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Martin Hüfner: EZB hat bei Inflation ein Glaubwürdigkeitsproblem

Nach Ansicht des Assenagon-Chefvolkswirts unterschätzt die EZB jene Inflation, die die Bürger im alltäglichen Leben spüren. Die Zentralbank sollte daher von ihrer laut Hüfner "mathematisch-juristischen "Punkt und Komma"-Genauigkeit" etwas abrücken. Das hätte aber Auswirkungen für Investoren.

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Martin Hüfner, Assenagon: "Mir verkrampft sich immer der Magen, wenn ich von der Zentralbank höre, die Preissteigerung sei zu niedrig. Die Geldpolitik müsse weiter daran arbeiten, um sie wieder nach oben zu bringen. Wie kann eine Institution, die für einen stabilen Geldwert zuständig ist, so etwas sagen?"
© Assenagon

Dr. Martin Hüfner geht in seinem aktuellen Kommentar einem Problem respektive einem Ärgernis nach, das auch institutionelle Investoren betrifft. Die Inflation. Diese tangiert Großanleger jedenfalls bei der eigenen Zinsmeinung, vielfach auch bei den täglichen Konsumausgaben. Hüfner moniert, dass die statistisch gemessene Inflation wesentlich niedriger als die Preissteigerung sei, die die Verbraucher beim täglichen Einkauf erlebten. Das sei ein Widerspruch, der darauf beruhe, dass es keine objektiv richtige Inflation gibt und deren Messung berauf beruht, wie einzelne Preise zu einem Index aggregiert werden.

Für Hüfner wäre es für die Glaubwürdigkeit der Zentralbank hilfreich, wenn sie sich nicht auf Punkt und Komma der amtlichen Preissteigerung versteifen würde. Den Kommentar des Assenagon-Chefvolkswirts können Sie nachfolgend im Originalwortlaut lesen:

"Mir verkrampft sich immer der Magen, wenn ich von der Zentralbank höre, die Preissteigerung sei zu niedrig. Die Geldpolitik müsse weiter daran arbeiten, um sie wieder nach oben zu bringen. Wie kann eine Institution, die für einen stabilen Geldwert zuständig ist, so etwas sagen?

Es passt auch so gar nicht zu der Lebenswirklichkeit des Verbrauchers. In der Tabelle habe ich willkürlich eine Reihe von Preisveränderungen in Deutschland aufgeführt (veröffen­tlicht vom Statistischen Bundesamt).

Molkereiprodukte und Eier beispielsweise sind in den letz­ten zwölf Monaten um zwölf Prozent teurer geworden (Butter sogar um 64 %). Für Spielzeug mussten fünf Prozent mehr ausgegeben werden. Für Pauschalreisen hatte man vier Prozent mehr auf den Tisch zu legen. Bankdienstleistungen kosteten vier Prozent mehr. Ich kenne niemand, der sich wünschte, für diese Dinge mehr zu bezahlen.

Natürlich ist auch manches billiger geworden. Der größte Posten sind die Dienste ambulanter Pflegeeinrichtungen, für die 38 Prozent weniger aufgewendet werden musste. Das haben die wenigsten Verbraucher gemerkt und wenn, dann haben sie es sicher nicht mit der Inflation in Verbindung gebracht.

Diese Diskrepanz zwischen dem "Sprech" der Zentralban­ker und den täglichen Erfahrungen der Verbraucher ist nicht nur ein Schönheitsfehler. Sie ist ein Ärgernis. Sie zeigt, dass die Geldpolitik den Kontakt zu der täglich­en Realität der Verbraucher verloren hat. Sie hat ein Glaubwürdigkeits­problem. Das ist in einer Demokratie nicht gut. Andererseits ist es, was vielen nicht klar ist, ein weiteres Argument, die Maßnahmen der ultralockeren Geldpolitik möglichst bald zu­rückzuführen.

Warum? Manche sagen, der Unterschied zwischen der amt­lich gemessenen und der von den Verbrauchern erlebten In­flation hänge damit zusammen, dass hier getrickst wird. Der Verbraucher würde durch die Statistiken über's Ohr gehau­en. Man müsse daher nur dafür sorgen, dass das Statisti­sche Bundesamt richtig rechne, dann sei alles geklärt. Das ist falsch. Niemand betrügt bei der Berechnung der Inflation.

