Das Fachmagazin für institutionelle Investoren

Geben Sie Ihren Benutzernamen und Ihr Passwort ein, um sich an der Website anzumelden:
| Märkte
twitterlinkedInXING

Martin Hüfner: Deutschland steht einem vor goldenem Halbjahr

Viele Faktoren sprechen dafür, dass sich Deutschland nach einer kurzen Phase wirtschaftlicher Stagnation wieder in Richtung Aufschwung entwickelt. Dafür verantwortlich sind u.a. die deutsche Automobilindustrie und mehr Staatsausgaben.

hüfner_martin_2015_1.jpg
Dr. Martin Hüfner
 
© Assenagon

Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon, geht in seinem aktuellen Kommentar auf die  Konjunkturentwicklung im kommenden Jahr ein. Diese werde sich weltweit verschlechtern, wobei in Deutschland die Lage jedoch besser werde. Gründe für die unterschiedliche Entwicklung in Deutschland und der Welt seien Sondereffekte in der Autoindustrie sowie eine expansive Finanzpolitik.

Das sei laut Hüfner eine gute Nachricht für die Aktienmärkte. Es könnte in den kommenden Monaten zu einer Jahresend-Rallye kommen.

Welche Argumente Hüfner darüber hinaus für diese positive Einschätzung liefert, können Sie seinem Kommentar im Originalwortlaut entnehmen. (aa)


"Die Konjunktur in Deutschland hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als erwartet abgeschwächt. Die annualisierte Wachstumsrate verringerte sich von über vier Prozent Anfang 2017 auf zuletzt geschätzt kaum mehr als Null (siehe Grafik).

Fast jedes Quartal nahm die Dynamik ab. Wenn sich das so fortsetzen würde, hätten wir nächstes Jahr eine Rezes­sion. Müssen wir uns darauf einstellen?

Nein, mit dem Abschwung ist es in Deutschland jetzt erst einmal vorbei. Es geht wieder aufwärts. Die Entwicklung vollzieht sich allerdings nicht gradlinig, sondern unter gro­ßen Schwankungen. Es mutet fast wie eine Achterbahn an. Nachdem es zuerst kräftig nach unten gegangen ist, geht es jetzt ebenso stark nach oben.

Im Laufe des kom­menden Jahres normalisiert sich die Dynamik und die Zu­wachsrate verlangsamt sich wieder. Insgesamt wird das Wachstum 2019 etwas, aber nicht viel höher sein als 2018. Die wirt­schaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute gehen in ihrer Gemeinschaftsprognose von einer Zu­nahme des realen BIPs im kommenden Jahr von 1,9 Prozent aus (2018: 1,7 %). Das erscheint nicht unrealistisch.

Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Der "Turning Point", von dem an es wieder nach oben geht, dürfte Ende Sep­tember gewesen sein. Das dritte Quartal 2018 dürfte eines der schlechtesten der letzten Zeit gewesen sein. Das Wachstum ist vermutlich völlig zum Stillstand gekommen. Das lag vor allem an der Automobilindustrie. Sie wurde durch die Einführung des WLTP-Zulassungsverfahrens zum 1. September 2018 besonders belastet. Es kam zu zeitweiligen Produktions- und Lieferstopps. Manch einer erinnert sich an Fotos mit Massen von Autos auf der grünen Wiese, die auf Abholung warteten.

Im vierten Quartal wird sich das ändern. Das gesamtwirt­schaftliche Wachstum wird dramatisch nach oben gehen. Ursache ist wieder die Autoindustrie, die jetzt von den "Die­sel-Beschlüssen" der Regierung profitiert.

Die Prämien für die Rückgabe von alten Diesel-Pkws wirken – nach derzei­tiger Beschlusslage der Regierung – wie eine Abwrackprä­mie. Sie erhöhen den Absatz an Neufahrzeugen und sind damit eine Art Konjunkturprogramm für die Unternehmen. Die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in Deutschland rechnen mit einem Wachstum des realen BIPs im vierten Quartal von annualisiert 2,5 Prozent. Wenn es aus Angst vor Zöllen zu vorgezogenen vermehrten Ausfuhren in die USA kommen sollte, könnte der Zuwachs sogar noch höher ausfallen.

