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Martin Hüfner analysiert, welche Risiken derzeit die Märkte bedrohen

Der Chefvolkswirt von Assenagon geht in einem aktuellen Kommentar auf jene Risiken ein, die an den Aktienbörsen Kursverluste von mehr als zehn Prozent auslösen könnten. Hüfner nennt aber auch jene Gründe, die noch immer für weiter steigende Kurse sprechen.

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Dr. Martin Hüfner, Assenagon: "In Europa ist das nach Robert Shiller zyklisch be­reinigte Kurs-/Gewinn-Verhältnis mit derzeit zwanzig noch relativ niedrig. In Amerika aber beträgt es über dreißig. Und wenn dort die Blase platzen sollte, wäre natürlich auch Europa betroffen."
© Assenagon

Laut Einschätzung von Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon, sei die Situation an den Aktienmärkten derzeit noch gut. Diese dürfte aber in den nächsten Monaten schwieriger werden. Eine größere Krise wie die in den Jahren 2008/09 oder 2000/03 oder 1987 sei derzeit aber wenig wahrscheinlich.

Auch wenn viele Argumente für weiter steigende Kurse sprechen, sollten Investoren die Risiken keinesfalls ausblenden. Auf einen begrenzten Kursrückgang wie 2011 oder 2015/16 müssten sich Marktteilnehmer angesichts der gegebenen Risiken durchaus einstellen. Der DAX könnte zeitweise unter 11.000 fallen. Wie Hüfner die Märkte sieht und welche Risiken drohen, können Sie nachfolgend seinem Kommentar entnehmen. (aa)


"Immer wenn es in diesen Tagen am Aktienmarkt nach unten geht, kommen die Zweifler. Könnte es nun endgültig mit dem neun Jahre dauernden Aufschwung zu Ende gehen? Müssen wir uns auf den großen Crash einstellen?

Zunächst muss man die Kirche im Dorf lassen. Kurs­schwankungen an den Märkten sind normal. Ich habe noch nie eine Entwicklung ohne mehr oder weniger regel­mäßige Aufs und Abs gesehen. Man muss also nicht bei jedem Rückgang nervös werden. Problematisch wird es allerdings, wenn die Schwankungen zu groß werden. Hier kann man zwei Fälle unterscheiden.

Das eine sind die großen Krisen. Sie sind relativ selten, da­für aber umso schmerzhafter. Bisher gab es in der Nach­kriegszeit in Deutschland drei solcher Krisen: Den Einbruch 1987 mit einem Rückgang des DAX um mehr als 40 Prozent in drei Monaten, das Platzen der New Economy-Blase im Jahr 2000 mit einem Einbruch der Kurse um über 70 Prozent und die große Finanzkrise 2008/09 mit einer Verringerung des Ak­tienindex um über 50 Prozent.

Zwischen diesen Krisen lagen jeweils acht bis dreizehn Jahre. Rein von der zeitlichen Abfolge her gesehen, könnte jetzt wieder ein solcher Einbruch fällig werden. Allerdings waren die damaligen Crashs jeweils mit größeren gesamt­wirtschaftlichen Ungleichgewichten verbunden, wie es sie heute nicht gibt. Sie waren – bis auf 1987, als niemand richtig an Krisen dachte – vorhersehbar und wurden auch vorhergesehen. So etwas muss jetzt nicht befürchtet wer­den.

Der zweite Fall sind Mini-Crashs, die aber auch "nicht ohne" sind. Aus letzter Zeit sind hier der Sommer 2011 zu nennen, als die Kurse in kurzer Zeit um 30 Prozent fielen sowie die Durst­strecke 2015/16, als sich der DAX in ähnlicher Größenordnung ermäßigte.

Die erste Krise hing zusammen mit der Eskalation der Spannungen im Euro. Die Zweite war eine Folge des Verfalls der Ölpreise (von über USD 100 je Barrel auf unter 30). Solche "Events" können auch heute nicht ausgeschlossen werden.

