vielmehr das Gegenteil ein. Anfang der 90er Jahre machten die deutschen Exporte in den Euroraum noch knapp 50 Prozent aus. Danach ging es permanent bergab (siehe Grafik). 

Deutsche Exporte in den Euroraum 

Quelle: Bundesbank, eigene Berechnung

Zuerst verlief die Entwicklung noch relativ gemäßigt. In der Finanzkrise betrug der Anteil der deutschen Exporte in die europäischen Nachbarländer noch 43 Prozent. Danach ging es kräftig nach unten. Der Tiefpunkt wurde in den Jahren 2015/2016 erreicht, als der Anteil bis auf 34 Prozent fiel. Das lag zum Teil natürlich an der Eurokrise und den Pro­blemen in Italien, Spanien, Griechenland und anderen Staa­ten. Allerdings darf man diesen Faktor auch nicht überbeto­nen. Hüfnner: "Denn so stark hat die Eurokrise die deutschen Exporte auch wieder nicht beeinträchtigt. Erinnern Sie sich nur da­ran, dass die Wechselkursstabilität in Europa selbst in den schwierigsten Tagen der Eurokrise nie wirklich gefährdet war (außer vielleicht ein paar Wochen auf dem Höhepunkt der Diskussion über den Grexit). Man musste also keine neuen Wechselkursrisiken befürchten."

Entscheidend war etwas anderes: das schwache Wachstum
Es war die Tatsache, so Hüfner, dass Europa in Sachen Wachstum zum kranken Mann der Weltwirtschaft geworden war: "Von 2010 bis 2015 erhöhte sich das reale Sozialprodukt im Euroraum im Schnitt nur um ein Prozent pro Jahr. In den USA war es in dieser Zeit mehr als dop­pelt so viel. In China noch viel, viel mehr. Solche Unterschie­de wirken sich natürlich auch auf die Attraktivität der Regio­nen für die Exporte aus."

Seit Mitte der Dekade hat sich das Bild der Handelsströme nun gedreht
Das war nicht nur ein kurzfristiger Ausrutscher, wie er bei solchen langfristigen strukturellen Entwicklungen immer mal wieder vorkommt. Zuerst hat sich der Anteil der deutschen Exporte in den Euroraum auf niedrigem Niveau stabilisiert. Seit 2015 steigt er wieder. Zuletzt lag er bei 38 Prozent. Hüfner dazu: "Das heißt nichtd anderes, als dass der Euroraum für die deutsche Exportwirt­schaft wieder attraktiver geworden ist. Der Binnenmarkt wird wieder dynamischer – und das in einer Zeit, in der überall populistische Kräfte am Werk sind, die die Integration in Europa eher erschweren. Das war schon bemerkenswert. Die wirtschaftliche schlägt offenbar die politische Zusammenarbeit."

Drei Fakto­ren sind dafür verantwortlich
Das eine sei das Wachstum, so Hüfner: "Eu­ropa hat die Wachstumsschwäche überwunden und steht wieder weitgehend auf Augenhöhe mit den anderen Indus­trieländern. In diesem Jahr wächst die Wirtschaft in den USA zwar wieder etwas schneller als in Europa. Das ist aber im Wesent­lichen bedingt durch die Steuersenkung in den USA. Sie ver­zögert dort den zyklischen Abschwung." 

Der zweite Faktor sei, dass Europa auch in struktureller Hin­sicht wieder besser dastehe: "Die Reformen, die in den letzten Jahren ergriffen worden waren, haben gewirkt. Sie haben die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften verbessert. Irland, Portugal, Spanien und zuletzt sogar Griechenland konnten aus den Anpassungsprogrammen entlassen wer­den. Frankreich hat mutige Reformen durchgeführt, die sich auszuzahlen beginnen. Selbst Italien hat sich trotz der poli­tischen Schwierigkeiten nach der Wahl in wirtschaftlicher Hin­sicht stabilisiert. Europa steht in Sachen Defizite und Verschuldung wesentlich besser da als etwa die USA."

Der dritte Faktor, der jetzt mehr und mehr hinzukommt, sei die Politik des amerikanischen Präsidenten. "Der neue Pro­tektionismus und die Unsicherheiten auf dem US-Markt las­sen manchen Exporteur darüber nachdenken, ob der US-Markt trotz seiner Größe und Dynamik wirklich so attraktiv ist wie alle sagen. Es findet eine Handelsumlenkung von Amerika nach Europa (und nach Asien natürlich) statt." Die Ironie des Schicksals dabei: Der Protektionismus, der dem Eu­roraum aus der Sicht Trumps schaden soll, wird ihm je­denfalls in wirtschaftlicher Hinsicht nutzen.

Was bedeutet das für den Investor?
Die neue Attraktivität des europäischen Binnenmarktes mache den deutschen Export weniger verletzlich gegenüber protektionistischen Attacken, meint Hüfner: "Das hilft natürlich auch der Börse. Investoren aus Europa sollten es wie die Exporteu­re halten: Anlagen verstärkt auf den europäischen Markt um­lenken. Da gibt es keine Wechselkursrisiken, die poli­tischen Unsicherheiten sind geringer und die Gewinne ge­hen – un­ter Schwankungen – auf Dauer auch nach oben. (kb)

 

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