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Martin Hüfner über "Das bessere Deutschland"

Der Assenagon-Chefvolkswirt geht in seinem Kommentar auf ein Nachbarland Deutschlands ein, dass sich in den letzten Jahren zumindest im Vergleich der Börsenindizes besser als die Bundesrepublik entwickelte.

Martin Hüfner
Dr. Martin Hüfner
© Assenagon

"Das bessere Deutschland" titelte "Der Stern" im Jahr 2005 und ging damals auf die bessere Entwicklung Österreichs im Vergleich zum damals etwas schwächelnden Deutschland ein. Die damalige "Stern"-Headline wurde in den Folgejahren von Österreich international vermarktet, bis Deutschland in den Jahren nach der Finanzkrise Österreich beim Wachstum wieder überholte.

Martin Hüfners aktueller Wochenkommentar erinnert an die späten Nullerjahre. Denn Österreich habe Hüfner zufolge in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung ge­nommen. Der Aktienindex ATX sei laut dem Assenagon-Chefvolkswirt in die Liga der international stärker beachteten Märkte aufgestiegen. Laut Hüfner sei das nicht nur Glück. Es zeige, dass ein Land bei richtigen Anreizen auch unter schwierigen Bedingungen überdurchschnittliches Wachstum erzielen könne, wie nachfolgendem Kommentar zu entnehmen ist:


"Der Termin lässt sich ziemlich genau bestimmen. Es war Mittwoch, der 29. Juni 2016. An diesem Tag drehte sich der Wind. Für Österreich begann ein Höhenflug, den kaum ei­ner – nicht einmal in Österreich selbst – für möglich gehal­ten hätte. So ein Umschwung kommt in modernen Industrie­staaten selten vor. Dass es ihn gibt, ist aber ein gutes Zei­chen. Es lohnt sich daher, genauer hinzusehen.

Begonnen hat die Sache am Aktienmarkt. Im Juni 2016 ist der Wiener Aktienindex ATX, nach sechs Jahren mehr oder weniger Stagnation, mit einem Mal geradezu explodiert. Er stieg 19 Monate lang fast ununterbrochen. Das brachte den Anlegern ein Kursplus von insgesamt über 80 Prozent (!). Seit­dem sind die Kurse aber nicht abgestürzt, wie man hätte vermuten können. Der ATX entwickelte sich auch heute noch besser als der DAX (Kursindex). Er ist jetzt in die Liga der Indizes aufgestiegen, denen auch internationale Anleger stärker Aufmerksamkeit schenken.

Das war keine Blase, die durch irgendwelche Sonderfakto­ren bedingt war. Sie war fundamental begründet. Das reale Wirtschaftswachstum schoss 2016/2017 geradezu nach oben, von 1,5 auf 2,6 Prozent. Österreich hat mit dieser Rate den großen Bruder und ewigen Rivalen Deutschland hinter sich gelassen (siehe Grafik). 

2018 setzte sich das Wachs­tum fort, obwohl der Rest Europas von einer Wachstums­schwäche befallen wurde. Erst 2019 wird es eine Normali­sierung geben. Von einer solchen Entwicklung können an­dere nur träumen.

Die österreichischen Investitionen zogen schon 2016 preis­bereinigt um über zehn Prozent an. Die Beschäftigung erhöhte sich um ein Prozent. Die Arbeitslosigkeit ging um über einen halben Prozentpunkt zurück. Bei all dem stiegen die Preise kaum schneller als im Euroraum insgesamt. Die Entwicklung ging 2018 so weiter.

Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Wachstumsschub? Eine Reihe ganz unterschiedlicher Faktoren spielte hier eine Rolle. Auslöser war die Steuerreform, die zum 1. Januar 2016 in Kraft trat. Sie entlastete vor allem die kleinen und mittleren Einkommen um insgesamt vier  Milliarden Euro (rd. 1 % des BIPs). Das hilft natürlich der Konjunktur. Es geschah aber weniger über das übliche Deficit Spending, das mit Steuersenkungen normalerweise verbunden ist. Das Defizit der öffentlichen Hand hat sich nur kurzfristig etwas ausge­weitet. 2017 ist es schon wieder deutlich zurückgegangen.

