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Müssen die Aktienmärkte einen Zinsanstieg fürchten?

Die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen ist im April zum ersten Mal seit 2015 auf über drei Prozent gestiegen und bleibt auch aktuell in der Nähe dieses Niveaus. Dieser Druck auf die Zinsen hat den amerikanischen Aktienmarkt hart getroffen - zurecht?

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Didier Saint-Georges, Managing Director und Mitglied des Anlageausschusses von Carmignac
© Carmignac

Darüber hinaus lässt sich so weitgehend erklären, warum die europäischen Aktienmärkte den amerikanischen Aktienmarkt nun endlich übertreffen (plus ein Prozent seit Jahresbeginn für den Euro Stoxx Index gegenüber minmus drei Prozent für den Dow Jones Index). Denn die Rendite für deutsche Staatsanleihen hat, obwohl sie im Februar deutlich bis auf 0,80 Prozent  angezogen hatte, seither ein wenig nachgegeben. "Um diese Abhängigkeit der Aktien von den Zinsen zu verstehen, muss man die Frage nach den Gründen für diesen Renditeanstieg stellen", ist sich Didier Saint-Georges, Managing Director und Mitglied des Anlageausschusses von Carmignac, sicher.

Plötzliche Steigerung des Wirtschaftswachstums beidseits des Atlantiks als Grund?

Sicher nicht, meint Didier Saint-Georges: "Ganz im Gegenteil waren die Wirtschaftsindikatoren nach zwei Jahren mit positiven Überraschungen im ersten Quartal überall ein Grund zur Sorge. Wie in Frankreich, so blieb auch das Wachstumstempo in Europa und in den USA hinter den Erwartungen der Wirtschaftsexperten zurück. Zwar verharren die Daten auf einem guten Niveau, die Dynamik nimmt jedoch ab." Damit werde deutlich, dass die Verschlechterung an den Anleihemärkten, bei der es sich keinesfalls um den gesunden Ausdruck einer gesamtwirtschaftlichen Verbesserung handle, an den Aktienmärkten nicht gern gesehen sei.

Was ist aber nun der Grund für diese Verschlechterung?
Ist die wiederaufflammende Inflation möglicherweise dafür verantwortlich? Im Hinblick auf die Vereinigten Staaten komme man mit dieser Annahme dem Kern der Entwicklung schon näher, so Saint-Georges. Die jährliche Inflationsrate machte dort im April 2,4 Prozent aus, und sie werde weiter steigen, wenn auch der Rohölpreis weiter zulege, meint der Experte. Ferner gibt es Befürchtungen, dass die sehr niedrige Arbeitslosenquote zu steigendem Lohndruck führt, was zusätzlich die Inflation antreibt. Mittelfristig eine Bedrohung auszumachen fällt dennoch schwer, da die langfristigen Trends im Hinblick auf die Demografie, die Verschuldung und die „Amazonifizierung“ der Wirtschaft weiterhin massiven Deflationsdruck ausüben. Die Fed bestätigte zudem noch jüngst, dass sie sich von vorrübergehenden Preisanstiegen nicht beeindrucken lasse. In der Eurozone stellt sich die Situation hingegen eindeutig dar: Die Inflationsrate bewegt sich immer noch nicht in Richtung des von der EZB festgelegten Zwei-Prozent-Ziels. Die Schätzung einer jährlichen Inflationsrate von 1,2 Prozent im April bestätigte diese anhaltende Schwäche.

Welche andere Erklärung gibt es dann? Das höhere Treasury-Angebot!
Didier Saint-Georges: "Es handelt sich schlicht und ergreifend um eine Störung des Gleichgewichts zwischen Angebot und der Nachfrage von Staatsanleihen. Denn tatsächlich emittiert das amerikanische Finanzministerium derzeit verstärkt Anleihen, um das Haushaltsdefizit der Regierung zu finanzieren, während gleichzeitig die Fed diese Anleihen nicht mehr wie zwischen 2009 und 2014 kauft, sondern im Gegenteil selbst zu einem Verkäufer geworden ist. „Die Liquidität im Überfluss“ ist im Begriff, auf allen Seiten zu verschwinden."

Technische Faktoren 
Zu dieser Entwicklung kommt ein Faktor hinzu, der aus technischer Sicht nicht weniger entscheidend ist: Der Anstieg der kurzfristigen amerikanischen Zinsen aufgrund des erheblichen Bedarfs einer Refinanzierung der bestehenden Schulden hat zu deutlich höheren Sätzen als in Europa und Japan geführt. In der Folge ist die Absicherung des Wechselkursrisikos für ausländische Anleger, die den Erwerb amerikanischer Finanzwerte in Betracht ziehen, äusserst kostspielig geworden. Die Konsequenz aus diesem Phänomen ist, dass traditionelle Anleihekäufer wie ausländische Zentralbanken (darunter die chinesische und die japanische Zentralbank) sowie institutionelle Anleger auf der ganzen Welt aktuell nur wenig Interesse an amerikanischen Schuldtiteln zeigen. Es sei denn, Sie gehen ein hohes Währungsrisiko ein - was sie nicht möchten - oder ihnen werden im Gegenzug deutlich höhere Renditen geboten.

Zinsanstieg bei US-Treasuries durch Angebot und Nachfrage erklärbar
Die Aktienmärkte könnten darunter somit doppelt leiden, meint Saint-Georges: "Denn zum einen könnte sich der Anstieg trotz einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums weiter fortsetzen. Zum anderen, da dieselben Ursachen dieselben Folgen haben, könnten Anleger, die aufgrund sinkender Renditen über Jahre hinweg Aktien und Unternehmensanleihen erworben haben, geneigt sein, nun den umgekehrten Weg einzuschlagen." (kb)

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