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Neuberger Berman: Die Gewinne bleiben wichtig

Joseph Amato, Neuberger Bermans President und CIO Equities, äußert sich zum erwarteten Gewinnwachstum der Aktienunternehmen in Europa und den USA. Zum Beginn der Berichtssaison des zweiten Quartals 2021 erläutert er das Potential für die kommenden Monate.

Joseph „Joe“ V. Amato, Vorsitzender und Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman
Joseph Amato, Neuberger Bermans President und CIO Equities
© Christoph Hemmerich / Institutional Money

Inflationserwartungen, Notenbankpolitik, steigende Staatsanleiherenditen und die Fiskalpolitik sind im Finanzsektor in aller Munde. Da überrascht es nicht, dass Aktieninvestoren vor allem die Zinssensitivität der Aktien-Bewertungen im Blick haben und das Tauziehen zwischen Wachstumswerten mit langer Duration und Substanzwerten mit kurzer Duration beobachten.
Auf längere Sicht ist Gewinnwachstum für die Aktienerträge allerdings wichtiger als die Bewertungen der Titel. Spätestens seit den 1960ern korreliert das Gewinnwachstum bei einer Haltedauer von über drei Jahren zu 80 bis 90 Prozent mit den Aktienmarktrenditen.

Diese Woche beginnt die Berichtssaison für das zweite Quartal
Da mit außergewöhnlich hohen Gewinnen gerechnet werde, sei es besonders wichtig für Investoren fundamentale Entwicklungen im Blick zu behalten, sagt Amato. 

Ein wachstumsstarkes Umfeld
Die Weltwirtschaft macht gute Fortschritte und die Weltbank rechnet für dieses Jahr mit einem globalen BIP Wachstum von 5,6 Prozent. Für die USA erwartet das Conference Board dieses Jahr 6,6 Prozent Wachstum und für das zweite Quartal – annualisiert – sogar beeindruckende 9,0 Prozent.

Das dürfte sich auch in den Unternehmensgewinnen zeigen
Im Vorjahresvergleich haben die Gewinne der S&P-500-Unternehmen im ersten Quartal um fast 50 Prozent zugelegt. Den größten Anstieg erwarten die Analysten aber im gerade zu Ende gegangenen zweiten Quartal. Nach den jüngsten Konsensschätzungen von Refinitiv I/B/E/S erwarten sie ein Plus von 65,1 Prozent zum Vorjahr. War die Weltwirtschaft vor zwölf Monaten noch ungewöhnlich schwach, so war sie doch seit der Erholung von der Finanzkrise im Jahr 2009 von derart guten Zahlen weit entfernt.

Finanz- und der Energiesektor bei Gewinnzuwachs an der Spitze
Bei Neuberger Berman geht man davon aus, dass die S&P-500-Unternehmen dieses Jahr 205 US-Dollar Gewinn je Aktie erwirtschaften, 47 Prozent mehr als Vorjahr. An der Spitze dürften der Finanz- und der Energiesektor stehen, die beide sehr konjunktursensitiv sind. Auch mehrere Dienstleistungsbranchen aus dem Konsumverbrauchsgütersektor dürften sehr gute Zahlen vorlegen. Gastgewerbe, Unterhaltung, Restaurants und Luftfahrt haben sich noch nicht wieder vollständig vom Lockdown erholt. 

Wachstumserwartung in Europa höher als in den USA
Das hohe relative Gewinnwachstum hat viel mit der niedrigen Vergleichsbasis auf dem Höhepunkt der Coronakrise vor einem Jahr zu tun – aber nicht nur. Wenn die Gewinne im zweiten Quartal um 65 Prozent steigen, wären sie auch um zehn Prozent höher als im zweiten Quartal 2019.

Zudem beschränken sich die guten Zahlen keineswegs auf die USA
Nach Refinitiv I/B/E/S waren die Gewinne der STOXX-Europe-600-Unternehmen im ersten Quartal um 96 Prozent höher als vor einem Jahr. Für das zweite Quartal werden sogar 104 Prozent Zuwachs erwartet, nicht zuletzt wegen der konjunktursensitiven europäischen Exportwirtschaft. Es kommt nicht oft vor, dass die Gewinne der größten europäischen Unternehmen stärker wachsen als die ihrer US-Pendants, aber dieses Jahr könnte es so sein. Auch die Unternehmen des MSCI Emerging Market Index haben das Potential die US-Firmen zu übertreffen: Hier wird 2021 mit 50 Prozent höheren Gewinnen gerechnet als im Vorjahr.

Aufwärtspotential
Es ist allseits bekannt, dass sich – gute wie schlechte – Erwartungen in den Aktienkursen widerspiegeln. Was bedeutet all das also für den Ausblick für die kommenden sechs bis zwölf Monate? "Hier werden die Bewertungen dann doch noch relevant", sagt Amato. "Mit Kennziffern ähnlich wie in der Dotcom-Zeit sind weder amerikanische noch europäische Aktien zurzeit besonders günstig. Es ist anzunehmen, dass die hohen Gewinne des zweiten Quartals in den Kursen schon berücksichtigt sind."

Dennoch können bei einem derart großen Anstieg die Schätzungen auch stark danebenliegen. In den letzten Monaten haben die Analysten ihre Prognosen oft nicht schnell genug an die Erholung angepasst. Viele Unternehmen halten sie noch immer für zu pessimistisch. Von den 103 S&P-500-Unternehmen, die sich vorab zu ihren Zweitquartalsgewinnen geäußert haben, stellen 66 ein Ergebnis über den Medianerwartungen der Analysten in Aussicht – so viele wie noch nie. Das jedenfalls ergibt sich aus den FactSet-Zahlen vom 25. Juni.

In der Regel steigen und fallen Märkte nicht linear
Keine Hausse kommt ohne Volatilität aus, vor allem, wenn die Notenbanken bei einer einsetzenden Erholung ihre Geldpolitik ändern. Amato dazu: "Und doch ist davon auszugehen, dass die Investoren vor allem auf die Gewinne achten sollten – und nicht darauf, ob die Zehnjahresrendite 1,5 oder 2,0 Prozent beträgt. Dies gilt umso mehr, wenn die Gewinne so stark wachsen wie jetzt. Wenn die Gewinndynamik anhält – und davon sind wir bei Neuberger Berman überzeugt – kann der Markt auch dann stabil bleiben, wenn die Notenbanken umdenken. Mit dem Beginn der Berichtsaison könnten Aktien daher noch zulegen – nicht nur in diesem Quartal, sondern auch in den folgenden, so Amato. (kb)

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