Das hohe Wachstum geht Anfang des neuen Jahres weiter, dann aber aus einem anderen Grund. Dann kommen näm­lich all die finanzpolitischen Wohltaten zum Tragen, die die große Koalition beschlossen hat. Das sind unter anderem die Erweiterung der Mütterrente, die Senkung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung, die Anhebung des Grundfrei­be­­tra­ges bei der Einkommensteuer und die Erhöhung des Kin­dergeldes. Auch die Rückkehr zur paritätischen Finan­zie­rung der Krankenversicherung entlastet die Arbeitneh­mer.

Zusätzlich wirtschaftet der Staat auf der Ausgabenseite aus dem Vollen. Zu nennen ist die Erhöhung der Verteidigungs­ausgaben und die geplante Ausweitung von Infrastrukturin­vestitionen. Insgesamt ergibt sich nach Berechnungen der Wirtschaftsforschungsinstitute ein Konjunkturimpuls von 19 Milliarden Euro. Das sind 0,6 Prozent des BIPs. Das fällt schon ins Gewicht. Es führt dazu, dass Deutschland gesamtwirtschaft­lich gesehen ein "goldenes erstes Halbjahr 2019" erleben wird (annualisierte Wachstumsrate von 2 % bis 2,5 %). Erst im Laufe des zweiten Halbjahres werden die Impulse schwächer und das Wachstum wird sich wieder verlang­samen.

Was heißt das nun für den Kapitalmarkt? Zunächst ist es positiv für die Aktien. Wenn die Konjunktur im vierten Quar­tal 2018 wieder anzieht, steigen die Gewinne der Unterneh­men und die Einkommen der Haushalte. Damit hellt sich das Umfeld der Börsen auf. Es gibt die Chance auf eine Jah­resend-Rallye in Deutschland. Sie geht aus von der Au­toindustrie, sollte sich dann aber auf die gesamte Wirtschaft ausdehnen. Immerhin macht die Autoindustrie rund acht Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung aus. Ab 2019 wird der Aufschwung breiter und erfasst direkt das gesamte Spek­trum der Wirtschaft.

Profitieren wird wegen der höheren verfügbaren Einkom­men vor allem der private Konsum. Daneben dürften jedoch die zusätzlichen Staatsausgaben den Investitionsgüterher­stellern und der Bauindustrie nutzen. Wenn die Inflation an­ziehen sollte, kommt das ebenfalls den Gewinnen zugute. Die Exportnachfrage wird dagegen wegen des langsameren Welthandels unverändert bleiben.

Das ist die gute Nachricht. Freilich darf man die positiven Wirkungen nicht übertreiben, denn die Entwicklung be­schränkt sich zunächst auf Deutschland. In einer Welt, in der Deutschland so stark in das europäi­sche Umfeld einge­bunden ist, kann der DAX keinen größe­ren Sonderweg ge­hen. Andererseits hilft ein besserer DAX den umliegen­den Börsen.

Im Übrigen bin ich mir nicht si­cher, ob nicht das ei­ne oder andere EU-Land im kommen­den Jahr angesichts der schwächeren Weltkonjunktur auch zusätzliche finanz­politische Maßnahmen ergreifen wird. In Italien ist jetzt schon absehbar, dass sich das Haushaltsde­fizit im kom­menden Jahr erhöhen wird.

Hinzu kommt, dass natürlich die generellen Marktrisiken durch die Handelspolitik der Amerikaner, die Probleme in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die steigenden Zinsen, den Brexit und die populistischen Forderungen der italienischen Regierung bestehen bleiben.

Von den US-Börsen werden auch nicht mehr so viele positive Effekte ausgehen, da in den Vereinigten Staaten die Wirkung der Steuerreform nachlässt und sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum verlangsamt. Wenn der Himmel einstürzt, kön­nen bekanntlich auch die Tauben nicht mehr fliegen."

twitterlinkedInXING

News

 Schliessen