Logo von Institutional Money
| Märkte

Paul Jackson: Warum Zinserhöhungen wahrscheinlicher werden

Der Global Head of Asset Allocation Research bei Invesco analysiert die aktuelle Inflationsentwicklung wie auch die darauf folgenden, möglichen geldpolitischen Schritte der Zentralbanken. Interessant: Neben der Geopolitik wird auch Künstliche Intelligenz ein wichtiger Faktor für die Inflation.

Paul Jackson, Invesco: "Aus meiner Sicht birgt die Entwicklung im Nahen Osten das größte Aufwärtsrisiko für die Inflation, während die übrigen nichtzyklischen Faktoren ein weitgehend ausgewogenes Bild zeigen."
Paul Jackson, Invesco: "Aus meiner Sicht birgt die Entwicklung im Nahen Osten das größte Aufwärtsrisiko für die Inflation, während die übrigen nichtzyklischen Faktoren ein weitgehend ausgewogenes Bild zeigen."© Natalie Codrelli für Institutional Money

Eckpunkte:

  • Invesco-Stratege Paul Jackson erklärt, warum Anleger die Inflation im Blick behalten sollten
  • Im Worst Case droht neuerlicher Inflationsdruck
  • Dafür sprechen die beachtliche Länge des aktuellen Konjunkturzyklus und die geopolitischen Risiken
  • Im Ergebnis sind Zinserhöhungen wahrscheinlich als Zinssenkungen

An den Finanzmärkten wachsen die Zweifel, ob die US-Notenbank und andere Zentralbanken entschlossen genug handeln, um die Inflation wirksam einzudämmen. Die Erwartungen an künftige Zinserhöhungen haben sich zuletzt weiter nach hinten verschoben. In der aktuellen Ausgabe der Invesco-Publikation "Uncommon Truths" analysiert Paul Jackson, Global Head of Asset Allocation Research bei Invesco, die aktuelle Inflationsentwicklung und ihre möglichen Auswirkungen auf die Geldpolitik.

Neuerlicher Inflationsdruck droht
„In den meisten großen Volkswirtschaften liegt die Inflation weiterhin über den Zielwerten der Zentralbanken. Obwohl kein eindeutiger globaler Trend erkennbar ist, könnten mehrere zyklische und strukturelle Faktoren in den nächsten Jahren zu einem erneuten Inflationsdruck führen“, so der Invesco-Experte. Das könne den Spielraum für zusätzliche Zinssenkungen verringern und eine mittelfristig restriktivere Geldpolitik zur Folge haben.

Während der Offenmarktausschuss der US-Notenbank (FOMC) die derzeitige Geldpolitik weiterhin als restriktiv einschätzt, scheint der Markt zu befürchten, dass die Fed hinter der Inflationskurve zurückbleibt – das Zinsniveau also möglicherweise nicht hoch genug ist, um die Inflation in Schach zu halten. "Demnach implizieren die Markterwartungen entweder einen höheren neutralen Leitzins als die vom FOMC geschätzten 3,1 Prozent oder eine über dem Zielwert liegende und anziehende Inflation", erklärt Jackson.

Ausgehend von der Erwartung langfristiger Inflations- und Wachstumsraten von zwei Prozent beziehungsweise 1,5 bis 2,0 Porzent betrachtet der Invesco-Experte den aktuellen Leitzins der Fed (3,5% bis 3,75%) als neutral. Die US-Inflation hingegen liegt weiterhin über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed, und das konjunkturelle Umfeld deutet Jackson zufolge auf eine mögliche allmähliche Zunahme des Inflationsrisikos hin.

Langjähriger Konjunkturaufschwung
Wie der Invesco-Experte erläutert, ist der aktuelle Konjunkturaufschwung, der in den meisten Ländern Mitte 2020 begann, inzwischen weit fortgeschritten und in eine Phase eingetreten, in der angespannte Arbeitsmärkte, steigende Löhne und eine Belebung der Immobilienmärkte erfahrungsgemäß zu einem erhöhten Inflationsdruck führen können: „Die derzeitige Expansionsphase dauert nun schon sechs Jahre an. Damit ist sie bereits länger als die von 1973 bis 1979 und fast so lang wie die von 2001 bis 2007, gemessen am aggregierten BIP der G7. Auch wenn der aktuelle Aufschwung erst etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Dauer früherer Expansionsphasen wie 1980-1990, 1991-2000 und 2008-2019 erreicht hat, dürfte er inzwischen an einem Punkt angelangt sein, an dem sich ein zunehmender Inflationsdruck entwickeln könnte.“

2027 wird spannend
Da die Inflation häufig ein nachlaufender Indikator sei, könnten ein weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit und eine zunehmende Dynamik bei den US-Immobilienpreisen den Preisdruck im Laufe des kommenden Jahres und vor allem ab der zweiten Jahreshälfte 2027 verstärken.

International bleibe das Inflationsbild uneinheitlich. In den meisten großen Volkswirtschaften lägen die Gesamt- und Kerninflationsraten – mit Ausnahme Chinas – nahe am oder über dem Zwei-Prozent-Niveau. Während China Anzeichen einer zunehmenden Inflationsdynamik von einem niedrigen Ausgangsniveau zeige, deute sich in Großbritannien eine Abschwächung des Preisdrucks an.

Geopolitik ist wichtiger Einflussfaktor
Neben konjunkturellen Faktoren bleiben geopolitische Entwicklungen Jackson zufolge das größte kurzfristige Aufwärtsrisiko für die Inflation. „Auch wenn dies nicht unser Basisszenario ist, könnte eine anhaltende Störung der Energielieferungen durch die Straße von Hormus und das Rote Meer zu einem deutlichen Anstieg des Ölpreises führen“, meint er.

„Andererseits könnte das globale Ölangebot nach einer Normalisierung der Energieflüsse durch den Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC+ steigen und dadurch den Preisdruck auf den Energiemärkten verringern.“

Unterdessen könnten wetterbedingte Risiken im Zusammenhang mit El Niño Ende 2026 und Anfang 2027 zu höheren Agrarpreisen führen.

KI wirkt in zwei Richtungen
Laut Jackson zeichnen andere, längerfristige Einflussfaktoren ein insgesamt ausgewogeneres Bild. Künstliche Intelligenz könnte zu einer temporären Verteuerung von Technologiekomponenten führen, langfristig jedoch disinflationär wirken, falls die erhofften Produktivitätssteigerungen eintreten. Unterdessen könnte das nachlassende globale Bevölkerungswachstum in den kommenden Jahrzehnten unabhängig von konjunkturellen Schwankungen einen anhaltend dämpfenden Effekt auf die Inflation ausüben.

„Insgesamt liegt die Inflation in den meisten Ländern weiterhin über dem Zielwert, ohne dass ein klarer Trend erkennbar wäre. Aus meiner Sicht birgt die Entwicklung im Nahen Osten das größte Aufwärtsrisiko für die Inflation, während die übrigen nichtzyklischen Faktoren ein weitgehend ausgewogenes Bild zeigen. Was den Konjunkturzyklus betrifft, befinden wir uns bereits in einer fortgeschrittenen Phase des Aufschwungs, was für eine höhere Inflation in den nächsten Jahren sprechen könnte. Das könnte darauf hindeuten, dass sich das Zeitfenster für Zinssenkungen schließt und mittelfristig eine erneute geldpolitische Straffung wahrscheinlicher wird“, so Jackson. (aa)

Diese Seite teilen

Weitere Inhalte aus der Redaktion