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Produktivitätsparadox: Warum wächst die Produktivität immer langsamer?

Trotz eines immer schnelleren, technischen Fortschritts hinkt die Produktivität bei ihren jährlichen Zuwachsraten hinterher. Ökonom Dr. Martin Hüfner geht der Frage nach den Gründen dafür nach und erläutert, ob dies auch zukünftig so sein wird. Denn dies hat auch Auswirkungen auf die Börse.

Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon
Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon
© Assenagon

Das Produktivitätswachstum verlangsamt sich trotz boomenden tech­nischen Fortschritts. Damit stellt sich die Frage, wie das zusammen passt. Eine Anwort darauf gibt Assenagons Chefvolkswirt Dr. Martin Hüfner. Er weist in einer aktuellen Analyse darauf hin, dass nur ein Teil des technischen Fortschritts die Produktionsprozesse betrifft. Denn die Produktivität werde auch noch von vielen anderen Faktoren beeinflusst. Welche das sind? Das erfahren Sie in Hüfners Wochenkommentar nachfolgend. (aa)


"Eines der großen Rätsel der Ökonomie ist das Produktivi­tätsparadox. Es besagt, dass der technische Fortschritt im­mer schneller wird, dass die Produktivität der Volkswirt­schaft dabei aber nicht mitzieht. Sie nimmt im Gegenteil immer langsamer zu. Der Nobelpreisträger Robert Solow hat das schon vor dreißig Jahren auf die einprägsame Formel gebracht: "Sie können das Computerzeitalter überall sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken".

Das ist ein weltweites Phänomen. Es gilt sowohl für die USA, die durch ihr Silicon Valley zu einem Treiber der mo­dernen Techniken geworden sind, wie auch für Deutsch­land, das noch hinterherhinkt. Die Grafik zeigt die Entwick­lung der Produktivität je Arbeitsstunde in Deutschland in den letzten 25 Jahren. In den 90er Jahren lag die Zuwachs­rate noch bei im Schnitt zwei Prozent p. a. Inzwischen ist sie auf un­ter ein Proznt gefallen. 2018 ist sie gesunken.

Wie passt das zusammen? Wie kommt es, dass der tech­nische Fortschritt boomt, das Wachstum der Produktivität aber eher lahm ist? Ganz einfach. Dahinter steht ein Miss­verständnis. Das ist die Annahme, technischer Fortschritt und Produktivitätswachstum seien praktisch Synonyma. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt zwar Bereiche, in denen technischer Fortschritt die Produktivität verbessert. Es gibt aber mindestens genauso viele Fälle, in denen er nichts mit dem Produktivitätswachstum zu tun hat.

Schauen wir uns das genauer an. Technischer Fortschritt, das sind Innovationen und Erfindungen. Er wird häufig ge­messen an der Zahl der Patente, die in einem Zeitraum an­gemeldet werden. Er bezieht sich zum Teil auf neue Pro­dukte, zum Teil auf neue Prozesse.

Gerade bei den Produkten hat sich in letzter Zeit viel getan. Man denke nur an die Smartphones, die den Markt in den vergangenen Jahren überschwemmt haben. Oder an Autos, Kühlschränke oder Fernsehapparate, die durch neue Erfin­dungen besser geworden sind. All das hat nichts mit der Produktivität zu tun. Es verbessert direkt den Nutzen der Kunden. Insofern enthält die Produktivität nur einen Teil des gesamten technischen Fortschritts.

Die Produktivität bezieht sich allein auf die Produktionspro­zesse. Sie ist definiert als Output je Beschäftigtem oder Be­schäftigtenstunde. Ihre Höhe hängt natürlich von den je­weils vorhandenen beziehungsweise eingesetzten Techno­logien ab. Vor zehn Jahren wurde anders produziert als heute. Insofern vergrößert technischer Fortschritt für sich genommen die Produktivität. Daneben spielen aber auch viele andere Dinge eine Rolle.

Wichtig ist hier vor allem die Umsetzung des technischen Fortschritts in den Betrieben. Die Erfindung der Dampfma­schine hat für die Volkswirtschaft per se überhaupt nichts gebracht. Erst als sie in den Betrieben zum Antrieb von Maschinen oder im Verkehr als Lokomotive genutzt wurde, wurde sie volkswirtschaftlich bedeutsam und hat die Pro­duktivität erhöht.

Bei dieser Umsetzung hapert es vielfach. Es müssen neue Maschinen angeschafft werden. Produktionsprozesse müs­sen umgestaltet werden. Das Personal muss geschult wer­den. Per Saldo erhöht das den Output in den meisten Fällen zunächst überhaupt nicht. Es steigen nur die Kosten. Wenn sich nach einer gewissen Zeit die positiven Effekte zeigen sollten, kommen oft schon wieder neue Technologien, de­ren Einführung wieder Geld kostet. Das ist ein permanenter Prozess, eine Innovation löst die andere ab. Man muss sich nur die großen IT-Abteilungen in den Unternehmen an­schauen, die immer größer werden. All das verlangsamt das Wachstum der Produktivität.

Hinzu kommt, dass die Umsetzung des technischen Fort­schritts in den Betrieben mit sehr unterschiedlichem Tempo erfolgt. Große Unternehmen können es sich meist leisten, Innovationen schneller einzusetzen. Im Mittelstand dauert es in der Regel etwas länger. Nach Berechnungen der OECD haben die fünf Prozent produktivsten Betriebe ihren Output
je Stunde zwischen 2001 und 2013 um 40 Prozent erhöht. Die restlichen 95 Prozent der Betriebe (vor allem im mittelständischen Bereich) haben ihre Produktivität in dieser Zeit dagegen kaum angehoben. Im Durchschnitt ergibt sich daraus eine Zunahme von gerade einmal zwei Prozent, fast gar nichts.

Daneben gibt es noch einen anderen Faktor, der nichts mit dem technischen Fortschritt zu tun hat. Die Umfeldbedin­gungen des Wirtschaftens müssen stimmen. Eine Volkswirt­schaft kann technisch noch so gut und fortschrittlich sein und viele Patente anmelden. Wenn ihre Straßen und Brü­cken schlecht sind und die Güter nicht schnell genug transportiert werden können oder wenn es bei der Aus- und Weiterbildung der Arbeitskräfte hakt, bleibt das Wachstum niedrig und die Produktivität erhöht sich nur langsam.

All das erklärt, weshalb das Produktivitätswachstum trotz hohen technischen Fortschritts so langsam ist und eher noch weiter abnimmt. Es ist zu vermuten, dass sich daran auch nicht so schnell etwas ändern wird. In jedem Fall wird es kaum ausreichen, um die negativen Effekte der demo­grafischen Alterung auf das Wirtschaftswachstum auszu­gleichen.

Für den Anleger
Für den Anleger ist die Unterscheidung zwischen techni­schem Fortschritt und Produktivität wichtig. Im Augenblick kommen viele Firmen mit klugen Ideen und Innovationen an die Börse. Sie sehen attraktiv aus, sind als Unternehmen aber noch nicht so weit, dass sie Geld verdienen.

Die briti­sche Zeitschrift Economist erwähnt ein Dutzend solcher Fir­men, die derzeit entweder schon gelistet sind oder den An­trag gestellt haben. Sie machen insgesamt Verluste in Höhe von 14 Milliarden US-Dollar. Das ist gefährlich für Anleger. Sie sollten es sich genau überlegen, in Firmen zu investieren, die noch kein Geld verdienen. Lassen Sie sich nicht blenden."

 

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