Pimco-CEO Emmanuel Roman sieht Märkte in einem "Nebel von Kriegen"
Der Chef des US-Vermögensverwalters zeichnet ein Bild von Kapitalmärkten, die zwar von einer Vielzahl von Problemen aus geopolitischen Konflikten, Energiewende und Technologiebrüchen geprägt sind. Professionelle Anleiheinvestoren seien aber gerade deshalb jetzt mehr denn je gefragt.

Eckpunkte:
- Der Pimco-CEO nennt fünf wichtige Entwicklungen
- So könnten höhere Staatsausgaben die Renditen nachhaltig nach oben treiben
- KI könnte ihrerseits einen Kreditzyklus auslösen
Gleich fünf Trends hat Emmanuel Roman, seit fast zehn Jahren CEO von Pimco, ausgemacht, die aus seiner Sicht nicht nur die nächsten Jahre bestimmen werden, sondern zugleich das Spielfeld für Manager wie den US-Anleihespezialisten vergrößern werden. Ganz vorne steht dabei für den gebürtigen Franzosen "die Rückkehr der Geopolitik". Auf dem Media Summit des Unternehmens in London sprach er in diesem Zusammenhang von einer Welt im "Nebel von Kriegen". "Konflikte wie die Auseinandersetzungen im Umfeld des Iran haben Risikoaufschläge und Volatilität steigen lassen, während die Märkte Nachrichten zwar schnell, aber nicht immer effizient einpreisen", so Roman.
Für aktive Investoren bedeute das ein Umfeld, in dem Fehlbewertungen häufiger auftreten, und damit Chancen für Alpha-Generierung bieten. Politische Wegmarken wie die US?Wahlen, die unsichere Lage im Vereinigten Königreich und anstehende Urnengänge in Europa könnten zudem Verteidigungsbudgets und Defizite nach oben treiben, was Roman als weiteren strukturellen Treiber von Anleiheemissionen wertet.
Erhebliche Geldmittel nötig
Romans zweiter Punkt, die Energiewende, fügt sich gewissermaßen nahtlos in dieses Bild ein. Für den Übergang in ein dekarbonisiertes System müsse die Welt "enorme Summen" aufnehmen, betont der Pimco-Chef, ein Szenario, das aus Sicht eines großen Kreditinvestors erhebliche Emissions? und Investmentchancen mit sich bringe.
Europa sei dabei in einer verletzlichen Ausgangsposition: Es wolle einerseits nicht länger akzeptieren, dass Inflation und Wachstum vom Mittleren Osten abhängig sind, befinde sich aber andererseits – anders als die USA – nicht in der komfortablen Rolle eines Netto?Exporteurs von Öl und Gas. Die Konsequenz sind aus seiner Sicht massive Investitionsprogramme in Nuklear?, Netz?, Solar- und Windinfrastruktur, ein geradezu klassisches Feld für langfristig orientierte Anleihe- und Privatkreditinvestoren.
Als Drittes richtet Roman den Blick auf einen neuen, KI?getriebenen "Capex?Zyklus". Die großen Technologiekonzerne, von ihm als "Super Scalers" bezeichnet, stehen aus seiner Sicht vor einem "unglaublichen Investitionszyklus", getrieben vom Aufbau globaler Rechenzentren. Pimco versuche, sich frühzeitig in diesem Finanzierungskreislauf zu positionieren, und das insbesondere in Europa und im Nahen Osten, wo die Nachfrage nach großstadtnahen Datenzentren zunehme. Gleichzeitig verweist Roman auf private KI?Unternehmen wie Anthropic oder OpenAI, die sich bislang allein über Eigenkapital finanzieren. Romans implizite Botschaft: "Auf Dauer führt für solche Wachstumsstorys kein Weg an den Kapitalmärkten und damit auch an Fremdkapitalgebern vorbei."
Eine Art diametrale Kehrseite
Diese technologische Zeitenwende habe aber auch eine Kehrseite, die den 62-jährigen zu seinem vierten Punkt führt: KI könnte einen Kreditzyklus auslösen. Die Technologie sei "vielleicht die größte Revolution seit dem Internet, wenn nicht seit der Industrialisierung", mit entsprechendem Disruptionspotenzial in den unterschiedlichsten Geschäftsmodellen. Besonders Teile der Softwareindustrie könnten an Wert verlieren, während andere Anbieter KI produktiv nutzen und neu durchstarten.
Dahinter stehe für Investoren die unbequeme Frage: "Welche Kreditengagements, etwa in Direct?Lending?Strukturen, sind tatsächlich robust, und wo müssen Bewertungen und Verlustannahmen angepasst werden?" Roman lässt offen, wie tief der Einschnitt wird, macht aber klar, dass Mark?to?Market?Fragen und Verlustanerkennung in den kommenden zwölf Monaten wichtiger werden.
In Privatmärkten zählt der saubere Match
An fünfter Stell diskutierte Roman den Vormarsch privater Märkte bis in den Retail?Bereich. In den USA befinde sich der 401(k)?Markt im Umbau, und die Private?Equity?Industrie dränge auf Zugang zu diesen langfristigen Geldern. Das Versprechen, private Anlagen würden über lange Fristen systematisch höhere Renditen als börsennotierte Aktien generieren, bezeichnet er als "enorm diskussionswürdig". Damit stellt der Pimco?Chef das gängige Marketing?Narrativ der Branche zumindest teilweise infrage. Für ihn zählt vor allem der saubere Match zwischen langlaufenden, illiquiden Assets und dem Liquiditätsbedarf der Anleger. Der Renditeaufschlag sei für ihn die Gegenleistung für den Verzicht auf Liquidität.
Sehr klar und ausdrücklich positioniert sich Roman gegen die These, private Märkte seien aktuell ein systemisches Risiko. Aus Pimcos Sicht sei die Lage nicht systemisch, private Assets hätten durchaus ihren Platz im Portfolio, müssten aber "liefern, was auf der Verpackung steht". Zugleich weist er auf die enorme Heterogenität dieser Anlageklasse hin. Diese reiche schließlich von Infrastruktur über Venture Capital bis hin zu notleidenden Kreditportfolios, was pauschale Urteile erschwere.
Europa muss sich entscheiden
Besonders deutlich wird Roman, wenn es um Europa geht. Der Experte, der selbst lange in London tätig gewesen ist, sieht den Kontinent vor einer Richtungsentscheidung: "Entweder Europa nutzt die Gelegenheit, als Block ein Gegengewicht zu den USA und China zu bilden, oder es verliert im Technologiewettlauf weiter an Boden." Sorgen bereitet ihm der Aufstieg extremistischer Parteien und der schwindende Fokus auf das "Common Good", das Gemeinwohl. Seine etwas zugespitzte, aber für Investoren klare Lesart: Ohne eigene "Gewinner" à la Nokia oder SAP drohe Europa, beim KI? und Innovationsschub vor allem als Kapitalgeber, aber nicht als Wertschöpfer dazustehen. (hh)

