Mark Dowding: Rezession könnte realistisches Szenario werden
Die Kämpfe im Iran scheinen vorerst beendet, doch die wirtschaftlichen Folgen werden erst nach und nach sichtbar. Investoren sollten unbedingt die Inflations- und Rezessionsgefahren im Blick behalten, empfiehlt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.

Eckpunkte:
- Investoren sollten Inflations- und Rezessionsrisiken genau abwägen
- Bevorstehende Veröffentlichungen neue Inflationszahlen könnten Investoren risikoaverser stimmen
- Falls der Irankrieg erneut an Schärfe gewinnt und die Energiepreise weiter steigen, droht eine Rezession
Der Waffenstillstand im Nahen Osten hält, die Anleiherenditen weltweit notieren niedriger, und US-Aktien sind wieder über das Niveau vor Beginn der Operation „Epic Fury“ gestiegen. Es herrscht Optimismus, dass eine Einigung in greifbarer Nähe liegt, auch wenn die Straße von Hormus vorerst weitgehend gesperrt bleibt.
"Vor diesem Hintergrund sind wir derzeit der Ansicht, dass der Ölpreis selbst in einem Szenario, in dem es relativ bald zu einer Einigung kommt, in den kommenden sechs Monaten nicht wesentlich unter 80 US-Dollar fallen wird, wenn man die Schäden an der Infrastruktur und die Zeit berücksichtigt, die es dauern wird, bis sich die Lieferketten wieder normalisieren. Referenz-Öl-Futures werden zwar wieder unter 100 US-Dollar pro Barrel gehandelt, die Preise für Brent zur sofortigen Lieferung liegen jedoch bei rund 140 US-Dollar, da sich die Engpässe allmählich bemerkbar machen", merkt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management, in seinem aktuellen Wochenkommentar an.
Mangel manifestiert sich erst nach und nach
Tanker benötigen bis zu vier Wochen vom Golf bis zu ihrem Ziel, und auf den Verbrauchermärkten werden erst jetzt die ersten Engpässe spürbar, die sich im Laufe der kommenden Wochen wahrscheinlich noch deutlich verschärfen werden.
Im Falle der USA bedeutet die niedrige Besteuerung von Benzin, dass die prozentuale Veränderung der Preise an der Zapfsäule deutlicher ausfällt als anderswo. Anders ist die Lage beim Erdgas: Die Preise sind in den US-Midlands nicht gestiegen, in Europa infolge der LNG-Lieferunterbrechungen aus dem Golf hingegen deutlich.
Höhere Preise lassen Inflationsraten steigen
Die Lebensmittelinflation dürfte laut Dowding steigen, da gestörte Düngemittellieferungen die Ernteerträge in diesem Jahr beeinträchtigen und erhöhte Transportkosten ebenfalls zu höheren Verbraucherpreisen führen. Dasselbe gilt für die Flugpreise, die bereits im vergangenen Monat wegen höherer Kerosinpreise dramatisch gestiegen sind.
"Sowohl in Europa als auch in den USA dürfte die Inflation um ein Prozent höher ausfallen als ohne diesen negativen Angebotsschock. Der Gesamt-Verbraucherpreisindex dürfte im Euroraum 3,0 Prozent erreichen, in den USA sogar 4,0 Prozent, wobei die Kerninflation etwa 0,5 Prozent unter diesem Niveau liegen dürfte", prognostiziert Dowding.
Höhere Energiepreise belasten das BIP-Wachstum
Gleichzeitig dürfte das Wirtschaftswachstum Dowding zufolge um etwas mehr als 0,5 Prozent beeinträchtigt werden. Damit wird die US-Wirtschaft zwar weiterhin mit einem soliden Tempo von über zwei Prozent wachsen, doch in der Eurozone liegt RBC BlueBays Basisprognose für das Wachstum nun nur noch bei etwa 0,5 Prozent. "In einem ungünstigen Fall könnte der Konflikt in den kommenden Tagen erneut eskalieren, und eine Rezession zu einem realistischen Szenario werden", warnt Dowding.
Zinserhöhungen?
Was die EZB betrifft, so rechnet Dowding für 2026 mit zwei Zinserhöhungen, was den Erwartungen an den Terminmärkten entspricht: "Wir können uns nur schwer vorstellen, dass die Fed unter Kevin Warsh in diesem Jahr die Zinsen anheben wird. Zinssenkungen sind aber ebenfalls sehr unwahrscheinlich - jedenfalls bis die Inflation wieder sinkt."
An den Devisenmärkten tendiert der Dollar schwächer, da der Konflikt im Nahen Osten nachgelassen hat. "Wir denken, dass wir uns zukünftig auf ein Regime mit einem schwächeren Dollar zubewegen und dass die Entwicklungen weltweit zu mehr Investitionen im Inland führen werden, da Länder und Regionen bestrebt sind, Ersparnisse zu halten, um lokale Ziele zu finanzieren", prognostiziert Dowding.
Emerging Markets aussichtsreich
Aufgrund des sinkenden Ansehens der USA möchten viele Anleger ihre Investments aus dem US-Markt abziehen, und suchen anderswo nach Chancen. Diese Entwicklung kann sich positiv auf Schwellenländer auswirken, insbesondere auf diejenigen, die Öl exportieren, wie Brasilien, Kolumbien oder andere Länder in Lateinamerika.
Hier ist die Schwäche von Anleihen in lokaler Währung seit Beginn des Konflikts nicht gerechtfertigt. Es erscheint sinnvoll, Long-Positionen gegenüber Short-Positionen in asiatischen Ländern wie Indien, Thailand oder den Philippinen, die alle Ölimporteure sind, aufzustocken.
Vor diesem Hintergrund ist Dowding der Ansicht, dass an den Unternehmensanleihe- und Aktienmärkten nach wie vor zu viel Optimismus herrscht: "Es scheint nicht, dass die Märkte die Veränderungen im makroökonomischen Umfeld vollständig eingepreist hätten, selbst wenn es Trump gelingen sollte, in den kommenden Tagen ein Friedensabkommen zu erzielen."
Der Fokus wird sich irgendwann von der täglichen Analyse rund um die Straße von Hormus wieder auf die Wirtschaftsdaten und den sich aufbauenden Inflationsdruck sowie den daraus resultierenden Wachstumsschock verlagern, die durch die Ereignisse bereits im System angelegt sind.
Negative Marktreaktionen drohen
Überraschungen bei den Daten des Verbraucherpreisindex sind sehr wahrscheinlich. Da die Rhetorik der Zentralbanken zunehmend restriktiver wird, ist es sehr gut möglich, dass dies der Auslöser sein wird, der Risikoanlagen in den kommenden Tagen unter Druck geraten. Denn die Aktienmärkte scheinen stets Schwierigkeiten zu haben, geopolitische Risiken einzupreisen. Letztendlich werden es die Zinsen und die Geldpolitik sein, die einen direkteren Einfluss haben werden. (aa)