Entscheidend war der Incentive, der von den niedrigeren Steuern auf die Stimmung der Konsumenten und Investoren ausging. Er führte zu höherer Nachfrage, mehr Beschäftig­ung, mehr Einkommen und damit wieder höherer Nachfra­ge. Gleichzeitig nahmen mehr Frauen und mehr Ältere Be­schäftigung auf.

Es war ein klassischer, sich selbst gegenseitig anstecken­der Aufschwung. Er zeigt, dass bei den gegebenen hohen Steuersätzen in den modernen Industriestaaten Steuersen­kungen zu einer Freisetzung von marktwirtschaftlichen Kräf­ten führen können. Das macht sie zu einem so wichtigen wirtschaftspolitischen Instrument. Die USA haben damit in diesem Jahr ähnlich gute Erfahrungen gemacht. Deutsch­land traut sich noch nicht. Wien plant für 2020 eine erneute Steuersenkung.

Bei der Wachstumsbeschleunigung spielten ferner die Aus­gaben für die Flüchtlingswelle eine Rolle. Bei allen gesell­schaftspolitischen Problemen des Flüchtlingsstroms wird vielfach übersehen, dass er auch ein Konjunkturprogramm ist.

Wichtig war, dass der Finanzsektor nach der großen Fi­nanzkrise repariert worden war. Die Banken waren bereit und in der Lage wieder verstärkt Kredite zu geben. Selbst der Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Bericht zu Österreich hervorgehoben, wie sehr sich die Qualität der Finanzinstitute verbessert hat.

Natürlich profitierte die Wirtschaft auch von der günstigen weltwirtschaftlichen Lage. Es ist nach wie vor der Hub für die überdurchschnittlich schnell wachsenden Staaten Ost­europas. Seine Unternehmen profitieren von der Zunahme des Welthandels.

Schließlich kam Österreich auch die Stabilisierung der poli­tischen Verhältnisse im Land zugute. Viele Jahre hatte der Streit innerhalb der Koalition in Wien das Land belastet. Im Oktober 2017 gab es schließlich Nationalratswahlen. Die daraus hervorgehende Regierung brachte kurz Ruhe in die Wirtschaft. Die turnusmäßige Übernahme der Ratspräsiden­tschaft in der EU durch Österreich stärkte das internationale Standing der neuen Regierung.

All das zeigt: Die marktwirtschaftlichen Reflexe funktionie­ren. Wenn ein Land die richtigen Anreize setzt, kann es auch im schwierigen regulatorischen Umfeld Europas und trotz aller demografischen Belastungen überdurchschnitt­liches Wachstum erzielen.

Es ist allerdings klar, dass sich das nicht automatisch so fortsetzt. Auch Österreich kann sich den politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten in der Welt nicht entziehen. Es braucht weiter erhebliche An­strengungen. Zusätzliche Reformen sind nötig, unter ande­rem im Renten- und Gesundheitssystem und bei der Redu­zierung der Staatsverschuldung. Die letzten zwei Jahre ha­ben aber gezeigt, dass Österreich in der Lage ist, den Schopf der Geschichte zu packen und die Gelegenheit zu nutzen.

Für den Anleger
Schauen Sie sich den ATX an. Er wurde bisher oft zu Un­recht vernachlässigt. Anders als in anderen Aktienmärk­ten vollzog sich die Entwicklung hier in der Vergangenheit in sehr großen Schüben, die es allerdings nur alle paar Jahre gibt. Anleger brauchen also Geduld. Sie werden dann aber durch überdurchschnittliche Kursgewinne belohnt."


Vergleich von DAX und ATX-Total-Return-Index von Anfang 2009 bis Oktober 2018

Dank der Aufholjagd des ATX gegenüber des DAX seit Mitte 2016 haben beide Indizes unterm Strich seit Anfang 2009 mit ca. 9,3 Prozent annualisierter Rendite gleich performt. Die bessere Entwicklung des ATX vs DAX liegt an der höheren Nebenwerte-Gewichtung und daran, dass die Österreicher im Gegensatz zu den Deutschen ihre Automobilindustrie nicht zerstören bzw. im ATX keine Autoaktien enthalten sind. 

 

 

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