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Martin Hüfner: Führt ein höherer Ölpreis zu steigenden Zinsen?

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner geht angesichts immer höherer Ölpreise auf die Auswirkungen auf Konjunktur, Inflation Aktien und Zinsen ein. Vor allem Renteninvestoren sollten gewarnt sein, falls höhere Ölpreise die Inflation anheizen und die Zentralbanken zu Zinserhöhungen zwingen sollten.

Dr. Martin Hüfner Foto
Dr. Martin Hüfner, Assenagon
© Assenagon

Investoren weltweit schauen derzeit wieder öfter auf die Ölpreisentwicklung. Denn eine Verschärfung der amerikanischen Sanktionen gegen den Iran und die Ver­schmutzung russischen Öls haben Ängste einer neuen Ölkrise aufkommen lassen. Am ersten Blick sieht ein Ölpreis von 100 US-Dollar je Barrel bedrohlich aus. Dies sei im historischen Vergleich aber nicht ungewöhnlich, erinnert der erfahrene Chefökonom von Assenagon, Dr. Martin Hüfner, in einer aktuellen Einschätzung zum Schwarzen Öl. In der nachfolgenden Analyse geht Hüfner u.a. auch der Frage nach, ob höhere Ölpreise eine Finanzkrise auslösen könnten. (aa)


"Zu all den Risiken, die die Märkte derzeit belasten, ist ein neues dazugekommen: Der Ölpreis. Er ist, von den meisten unbemerkt, seit Ende letzten Jahres um fast 40 Prozent (!) gestie­gen. Die Verschärfung der Spannungen um Iran sowie die Verschmutzung russischen Öls haben Ängste aufkommen lassen, der Preis könnte noch weiter deutlich steigen. Die Rede ist zum Teil von Notierungen um die 100 US-Dollar je Bar­rel. Derzeit sind wir bei gut 70. Halten Weltwirtschaft und Weltfinanzmärkte so etwas aus? Oder würde es einen neu­en Crash auslösen?

Zunächst: Ein Anstieg des Ölpreises auf 100 US-Dollar je Barrel ist möglich. Das Angebot auf den Märkten geht zurück. Der Iran gehört traditionell zu den größten Förderländern, auch wenn es seine Kapazitäten derzeit nicht voll ausgeschöpft hat. Neben Iran sind aber auch die Lieferungen zum Bei­spiel von Lybien oder Venezuela geschrumpft.

Entscheidend ist allerdings, wieweit die anderen Produ­zenten das fehlende Angebot ersetzen. Können tun sie es. Dann gäbe es keinen Preisanstieg. Aber große Förderlän­der wie Saudi Arabien oder Russland zögern. Sie sind an höheren Preisen interessiert. Der öffentliche Haushalt Saudi Arabiens ist erst bei einem Preis von 80 US-Dollar je Barrel aus­geglichen. Umgekehrt treten die USA klar für niedrigere Öl­preise ein. Das hilft Präsident Trump bei seinen Wählern. Die amerikanischen Ölproduzenten sehen das freilich nicht so gern.

Insgesamt ist die Interessenlage komplex. Ich halte unter diesen Umständen ein Extremszenario mit einem Preis von 100 US-Dollar je Barrel für unwahrscheinlich. Dazu würde es meines Erachtens nur bei einer drastischen Verschärfung der Spannungen kommen, etwa der Schließung der Straße von Hormus oder militärische Interventionen der Amerika­ner.

Was bedeutet ein Preis von 100 US-Dollar je Barrel für die Welt­wirtschaft? Drastische Ölpreiserhöhungen hat es in der Ge­schichte schon oft gegeben. Wir wissen also, was passiert. Das ist erst einmal tröstlich. Es wird keine Überraschungen geben. Andererseits hat eine Verteuerung des Öls erheb­liche Wirkungen.

