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Martin Hüfner zu Dienstleistungen als unterschätztem Wachstumstreiber

Die Konjunktur ist derzeit gespalten. Die Industrie schwächelt, Dienst­leistungen wachsen nach wie vor ordentlich. Der Dienstleistungsbereich wird häufig unterschätzt., denn er ist nicht der lang­weilige Sektor mit wenig Wachstum und Innovation, sagt der Chefökonom der Investment-Boutique Assenagon.

Martin Hüfner Foto
"Dienstleistungen stabilisieren nicht nur die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, sie bieten auch ein breites Angebot zur Diversifizierung am Kapital­markt," gibt Dr. Martin Hüfner (Bild) zu bedenken.
© Assenagon Asset Management

Die deutsche Konjunktur ist gespalten wie selten: In der In­dustrie geht es nach unten. Die Einkaufsmanagerindizes sind auf deutlich unter 50 gesunken. Das deutet auf einen tiefen Einbruch hin. Bei den Dienstleistungen ist das Wachstum dagegen nach wie vor in Ordnung. Der Einkaufs­managerindex liegt weit über 50. Wer setzt sich jetzt durch? Zieht die Industrie die Services nach unten? Oder können sich die Dienstleistungen gegen das Verarbeitende Gewer­be durchsetzen und die Gesamtkonjunktur stabilisieren?

Normalerweise hätte die Industrie die Oberhand
Sie gilt als der Kern der Wirtschaft. Zu ihr ge­hören die "Blue Chips" unter den Unternehmen. Hier finden die Dynamik, die Innovation und die Produktivitätssteige­rung statt. Sie ist überall auf den Weltmärkten präsent. Wenn es im Verarbeitenden Gewerbe größere Probleme gibt – wie derzeit bei Autos, Stahl oder in der Chemie – dann ist alles verloren. So jedenfalls die allgemeine Meinung. Sie entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Der Dienstleistungssektor ist zwar nicht so schlagzeilenträchtig. Er wird vielfach unterschätzt. Zum einen ist er viel größer als die Industrie. In ihm werden in Deutschland 68 Prozent der gesamtwirtschaftlichen ​  Wertschöp­fung erstellt, in der Industrie nicht mal halb so viel. Vier von fünf Unternehmen werden dem Dienstleistungssektor zuge­rech­net.

Dienstleistungsbereich dynamischer als Verarbeitendes Gewer­be
Ersterer ist in den letzten 30 Jahren deutlich schneller ge­wachsen als die Industrie (siehe Grafik). In konjunkturellen Schwächephasen hat er die gesamtwirtschaftliche Aktivität abgefedert. 2009 beispielsweise verringerte sich die Indus­trieproduktion um 17 Prozent, während das Sozialprodukt nur um knapp sechs Prozent zurückging. Andererseits sind die Services je­denfalls in Deutschland nicht in der Lage, einen gesamtwirt­schaftlichen  Aufschwung aus sich heraus zu generieren.

HighTech an der Spitze

Services bei weitem nicht so langweilig, wie viele meinen
Zum Dienstleistungssektor gehören näm­lich nicht nur Klempner, Friseure oder Metzger. Hüfner: "Dazu rech­nen auch nicht nur langsam wachsende, arbeitsintensive und wenig produktive Branchen. Dazu rechnen vielmehr auch viele "Top Shots". Die Spannbreite der Leistungen, die hier erbracht werden, ist außerordentlich breit."

Beispiele für erfolgreiche Dienstleister
Zu den Dienstleistungen gehört, was wenige wissen, der gesamte Bereich der Information und Kommunikation. Hüfner dazu: "Das umfasst in Deutschland so inno­vative Unternehmen wie SAP oder viele Start-ups. Hier wer­den fast fünf Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung er­stellt. Eigentlich würde man vermuten, dass Deutschland in diesem Sektor international eher zu den Schlusslichtern ge­hört. Das ist aber nicht der Fall. In den USA ist I & K trotz Silicon Valley nach Berechnungen der OECD mit einem An­teil von sechs Prozent an der Wertschöpfung kaum größer. Österreich ist mit 3,3 Prozent etwas kleiner. Zur Stabilisierung der Konjunktur trägt dieser Sektor freilich nicht bei, da er selbst im Zeitver­lauf viel schwankt."

Der Gegenpol zu Hightech sind öffentliche Dienste, Erzie­hung und Gesundheit. Dieser Bereich entspricht am meis­ten dem Bild, das man von den Dienstleistungen hat.

Services: sehr personalintensiv, relativ geringe Pro­duktivitätssteigerungen
Der Sektor wächst allerdings gar nicht so langsam, wie immer wieder unterstellt werde, so Hüfner weiter: "Das liegt an der demografischen Alterung, die die Nachfrage nach Ge­sundheits- und Pflegediensten stark steigen lässt. Der Be­reich ist sehr groß. In Deutschland werden hier 18 Prozent des Sozialprodukts erwirtschaftet, in den USA sogar noch mehr (22 Prozent). Andererseits ist der Bereich vergleichsweise resis­tent gegen Konjunkturschwankungen. Altersheime, Kitas und Schulen werden auch dann gebraucht, wenn sich die gesamtwirtschaftliche Aktivität abschwächt."

Handel, Gastge­werbe und Verkehr
Hier werden 16 Prozent des BIPs erar­beitet. Was diesen Bereich im Augenblick stabilisiert, ist der hohe Zuwachs bei den verfügbaren Einkommen durch die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt und die relativ hohen Lohnsteigerungen. Wenn es in der Wirtschaft allerdings richtig schlecht geht, verzichtet man auch schon mal auf einen Restaurantbesuch, eine Autofahrt oder geht weniger shoppen. In der großen Finanzkrise ging die Wertschöpfung in diesem Bereich um sieben Prozent zurück.

Wichtiger Dienstleistungsbereich Grundstücks- und Wohnungswesen
Diesen dürfe man nicht mit der Bauindustrie verwechseln, sagt Hüfner. Er mache elf Prozent  der gesamtwirt­schaftlichen Wertschöpfung aus und umfasse Unternehmen, die sich mit der Vermietung, Verpachtung und Verwaltung von Immobilien befassen. Auch das Vermittlungsgeschäft gehöre dazu. Dieses sei ein relativ stabiles und schwankungs­armes Geschäft. Wohnen sei eben ein Grundbedürfnis, das zu allen Zeiten gebraucht werde.

Was bedeutet das für den Investor?
"Vergessen Sie in Ihrem Portfolio nicht die Dienstleistungen. Natürlich ist die Industrie wichtig; sie stellt unter den Aktien­gesellschaften den größten Anteil. Im Dienstleistungsgewer­be finden sich aber hochinteressante moderne Unterneh­men, sowohl was Wachstum und Technologie als auch was Stabilität und solide Erträge angeht. Je wichtiger Software gegenüber Hardware wird, umso größer wird auch der Dienstleistungsbereich in der Volkswirtschaft", lautet Hüfners abschließendes Résumé. (kb)

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