Nuveen: Viele Schwellenländer wirken solider als Industriestaaten
Viele Schwellenländer haben laut Nuveen-Expertin Katherine Renfrew ihre Geld- und Fiskalpolitik verbessert, während die fiskalischen Risiken in Teilen der Industrieländer zunehmen. Damit verschiebt sich das relative Risiko-Rendite-Verhältnis zugunsten von Emerging-Market-Anleihen.

Eckpunkte:
- Schulden- und Fiskaldaten in manchen Industrieländern schlechter
- Viele Emerging Markets derzeit eher in Upgrade- als in Downgrade-Zyklus
- Nuveen favorisiert Lateinamerika und ist in China deutlich untergewichtet
Das traditionelle Bild von Emerging Markets als finanzpolitisch riskanten Schuldnern gerät nach Einschätzung von Nuveen zunehmend ins Wanken. Viele Schwellenländer verfolgten inzwischen eine vergleichsweise orthodoxe Geld- und Fiskalpolitik.
„In der Gesamtschau sehen wir in den Schwellenländern eine sehr gesunde und umsichtige Steuerung der Volkswirtschaften. Betrachtet man die tatsächlichen Schuldenquoten und Fiskaldaten, sehen diese in den Industrieländern schlechter aus“, sagt Katherine Renfrew, Head of Emerging Markets Corporates and Quasi-Sovereigns bei Nuveen im Interview mit "Institutional Money" in Frankfurt.
US-Sonderstellung wird schwächer
Besonders die Entwicklung in den USA beobachtet Renfrew kritisch. Die Wirtschafts- und Fiskalpolitik sei deutlich expansiver geworden, zugleich nehme der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft zu. Damit gerieten auch die bisherigen Rahmenbedingungen für das US-Zinsumfeld unter Druck und die Zinsvolatilität nehme zu.
Die Sonderstellung der USA sieht Renfrew dennoch nicht grundsätzlich gefährdet. US-Staatsanleihen würden von vielen Regierungen und Investoren weiterhin als global risikofreie Anlage betrachtet. „Ich denke, dieses Prinzip gilt nach wie vor. Es wird lediglich schwächer“, sagt die Nuveen-Expertin.
Dagegen hätte sich die Kreditfundamentaldaten vieler Schwellenländer verbessert. „Wir haben einen Zyklus durchlaufen, in dem die Entwicklung in den Emerging Markets trotz der geopolitischen Risiken in den Schlagzeilen eher in Richtung Upgrades als Downgrades geht. Und die Ausfallraten sind niedrig“, so Renfrew. Als Beispiel nennt sie eine Reihe indischer High-Yield-Emittenten, deren Ratings zuletzt angehoben worden seien.
Risikoaufschlag bleibt notwendig
Das bedeute allerdings nicht, dass die klassischen EM-Risiken verschwunden seien. In einigen Volkswirtschaften seien die Institutionen weniger ausgereift und Kontrollmechanismen schwächer verankert. Für diese Risiken verlangt der Asset Manager weiterhin eine angemessene Prämie.
Gerade diese Neubewertung von Risiko und Rendite macht EM Debt aus Sicht von Renfrew interessant. „Eine Allokation in Emerging-Market-Anleihen kann höhere Renditen ermöglichen, ohne dass Anleger so viel zusätzliches Risiko eingehen müssen, wie häufig angenommen wird.“
Hinzu kommt der Diversifikationseffekt. Die Volkswirtschaften befänden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und ihre Konjunkturzyklen verliefen nicht vollständig parallel zu den USA. Damit könnten EM-Anleihen die Diversifikation eines Portfolios verbessern und zugleich zusätzliche Renditen bieten.
Lateinamerika vor China
Regional setzt Nuveen derzeit vor allem auf Lateinamerika. Besonders in Kolumbien habe der Asset Manager sein Engagement angesichts der neuen Regierung weiter erhöht. Chancen sieht Renfrew unter anderem bei Banken, Versorgern und staatsnahen Unternehmen.
Auch Argentinien hält sie trotz der langen Historie von Staatspleiten für interessant. Die aktuellen Reformbemühungen hätten diesmal größeres Erfolgspotenzial. Als strukturelle Stärke nennt Renfrew insbesondere das Öl- und Gasvorkommen Vaca Muerta, das Investitionen anziehe.
Deutlich vorsichtiger ist Nuveen dagegen in China. „Wir sind in China deutlich untergewichtet“, sagt Renfrew. Zwar investiere man selektiv in einzelne Unternehmensanleihen. Angesichts der bestehenden Risiken sei das Aufwärtspotenzial insgesamt jedoch nicht groß genug. (dv)