Zwar ist die Konjunktur stabil. Bei den letzten beiden Ein­brüchen hatte sich die gesamtwirtschaftliche Entwicklung verschlechtert (siehe Grafik). Im Januar und Februar dieses Jahres hat sich der ifo-Index jetzt allerdings auch wieder er­mäßigt. Ende dieser Woche wird der neue Wert veröffent­licht. Manche beschwören einen "großen Knall", falls der Index zum dritten Mal hintereinander zurückgehen sollte.

Das ist aber aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht gerecht­fertigt. Die Aufwärtsentwicklung ist nach wie vor gut abge­sichert. Sie bekommt neue Impulse durch die Ausgaben­programme der neuen Bundesregierung. Die Weltkonjunk­tur läuft und wird durch die Steuersenkung in den USA weiter angefeuert. Die Inflation ist gering, so dass sich die Kaufkraft der Verbraucher nicht verringert. Die monetären Bedingungen sind weiter wachstumsfreundlich. Die Euro­päische Zentralbank hat in der letzten Woche noch einmal deutlich gemacht, dass sie bei der Rückführung der Wert­papierkäufe und der Erhöhung der Zinsen sehr vorsichtig sein wird. Sie wird alles tun, um eine Krise an den Märkten zu verhindern.

Von dieser Seite ist also keine Gefahr zu befürchten. Wo es aber schwieriger aussieht, ist bei den Event-Risiken. Sie könnten den Aktienmärkten einen Schlag versetzen. Eines ist der Protektionismus. Die Ankündigung der Zölle auf Stahl und Aluminium durch die USA haben die Märkte bisher oh­ne große Verunsicherung weggesteckt. Wenn daraus aber ein größerer Handelskrieg werden sollte, der auch Europa stärker belastet, könnten sich daraus Gefahren für die Ak­tienmärkte ergeben.

Ein anderes Risiko wäre eine weitere Aufwertung des Euros auf den Devisenmärkten. Bisher hat sich die Höherbe­wertung der Gemeinschaftswährung überraschenderweise noch nicht stärker negativ auf die Aktien ausgewirkt. Das hängt damit zusammen, dass der Euro fundamental gese­hen immer noch unterbewertet ist. Schwierig würde es erst bei Kursen von über 1,30 bis 1,35 US-Dollar je Euro. Nie­mand kann so etwas ausschließen.

Weitere Risiken könnten sich ergeben, wenn es in Italien zu einer Regierung aus den europakritischen Parteien Lega Nord und Fünf Sterne Bewegung käme. Das könnte die Ent­wicklung in der EU und dem Euroraum kräftig durcheinan­der wirbeln. Oder wenn es in den internationalen Krisenherden in Ostasien oder im Mittleren Osten zu größeren Unru­hen käme, die sich dann vielleicht auch auf die Rohstoffprei­se auswirken würden.

Manche verweisen auch auf die hohe Bewertung an den Märkten. Sie nährt den Verdacht einer Blase, die platzen könnte. In Europa ist das nach Robert Shiller zyklisch be­reinigte Kurs-/Gewinn-Verhältnis mit derzeit zwanzig noch relativ niedrig. In Amerika aber beträgt es über dreißig. Und wenn dort die Blase platzen sollte, wäre natürlich auch Europa betroffen.

Für den Anleger
Im Augenblick ist die Stimmung an den Aktienmärkten noch gut. Immer wenn die Kurse fallen, finden sich Käufer, die die günstigeren Einstiegspreise nutzen. Das ist beruhigend. Es muss aber nicht dabei bleiben. Angesichts der gestiegenen Risiken sind Einbrüche wie 2011 oder 2015/16 mit zweistel­ligen Kursverlusten [im Prozenbereich] denkbar. Dies vor allem dann, wenn die Dividendensaison im Mai zu Ende geht. Der DAX könnte dann auch unter 11.000 Punkte fallen."

 

 

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