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Markt im Spannungsfeld zwischen Geister-BIP und Phantomrenditen

Der Fixed Income CIO bei RBC BlueBay AM erläutert in einem Kommentar, warum derzeit Begriffe wie "Ghost GDPs" und "Phantomrenditen" herumgeistern und weshalb das hochgelobte Indien unerwartete Probleme bekommen könnte.

Mark Dowding, RBC Bluebay Asset Management
Mark Dowding, RBC Bluebay Asset Management© Tom Birtchnell / Institutional Money

Eckpunkte:

  • Zoll-Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA hat bislang Märkte nicht bewegt
  • Investoren müssen Gewinner und Verlierer der KI-Disruption finden und notfalls veräußern
  • "Geister BIP" sorgt für neue Diskussionen
  • KI könnte Disinflation verstärken
  • Indien könnte verlieren, Südkorea profitieren
  • Investoren sollten bei Neukäufen abwarten und keinen "Phantomrenditen" hinterherjagen

US-amerikanische Staatsanleihen haben sich in der vergangenen Woche kaum bewegt. Das Urteil des Supreme Court gegen die Zölle, die Donald Trump im Emergency Economic Powers Act (IEEPA) angeordnet hatte, nahm keinen wesentlichen Einfluss auf die Märkte – sie hatten dieses Ergebnis bereits erwartet. Außerdem beeilte sich die US-Regierung, nach der Aufhebung der bisherigen Zölle umgehend neue Zölle anzukündigen.

Oberflächlich sieht es so aus, als ob sich für das allgemeine wirtschaftliche Umfeld nicht viel ändert. "Aus unserer Sicht besteht jedoch die Gefahr, dass die tatsächlich erzielten Zolleinnahmen durchaus hinter dem zurückbleiben könnten, was die US-Regierung sich erhofft hat. Auf nationaler Ebene könnte es dadurch sowohl Gewinner als auch Verlierer geben", merkt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management, in seinem aktuellen Wochenkommentar an.


Anmerkung:

Mark Dowding ist einer von vielen Vortragenden am kommenden Institutional Money Kongress, der am 24. und 25. März 2026 im Frankfurter Congress Center ausgerichtet wird.

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US-Regierung unter Druck
Die Zustimmungsraten für den US-Präsidenten haben sich jedenfalls nicht verbessert. Mit nur noch 40 Prozent sind sie inzwischen auf den niedrigsten Stand seit Trumps Amtseinführung vor einem Jahr gefallen. Auch angesichts der bevorstehenden Zwischenwahlen im November sucht die US-Regierung nun Erfolge, um das Blatt zu wenden.

Geister-BIP alias Ghost GDP geistert durch die Gazetten
Immerhin sei die volkswirtschaftliche Datenlage weitgehend positiv – wobei die Wirtschaft zu einem signifikanten Teil durch enorme Investitionen in Künstliche Intelligenz befeuert wird. Das hat laut Dowding den Begriff des „Ghost GDP“ geprägt: In diesem Szenario würden die Wachstumszahlen zwar gut aussehen, aber Bürgerinnen und Bürger würden durch diese „Wirtschaftsleistung“ nichts mehr verdienen. Da KI-Investitionen zukünftige Arbeitsplätze und zukünftiges Einkommen real gefährden, sind KI-Gewinne von der Gesellschaft ebenso zu befürchten wie zu begrüßen.

This time it is different...
In früheren Phasen des technologischen Fortschritts konnten Verbraucher in der Regel mehr hochwertige Produkte kaufen als vorher. Im Kontext der Nutzung von Professional Services wie Rechtsberatung, Versicherungen oder Vermögensverwaltung sei jedoch nicht klar, ob technologische Investitionen dort zu einem Anstieg des Konsums führen werden. "Wenn überhaupt, dürften sie eher zu einem Preisrückgang führen", merkt Dowding an.

Verdrängungskampf voraus
Aber selbst wenn Einkommen für andere Ausgaben zur Verfügung steht, reagiert die Nachfrage nach Professional Services typischerweise kaum auf Preisänderungen. In diesem Fall könnten viele der derzeitigen Investitionen zu einem Nullsummenspiel führen, bei dem sich die Investitionsrenditen nur auf Kosten der Verluste anderer etablierter Anbieter rechtfertigen lassen.

KI könnte Inflationsraten sinken lassen
Ein solches Ergebnis könnte auf eine stärkere Disinflation hindeuten. Dieses Thema hat in der vergangenen Woche zur Stützung lang laufender Staatsanleihen beigetragen. Das treibt die Suche nach Gewinnern und Verlierern der KI auf nationaler Ebene sowie auf Sektorebene voran.

Indien könnte Opfer, Südkorea Profiteur des Fortschritts werden
Aus unserer Sicht könnte Indien auf Länderebene relativ gesehen ein Verlierer sein. Wir sind der Meinung, dass es die dahin ausgelagerten Arbeitsplätze sind, die als erste durch KI ersetzt werden, was für die indische Wirtschaft einen erheblichen Nachteil darstellen könnte. Im Gegensatz dazu dürfte Korea eher zu den Gewinnern der KI gehören. Unter diesem Aspekt sind Währungsgeschäfte mit Long-Positionen in Won und Short-Positionen in Rupien eine Möglichkeit, diese Streuung zu nutzen.

Daumen hoch für Banken, Daumen runter für Software
Auf Sektorebene sehen wir europäische Banken aufgrund ihrer moderaten Bewertung, steilen Zinsstrukturkurven und regulatorischen Absicherung besser gegen die Auswirkungen der KI geschützt. Gleichzeitig rechnen wir in großen Teilen des Softwaremarktes mit weiteren Schwierigkeiten für die so genannten Business Development Companies, da die Probleme auf den Private Markets weiter zunehmen.

An den Unternehmensanleihenmärkten machen sich die Auswirkungen der KI durch eine stärkere Streuung und eine gesunde Spread-Ausweitung in Bereichen bemerkbar, die anfällig für KI-Disruptionen sind. Dazu zählen Software, Dienstleistungen, Private Credit und Versicherungen, die in Private Credit investieren.

In einigen Bereichen hat der Markt sehr schnell reagiert – nach dem Motto “erst reagieren und später nachdenken”, was zu Verwerfungen geführt hat. Insgesamt bleiben die Spreads laut Dowding nahe ihren Tiefstständen, und es ist nach wie vor wenig sinnvoll, ein erhebliches Beta-Risiko einzugehen. Dowding glaubt jedoch, dass die Streuung weiter zunehmen wird.

Kurzfristige Einschätzung
RBC BlueBay AM hält ihr Risikoengagement vorerst auf einem moderaten Niveau. Die Märkte scheinen sich seitwärts zu bewegen. Risikoanlagen dürften sich weiterhin gut entwickeln, da es keine Anzeichen für eine deutliche Konjunkturabkühlung in den wichtigsten Wirtschaftsräumen gibt und die Inflation gedämpft bleibt.

Die Volatilität an den Währungsmärkten ist begrenzt, was weiterhin für eine Beibehaltung von Long-Carry-Positionen spricht. Dies verdeckt jedoch einige der extremeren Schwankungen unter der Oberfläche.

"Deshalb wäre es nicht überraschend, wenn die Risikoaversion länger anhält, bevor Aktien von einer soliden Basis wieder steigen. Vor diesem Hintergrund warten wir ab, um bei schwächeren Märkten zuzukaufen, ohne unter Druck zu stehen, „Phantomrenditen” hinterherzujagen", erklärt Dowding abschließend. (aa)

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