Philip Lane erwartet Inflationsrückgang erst ab Mitte 2027
Öl und Gas verteuern sich erneut und treiben zunehmend auch Lebensmittel, Strom und Warenpreise. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane rechnet deshalb mit hartnäckigerer Inflation – sieht Europas Wirtschaft aber weiter auf moderatem Wachstumskurs.

Eckpunkte:
- Hohe Energiepreise werden die Inflation bis auf weiteres hoch halten
- Es droht eine zweite Inflationswelle, die hartnäckig sein könnte
Eine neue Welle hoher Energiepreise wird dafür sorgen, dass die Inflation im Euroraum länger erhöht bleibt, als die Europäische Zentralbank (EZB) zunächst erwartet hatte. Das sagte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane der Schweizer Zeitung "Le Temps".
"Wir erleben derzeit eine zweite Welle von Preisanstiegen, nicht nur beim Öl, sondern auch beim Gas", erklärte Lane am Dienstag (22.9.) in einem Interview. "Wir gehen davon aus, dass diese zweite Welle steigender Energiepreise zu einer höheren und hartnäckigeren Inflation führen dürfte, bevor sie ab Mitte 2027 wieder in Richtung unseres Ziels zurückgeht." Das ist einem Bloomberg-Bericht zu entnehmen.
Lebensmittel, Strom und Waren werden teurer
Die derzeit zu beobachtende zweite Welle steigender Energiepreise dürfte Lane zufolge Aufwärtsdruck auf die Lebensmittelpreise, auf Energie im weiteren Sinne einschließlich Strom sowie auf die Warenpreise insgesamt ausüben. "Der Preisdruck bei Dienstleistungen dürfte dagegen begrenzt bleiben", sagte der EZB-Chefvolkswirt.
Nachdem die EZB in diesem Monat zum zweiten Mal seit Beginn des Iran-Kriegs die Zinsen angehoben hat, bereiten die Währungshüter bereits den Boden für eine weitere Straffung. Ein zusätzlicher Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte könnte bereits im Oktober erfolgen.
Inflation könnte auf rund vier Prozent steigen
Die Inflationsrate im Euroraum dürfte in den kommenden Monaten auf etwa vier Prozent klettern. Die jüngsten Projektionen der EZB gehen für dieses und das kommende Jahr von durchschnittlichen Teuerungsraten von drei beziehungsweise 2,5 Prozent aus. Beide Werte liegen deutlich über dem Inflationsziel von zwei Prozent. Gleichzeitig zeigt sich die Wirtschaft weiterhin widerstandsfähig.
Ein Schock, der sich in diesem Herbst als intensiver und hartnäckiger erweisen sollte, würde die Wirtschaft belasten, erklärte Lane.
Öffentliche Investitionen stützen die Konjunktur
"Bei einem weniger schweren Schock dürften dagegen mehrere positive Faktoren das Wachstum unterstützen, darunter die beträchtlichen öffentlichen Ausgaben in einigen Teilen Europas", sagte der EZB-Chefvolkswirt. Er verwies insbesondere auf das deutsche Investitionsprogramm für Infrastruktur und Verteidigung sowie auf den Wiederaufbaufonds "Next Generation EU".
Lane hob zudem die möglichen Wachstumsimpulse durch künstliche Intelligenz hervor. "Obwohl das Zentrum der KI-Aktivitäten nicht in Europa liegt, verfügen wir dennoch über genügend Unternehmen in diesem Bereich, sodass auch unsere Wirtschaft davon profitieren kann."
"Unser Basisszenario sieht vor, dass die europäische Wirtschaft in einem stetigen, aber moderaten Tempo weiterwächst – vorausgesetzt, der Energieschock verschärft sich nicht", sagte Lane. (mb/Bloomberg)


