"Once in a lifetime"? – Nachranganleihen von Banken wieder attraktiv
Banken nutzen nachrangige Anleihen aus verschiedenen Gründen zur Refinanzierung. Nach Ansicht von Fixed Income-Experte Jens Franck ist das für Investoren ein interessantes Feld. Die aktuellen Einstandsrenditen liegen im zweistelligen Bereich, und die Regulatoren geben dem System gute Noten.

Viele Investoren denken mit Schrecken an die Verwerfungen im Bankensektor im Frühjahr dieses Jahres zurück. Auf die Pleite US-amerikanischer Regionalbanken folgte die Übernahme der Schweizer Traditionsbank Credit Suisse durch die UBS. "In diesem Zuge haben Investoren Milliarden mit speziellen Nachranganleihen verloren", erklärt Jens Franck, Leiter Portfoliomanagement beim Hamburger Fixed Income-Spezialisten nordIX, und wirft die Frage auf: "Sind diese Instrumente also auf Dauer beschädigt?" Keineswegs, ist Franck überzeugt. Nachrangige Anleihen seien ein Weg für Banken, ihr Kapital zu erhöhen. Das zusätzliche Kapital könne zur Finanzierung neuer Kredite, für Investitionen oder zur Stärkung der Bilanz verwendet werden.
"Bekanntlich werden nachrangige Anleihen, auch bekannt als nachrangige Schuldverschreibungen oder Subordinated Bonds, bei einer Insolvenz oder Liquidation des Emittenten erst nach der Befriedigung aller nicht nachrangigen Gläubiger bedient" erklärt Franck. Dies bedeute, dass Inhaber von nachrangigen Anleihen ein höheres Risiko eingehen, da sie im Falle einer finanziellen Schieflage des Emittenten möglicherweise leer ausgehen könnten. Dazu Jens Franck: "Aufgrund dieses höheren Risikos bieten nachrangige Anleihen in der Regel auch eine höhere Rendite als vorrangige Anleihen."
Gute Verfassung des Bankensystems aus ökonomischer und regulatorischer Sicht
Nach der Auflösung der vermeintlichen Bankenkrise haben sich nach seiner Beobachtung in den vergangenen Monaten Nachranganleihen von Banken für Anleger wieder mehr und mehr als ein interessantes Feld herausgestellt. Die aktuellen Einstandsrenditen liegen im zweistelligen Bereich auf Portfolioebene. Das sei plakativ gesprochen nicht mehr oder weniger als ein "Once in a lifetime"-Set-Up für Investoren einzuordnen.
Aber woher kommt diese neue Attraktivität des Bankensektors? "Das liegt vor allem an der guten Verfassung des Bankensystems aus ökonomischer und regulatorischer Sicht" erläutert Franck. So habe zum Beispiel kürzlich die Beratungsgesellschaft EY gemeldet, dass die kumulierten Nettogewinne der zehn nach Bilanzsumme größten europäischen Banken im ersten Halbjahr mit 75 Milliarden Euro einen deutlichen Zuwachs von 80 Prozent erzielt haben – und damit fast gleichauf liegen mit den kumulierten Nettogewinnen der nach Bilanzsumme zehn größten US-Pendants.
Die zehn größten US-Kreditinstitute konnten im ersten Halbjahr ebenfalls gestiegene Nettogewinne bilanzieren, sie wuchsen um sieben Prozent auf rund 82 Milliarden Euro. Auch bei der Profitabilität sei erstmals seit zehn Jahren eine Veränderung zu beobachten: Der Return on Equity (RoE) der europäischen Banken habe per 30. Juni 2023 bei 15,5 Prozent gelegen, ein Plus von 5,9 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt.
Komplexität bei der Auswahl der Anleihen ist hoch
Zugleich wirken sich laut Franck die Verwerfungen aus dem Frühjahr über zu hohe Risikoprämien zu Lasten der Banken-Refinanzierungen aus. Mit der Folge, dass diese strukturellen Prämien positiv für Investoren sind. "Sie können damit reale positive Einstiegsrenditen generieren und profitieren zugleich von einer hohen Risikotragfähigkeit des Bankensystems", ist der Anleihen-Experte überzeugt. "Denn die Regulatoren geben dem System gute Noten, und da von den Notenbanken im aktuellen Zinszyklus keine weiteren Erhöhungen zu erwarten sind, sind die attraktiven Spreads über die gesamten Refinanzierungskurven erkennbar."
Dass diese Investments aber keine Selbstläufer sind, verstehe sich von selbst. Daher sollte das Management immer in die Hände von Profis im Fondsmantel gelegt werden, da die Komplexität bei der Auswahl der Anleihen hoch sei. "Zudem liegen die Mindestanlagesummen pro Anleihe in der Regel bei 100.000 bis 200.000 Euro", so Franck, "was für die allermeisten Privatanleger und kleineren professionellen Investoren eine kaum zu nehmende Hürde darstellt." Auf einen etwas reißerischen Kerngedanken gebracht: Wer nicht investiert, geht das größere Risiko ein. Oder anders: Das größte Risiko ist ein zu großer Tracking Error gegen den Bankensektor, also die Abweichung zwischen der Wertentwicklung eines zur Nachbildung zusammen gestellten Portfolios und des zugrunde gelegten Referenzportfolios.
Zweistellige Einstandsrendite je nach Kündigungstermin
Es sei weiterhin festzustellen, dass am Markt nach wie vor erhebliche Nachrangprämien bestehen. Dies treffe insbesondere auf Additional-Tier-1-Anleihen zu, die haftungstechnisch unterhalb der Tier-2-Anleihen eingestuft werden. Diese Anleihen sind als Perpetual-Anleihen bekannt, laufen zwar endlos, verfügen jedoch über mehrere Kündigungstermine. Insbesondere neu emittierte AT1-Anleihen, wie die letztjährige Emission der Deutschen Bank, würden Interesse aufgrund ihres hohen Kupons (zehn Prozent) und der beträchtlichen Wahrscheinlichkeit einer Kündigung zum ersten Termin im Dezember 2027 wecken. Die derzeitige Rendite der Anleihe beträgt 9,85 Prozent, während eine Senioranleihe mit gleicher Laufzeit eine Rendite von 4,2 Prozent aufweist. Die daraus resultierende Nachrangprämie beläuft sich auf 5,65 Prozent.
Ein Beispiel aus dem Tier-2-Segment, das dem Rang der AT1-Anleihen übergeordnet ist, ist eine Anleihe der spanischen Großbank BBVA. Diese Tier-2-Anleihe mit einem Kündigungstermin im Juni 2028 verfügt über ein Investment-Grade-Rating (BBB) und weist eine Rendite von 5,9 Prozent auf. Im Vergleich dazu beträgt die Rendite der Senioranleihe 4,15 Prozent (Rating: A-), was einen Aufschlag von 1,75 Prozent darstellt. (hh)