Erstens verringert es das Wirtschafts­wachstum. Die Verbraucher haben weniger Kaufkraft für andere Dinge. Die Unternehmen haben höhere Kosten. Die Gewinnmargen geraten unter Druck. Das tut gegenwärtig angesichts der allgemeinen Konjunkturschwäche besonders weh. Allerdings steigen die Einnahmen der Ölförderländer. Sie werden mehr kaufen, was dann dem Welthandel und exportintensiven Volkswirtschaften wie Deutschland zugute kommt.

Die Research Firma Oxford Analytics schätzt, dass bei ei­nem Ölpreis von 100 US-Dollar das Weltwirtschaftswachstum um 0,6 Prozentpunkte zurückgehen würde. Deutschland käme nahe an, vielleicht sogar in eine Rezession.

Zweitens steigt die Inflation. Eine Erhöhung des Ölpreises um zehn US-Dollar bedeutet nach einer Daumenregel 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte Preissteigerung. Die Geldentwertung im Eu­roraum würde also auf über zwei Prozent hochgehen. Benzin würde wieder richtig teuer. Ob die Geldpolitik gegensteuern würde, hängt von den Zweitrundeneffekten über die Löhne ab. In früheren Jahren haben die Gewerkschaften in solchen Si­tuationen verantwortlich agiert.

Drittens verschieben sich die Preisverhältnisse zwischen den Energieträgern. Saubere Energie wird relativ billiger. Aus Umweltsicht ist das zu begrüßen. Manche Initiativen wie etwa eine neue CO2-Steuer wären unnötig. Anderer­seits weiß niemand, wie dauerhaft der Ölpreisanstieg ist. Insofern könnte die Freude begrenzt sein.

Insgesamt gesehen: So schrecklich es auf den ersten Blick klingt, wenn der Ölpreis auf 100 US-Dollar steigt, so muss man doch die Kirche im Dorf lassen. Es wäre ein Rückschlag für die Wirtschaft. Es würde Hoffnungen auf eine baldige Bes­serung zerstören. Die Arbeitslosigkeit würde ansteigen. Es wäre aber keine Katastrophe. In früheren Krisenzeiten ist der Ölpreis wesentlich stärker gestiegen. 2008 erreichte er über 130 US-Dollar. In den Jahren 2011 bis 2014 ging er bis auf 120 US-Dollar nach oben (Grafik). Die Welt ist auch damals nicht untergegangen. Mit dem gegenwärtigen Niveau der Ölprei­se sind wir noch weit, weit weg von einem Krisenniveau.

An den Finanzmärkten verschlechtert sich die Risikositua­tion. Der Internationale Währungsfonds hatte in seinem jüngsten "Global Stability Report" auf die größere Verletz­lichkeit der Finanzmärkte durch die gestiegenen Risiken und die höheren Schulden in Industrie- und Entwicklungs­ländern hingewiesen. Jetzt kommt noch ein Risiko dazu.
Das lässt systemische Ängste aufkommen. Ich vermute nicht, dass es zu einem Crash kommt. Dazu sind die Öl­preise noch zu niedrig. In jedem Fall werden aber die Ri­sikoaufschläge größer.

Für Aktien waren steigende Ölpreise in den letzten Jahren lange Zeit ein Plus. Sie signalisierten eine Normalisierung der Preisverhältnisse. Inzwischen hat sich die Situation ge­dreht. Steigende Ölpreise sind jetzt eine Belastung, je höher sie gehen, umso mehr. Exportorientierte Unternehmen könnten sich relativ gesehen noch ganz gut halten. Energie­intensive Firmen wie Luftfahrt, Tourismus oder auch der Online-Handel gehören zu den Verlierern.

Bei Bonds wirken unterschiedliche Kräfte. Die höheren In­flationsraten müssten die Zinsen eigentlich nach oben trei­ben. Das müsste selbst dann passieren, wenn die Geldpoli­tik die Leitzinsen nicht anhebt. Die Abschwächung der Kon­junktur wirkt für sich genommen zinssenkend. Der Gesamt­effekt ist unsicher. Die meisten assoziieren Ölpreiskrisen heute mit höheren Zinsen. Das war richtig für die 70er und 80er Jahre. Heute sind die Verhältnisse aber anders. Ich würde heute nicht mehr auf deutlich höhere Zinsen wetten."

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