Tatsache ist aber, dass es keinen objektiv richtigen Maß­stab der Inflation gibt. Alles hängt davon ab, wie man die Einzelpreise zu einem Durchschnitt aggregiert, der in etwa dem Geldwert entspricht. Hier gibt es verschiedene Mög­lichkeiten. Die gebräuchlichste ist, dass man die Preise der Waren und Dienste mit der Bedeutung gewichtet, die sie im Warenkorb eines repräsentativen Verbrauchers haben.

Das ist plausibel. Wenn man mehr für ein Gut ausgibt, dann sollte sich das auch im Preisindex entsprechend niederschlagen. Allerdings kommt es dann dazu, dass bei­spielsweise die Miete, die sich nur relativ selten verändert, ein Gewicht von 21 Prozent im Index hat, Nahrungsmittel dage­gen, die man mehrmals in der Woche kauft und bei denen man die Preis­veränderungen viel unmittelbarer erlebt, nur ein Gewicht von neun Prozent. Insgesamt kommt man bei dieser Rechnung für Deutschland auf eine Inflation von nur 1,7 Prozent.

Man könnte die Durchschnittsbildung aber auch ganz an­ders berechnen. Man könnte etwa die Preise mit der Häufig­keit gewichten, in der der Verbraucher die jeweiligen Güter und Dienste erwirbt. Dann bekämen Nahrungsmittelpreise beispielsweise ein viel höheres Gewicht als Mieten. Insge­samt kommt man bei einer solchen Durchschnittsbil­dung auf einen sehr viel höheren Wert der Inflation. Eine amtliche Berechnung dazu gibt es nicht. Die Volkswirte der UniCre­dit, die die gefühlte Inflation regelmäßig schätzen, ermittel­ten zuletzt einen Wert von 3,5 Prozent. Das kommt dem Gefühl der Verbraucher schon näher.

Man nennt diese Art des Durchschnitts die "gefühlte Infla­tion". Das klingt etwas abwertend. Es sieht so aus, als ob das ein unverbindlicher "Soft Factor" sei im Gegensatz zur seriösen amtlichen Inflation. Das ist nicht gerechtfertigt. Beide Durchschnittsbildungen sind gleich seriös und an­spruchsvoll. Keine ist besser als die andere.

Was heißt das nun für die Geldpolitik? Die EZB orientiert sich an der amtlichen Inflation. Sie begründet ihre zöger­liche Haltung bei der Rückführung der ultralockeren Geld­-
politik damit, dass die amtlich gemessene Geldentwertung geringer ist als das selbst gesetzte Ziel von "nahe aber un­ter zwei Prozent". Das ist streng genommen natürlich korrekt.

Wenn man aber berücksichtigt, dass es auch Berechnungsweisen von Infla­tion gibt, die zu anderen Ergebnissen kommen, dann macht eine solche mathematisch-juristische "Punkt und Komma"-Genauigkeit keinen Sinn. Dann sollte man die statistisch gemessene Inflation eher im Kontext interpretier­en und be­rücksichtigen, dass sie wesentlich niedriger ist als das, was die Menschen (nicht nur in Deutschland) empfin­den. Bei ei­ner solchen Betrachtung wäre bereits die derzeit­ige Inflation durchaus "zielgerecht". Sie würde ein Auslaufen der ultralo­ckeren Geldpolitik rechtfertigen.

Für den Anleger
ist die aktuelle Preissteigerung die beste aller Welten. Einer­seits ist sie so hoch, dass niemand mehr eine Deflation oder Rezession befürchten muss. Andererseits ist sie aber auch noch nicht so groß, dass man vor einer restriktiveren Geld­politik Angst haben müsste. Die Zentralbank wird bei der Rückführung der Wertpapierkäufe sehr vorsichtig vorgehen und alles versuchen zu vermeiden, was die Märkte stören könnte. Sie sollte jetzt aber damit beginnen, um nicht "hinter die Kurve" zurückzufallen." (aa)

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