Nadège Dufossé über die derzeit wichtigsten Markttreiber
Nach Einschätzung der Global Head of Asset Allocation verbirgt sich hinter der jüngsten Seitwärtsbewegung an den Aktienmärkten eine größere Rotation und Veränderung. So sei Künstliche Intelligenz zu einem Sortiermechanismus für Geschäftsmodelle geworden.

Eckpunkte:
- Hinter der Seitwärtsbewegung am Aktienmarkt steckt ein größere Rotation
- KI mutiert zum "Sortiermechanismus".
- Das hat Folgen für die Renditen
Nach Ansicht von Nadège Dufossé, Global Head of Asset Allocation bei Candriam, verdeckt die oberflächlich zu beobachtende Seitwärtsbewegung an den US-Aktienmärkten eine tiefgreifende Rotation. Dabei wirkt Künstliche Intelligenz (KI) weniger als reines Wachstumsnarrativ, sondern zunehmend als „Sortiermechanismus“: Der Markt trennt klarer zwischen Gewinnern entlang der KI-Infrastrukturkette und Geschäftsmodellen, deren Margen strukturell unter Druck geraten könnten. Dufossé sieht einige weitere wichtige Entwicklungen und leitet daraus nachfolgende Implikationen für Regionen, Sektoren, Rohstoffe und Währungen ab:
Seitwärtsmarkt mit Rotation
Während der US-Index S&P 500 seit dem technologiegetriebenen Kursschub Ende Oktober 2025 weitgehend auf der Stelle trat, fand im Hintergrund eine entscheidende Umschichtung statt. Der Energie- und der Rohstoffsektor stiegen um jeweils rund 20 Prozent und Basiskonsumgüter legten im gut zweistelligen Bereich zu. Der Technologiesektor gab im gleichen Zeitraum um rund elf Prozent nach. Der gleichgewichtete Index konnte dagegen unauffällig neue Höchststände erreichen – das ist laut Dufossé ein Hinweis darauf, dass die Marktbreite zunimmt und die Führung nicht mehr nur bei den Indexschwergewichten liegt.
KI als „Sortiermechanismus“ für Geschäftsmodelle
KI ist nach Ansicht von Dufossé nicht länger nur ein Wachstumsversprechen, sondern trennt den Markt zunehmend in Gewinner und Verlierer. Begünstigt werden Unternehmen, die auf der Infrastrukturebene des KI-Stacks positioniert sind – etwa im Bereich Halbleiter, Speicher, Rechenzentren, Netzwerken oder der Stromversorgung.
Gleichzeitig geraten Teile des Software- und SaaS-Universums unter Druck, da KI-Agenten und Automatisierungstools die Preissetzungsmacht aushöhlen und traditionelle Abomodelle untergraben könnten. Das Problem sei laut Dufossé weniger ein Nachfragerückgang als vielmehr ein intensiverer Verdrängungswettbewerb, der die Wachstumserwartungen nach unten korrigiert.
„Märkte aus dem Takt“ – weniger Gleichlauf, mehr Relativchancen
Regionen, Branchen und Währungen bewegen sich Dufossé zufolge aktuell nicht mehr im Gleichschritt. Gleichgewichtete Indizes lösen sich von kapitalisierungsgewichteten Benchmarks, Hardware entwickelt sich anders als Software, asiatische Halbleiterhersteller anders als US-Plattformen – und Schwellenländerwährungen können erstarken, obwohl die US-Zinsen hoch bleiben.
Rohstoffe mit neuer Unterstützung – Basismetalle vor Erdöl
Basismetalle werden durch mehrere strukturelle Treiber gestützt: KI-Infrastruktur, Elektrifizierung, Verteidigungsausgaben und eine umfassende Kapitalerneuerung.
Erdöl ist dagegen stärker von der Angebotsdynamik und zyklischen Nachfrageschwankungen abhängig.
Edelmetalle behalten in Multi-Asset-Portfolios ihre strategische Rolle, unter anderem vor dem Hintergrund rückläufiger Realrenditen, der Diversifizierung von Währungsreserven und erhöhter politischer Risiken.
Regionale Einordnung der KI-Wirkungen
Asien – insbesondere Korea und Taiwan – bleibt stark auf den Hardware- und Halbleiterzyklus konzentriert. Die USA behalten ihre Führungsrolle bei KI, wenn auch nicht mehr so eindeutig wie zuvor.
Europa verbessert sich laut Dufossé indirekt über industrielle Lieferketten sowie über Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung. KI entwickelt sich damit nicht rückläufig, sondern reift und differenziert sich zunehmend aus.
Makro bleibt solide – aber nicht mehr der zentrale Markttreiber
Die makroökonomischen Bedingungen sind zwar weiterhin günstig, spielen für die Marktführerschaft aber eine geringere Rolle. In den USA basiert das Wachstum weiterhin auf der Nachfrage der privaten Haushalte, während Investitionen – insbesondere in KI – an Bedeutung gewinnen. Das verarbeitende Gewerbe hat sich stabilisiert und erreichte im Januar ein Vier-Jahres-Hoch.
Der Euroraum zeigt ein bescheidenes, aber verbessertes Bild: Sinkende Hypothekenzinsen und nachlassende Inflation stützen die Inlandsnachfrage. Fiskalische Impulse – vor allem aus Deutschland – dürften schrittweise helfen. Zudem nahmen die Industrieaufträge im November und Dezember 2025 deutlich zu. China bleibt dagegen strukturell eingeschränkt und stabilisiert sich ohne klaren Beschleunigungsmotor. (aa)

