Metzler: Reformen könnten deutsches Wachstumspotenzial deutlich heben
Deutschlands Wachstumspotenzial droht nach Einschätzung von Metzler Asset Management unter heutigen Bedingungen auf nur noch 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr zu sinken. Ein Reformbündel könnte es wieder in Richtung ein Prozent bringen – und damit auch die Finanzierung des Sozialstaats erleichtern.

Eckpunkte:
- Wachstumspotenzial könnte auf 0,3 bis 0,5 Prozent sinken
- Reformszenario sieht wieder rund ein Prozent als erreichbar an
- Mehr Arbeit, Investitionen und Produktivität sind zentrale Hebel
Die Wachstumsperspektiven der deutschen Wirtschaft haben sich über Jahrzehnte verschlechtert. In den 1970er-Jahren lag das Wachstumspotenzial noch bei rund 2,5 Prozent, in den 2000er-Jahren bei etwa 1,5 Prozent. Unter den heutigen Rahmenbedingungen drohe künftig ein Rückgang auf lediglich 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr, schreibt Edgar Walk, Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management. Er stützt sich dabei auf Berechnungen des Sachverständigenrats und des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).
Gleichzeitig erhöht die Alterung der Bevölkerung den Finanzierungsbedarf für Renten, Gesundheit und Pflege. Weniger Erwerbstätige müssten relativ mehr Leistungsempfänger finanzieren. Bei einer kaum wachsenden Wirtschaft verschärfe dies den Verteilungskonflikt zwischen höheren Beiträgen und Steuern, geringeren Leistungen und zusätzlicher Staatsverschuldung. Strukturreformen seien deshalb auch entscheidend dafür, wie Deutschland seinen Sozialstaat künftig finanzieren könne.
Vier Hebel für mehr Wachstum
Walk nennt vier Ansatzpunkte. Der erste ist ein höheres Arbeitsvolumen. Im zugrunde gelegten Reformszenario steigt die Erwerbsbeteiligung der 15- bis 74-Jährigen von rund 76 auf 81 Prozent und die durchschnittliche Jahresarbeitszeit von etwa 1.330 auf 1.375 Stunden. Dazu könnten unter anderem eine Rentenreform, die Arbeit im Alter attraktiver macht, sowie flexiblere Arbeitsbedingungen beitragen.
Zweitens müsse Deutschland mehr investieren. Das Reformszenario sieht einen Anstieg der Investitionsquote von rund 20 auf 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor. Private Investitionen könnten nach Ansicht Walks durch bessere Abschreibungsbedingungen, niedrigere steuerliche Belastungen, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen attraktiver werden. Staatliche Sondervermögen sollten zugleich tatsächlich zusätzliche Investitionen finanzieren und nicht laufenden Konsum ersetzen.
Als dritten Hebel nennt Walk die Produktivität. Forschung und Entwicklung, ein schnellerer Wissenstransfer sowie eine stärkere Nutzung von Automatisierung, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz könnten dazu beitragen. Im Reformszenario verdoppelt sich das Produktivitätswachstum bis 2040 von etwa 0,3 auf 0,6 Prozent. Vierter Ansatzpunkt ist das Humankapital: Bessere Bildung und eine schnellere Qualifizierung von Geflüchteten könnten Beschäftigung und Produktivität erhöhen.
In Kombination Richtung ein Prozent
Entscheidend sei das Zusammenspiel der Maßnahmen. Für sich genommen habe jede Reform nur begrenzte Auswirkungen. In Kombination könnten höhere Erwerbsbeteiligung, längere Arbeitszeiten, eine höhere Investitionsquote und stärkeres Produktivitätswachstum das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft wieder in Richtung ein Prozent pro Jahr bringen.

Wachstum macht langfristig den Unterschied
Über längere Zeiträume fällt der Unterschied deutlich ins Gewicht. Bei jährlich 0,5 Prozent Wachstum wäre die reale Wirtschaftsleistung nach 20 Jahren rund zehn Prozent höher, bei einem Prozent Wachstum dagegen etwa 22 Prozent. Die wirtschaftliche Basis wäre im zweiten Szenario damit um gut ein Zehntel größer – mit entsprechend höherer Steuer- und Beitragsbasis zur Finanzierung des Sozialstaats.
Kurzfristig sieht Walk zudem konjunkturelle Unterstützung. Trotz höherer Öl- und Erdgaspreise profitiere Europa zunehmend vom globalen Investitionsboom. Zugleich begännen in Deutschland die staatlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung in nennenswertem Umfang zu fließen. Die zyklische Erholung könnte der Politik nach Einschätzung des Ökonomen Rückenwind für die notwendigen Reformen verschaffen. (dv)


