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Martin Hüfner: Sind die Deutschen eingeknickt?

Der bekannte Volkswirt Dr. Martin Hüfner analysiert die jüngsten Entwicklungen der deutschen Leistungsbilanz und erklärt, ob und inwieweit dies auch Investoren betrifft.

Dr. Martin Hüfner
Dr. Martin Hüfner
© Assenagon

Für Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon, sei der Überschuss der deutschen Leistungsbilanz noch immer zu hoch - auch wenn dieser etwas kleiner werde. Diese jüngste Tendenz zur Verringerung sei das Ergebnis günstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, nicht einer veränderten Wirtschaftspolitik. Positiv sei daran, dass Deutschland aufgrund niedriger Leistungsbilanzüberschüsse den internationalen Kritikern weniger Angriffsfläche bietet. Diese Entwicklung hat zumindest auf Sektoren-Ebene durchaus Auswirkungen für Investoren. Welche das sind, erfahren Sie in Hüfner Kommentar, den wir nachfolgend im Originalwortlaut bringen. (aa)


"Es war ein beliebtes "Spiel" in den letzten Jahren, die Deut­schen wegen ihrer hohen Leistungsbilanzüberschüsse an den Pranger zu stellen. Sie drängten ihre Handelspartner in eine unerwünschte Schuldnerposition. Umgekehrt schade­ten sie sich aber auch selbst, denn sie lieferten Güter ins Ausland, die sie eigentlich auch gut zu Hause brauchen könnten.

Es gab tausend Ratschläge, was sie dagegen tun könnten. Der wichtigste war: Sie sollten die Löhne stärker erhöhen und im Staatshaushalt größere Defizite zulassen. Beides war für sie aber ein No-Go. Wieso sollten sie ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit schwächen und eine unsolidere Wirt­schaftspolitik betreiben, nur weil die anderen nicht mit dem Erfolg der deutschen Exporteure mithalten können?

Alles lief auf einen Clash unterschiedlicher wirtschaftspoliti­scher Philosophien hinaus. Das Ausland setzte auf Wachs­tum und Konsum, Deutschland wollte dagegen Stabilität und Export.

Zum Clash ist es glücklicherweise nicht gekommen, bis jetzt jedenfalls nicht. Das liegt daran, dass der deutsche Leis­tungsbilanzüberschuss nicht mehr steigt, sondern sinkt. Seit dem Höhepunkt 2015 ist er von 8,9 Prozent des BIPs auf 7,8 Prozent zurückgegangen. Bis 2020 soll er nach den meisten vorlie­genden Schätzungen auf unter 7,0 Prozent sinken. Das ist immer noch zu viel. Der Schwellenwert, den die EU für tolerierbare Leistungsbilanzüberschüsse festgelegt hat liegt bei 6,0 Prozent. Aber es ist weniger als vorher.

Saldo der deutschen Leistungsbilanz in Prozent des BIPs

Sind die Deutschen eingeknickt? Haben sie in der Ausein­andersetzung mit ihren Kritikern nachgegeben? In keiner Weise. Tatsächlich haben sie selbst gar nichts getan, um aus der Rolle des bösen Buben herauszukommen. Weder haben sie die Löhne stärker erhöht, noch haben sie sich von ihrer restriktiven Haushaltspolitik verabschiedet, noch haben sie sonst etwas gegen die hohen Exporte getan. Al­les ist so geblieben wie es war.

Was sich verändert hat, war das weltwirtschaftliche Umfeld. Da war einmal die starke Erhöhung der Ölpreise, die die Im­portrechnung der Deutschen aufblähte. 2015 war der Öl­preis bis auf unter 30 US-Dollar je Barrel in den Keller gerauscht. 2018 waren es zeitweise über 80 US-Dollar. Hinzu kam die Auf­wertung des Euros. 2015 lag der Euro/Dollar-Kurs noch kurz vor der Parität. In diesem Jahr ist er zeitweise bis auf 1,25 US-Dollar je Euro gestiegen.

Der Welthandel leidet unter der schwächeren Weltkonjunk­tur. Wegen des bevorstehenden Brexits sind die deutschen Ausfuhren nach Großbritannien absolut zurückgegangen. Der Iran, auf den die Deutschen nach dem Atomabkommen große Hoffnungen setzten, ist nicht der große Absatzmarkt geworden, auf den viele gehofft hatten.

Eine Rolle spielt ferner, dass die Überschüsse im deutschen Staatshaushalt zwar hoch blieben, aber nicht mehr so stark anstiegen. Dadurch hat die gesamtwirtschaftliche Ersparnis nicht mehr so stark zugenommen. Konsum und Investitio­nen im Inland bekamen mehr Raum und konnten den Ex­port zurückdrängen.

Zuletzt spielten auch die veränderten handelspolitischen Gegebenheiten auf den Weltmärkten eine Rolle. Der Pro­tektionismus führt dazu, dass sich die Unternehmen aus dem schwierigeren Exportgeschäft zurückziehen. Sie schichten prophylaktisch Lieferketten aus dem Ausland ins Inland um, damit sie unabhängiger von Zöllen und anderen Beschränkungen werden.

Vielleicht hat sich auch – was man immer wieder hört, aber schwer beweisen kann – die Konkurrenzfähigkeit der deut­schen Industrie auf den Weltmärkten verschlechtert. All das hat dazu geführt, dass sich die Leistungsbilanzüberschüsse in Deutschland zurückbilden.

Ist jetzt alles gut? Leider nein. Tröstlich ist zwar, dass Präsi­dent Trump jetzt einen Vorwand weniger hat, Zölle gegen deutsche Produkte zu erheben. Das kann bei den anstehen­den Verhandlungen über Zölle auf Autos hilfreich sein. Auch in der EU gibt es einen Streitpunkt weniger.

Ganz generell bieten die Deutschen ihren internationalen Kritikern weniger Angriffsflächen. Zudem gibt es weniger deutsche Kapitalexporte, die bei dem derzeit niedrigen Zins­niveau ohnehin nicht profitabel sind. Andererseits verringert sich das Wirtschaftswachstum. Wenn der Anteil des Leis­tungsbilanzüberschusses am BIP um einen Prozentpunkt zurückgeht, dann bedeutet dies, unter sonst gleichen Bedin­gungen, in etwa ein Prozent weniger Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes.

Im Übrigen sollte man sich nicht zu früh freuen. An den un­terschiedlichen wirtschaftspolitischen Philosophien, die zu den Leistungsbilanzungleichgewichten führen, hat sich nichts geändert. Die Probleme können daher jederzeit wie­der auftreten.

Für den Anleger
Unmittelbare Auswirkungen für die Anleger hatte der deut­sche Überschuss in der Leistungsbilanz bisher nicht. Für die Kapitalmärkte ist es egal, wo die Unternehmen ihr Geld ver­dienen, ob im Ausland oder im Inland. Trotzdem sollten in den Portfolien Exportwerte in Zukunft eher untergewichtet werden. Im Inland wird das Wachstum zumindest in Deutschland tendenziell höher sein."

 

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