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Mark Dowding: Märkte verlieren Bezug zur Realität!

Nach Einschätzung des Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management unterschätzen viele Marktakteure die negativen Folgen der Lieferkettenprobleme und laufen Gefahr, am falschen Fuß erwischt zu werden.

Mark Dowding, RBC Bluebay Asset Management: "Wir sind bei unseren Strategien vorerst vorsichtig. Wir haben selten eine derart große Diskrepanz zwischen der Marktstimmung und dem, was wir von politischen Entscheidungsträgern hören, beobachtet. Die Erfahrung lehrt uns, in solchen Fällen besonders aufmerksam zu sein."
Mark Dowding, RBC Bluebay Asset Management: "Wir sind bei unseren Strategien vorerst vorsichtig. Wir haben selten eine derart große Diskrepanz zwischen der Marktstimmung und dem, was wir von politischen Entscheidungsträgern hören, beobachtet. Die Erfahrung lehrt uns, in solchen Fällen besonders aufmerksam zu sein."© Tom Birtchnell / Institutional Money

Eckpunkte:

  • Mit jeder Woche, in der die Lieferketten gestört sind und die Preise steigen, erhöht sich das Korrekturpotenzial an den Aktienmärkten
  • Von den großen Weltregionen steht Amerika aus Versorgungssicht am besten da

Der Konflikt rund um die Straße von Hormus ist alles andere als gelöst, doch die Märkte zeigen sich zuversichtlich. Allerdings: Mit jeder weiteren Woche steigt die Inflationsgefahr und leidet die Wirtschaft. "In Zeiten, in denen politische Aussagen und die Auffassungen der Märkte so stark voneinander abweichen wie jetzt gerade, ist erfahrungsgemäß Vorsicht angebracht," warnt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.

Dowding weist darauf hin, dass wegen Versorgungsengpässen Fluggesellschaften Flüge streichen müssten und in einigen Ländern Produktionskürzungen zu sehen sind.

Diskrepanzen
"Bei Treffen mit politischen Entscheidungsträgern in Washington D.C. diese Woche fiel uns die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem, was wir hörten, und dem, was möglicherweise in den Marktprognosen verankert ist, auf", merkt Dowding an.

Die wirtschaftlichen Aussichten für die USA bleiben gut, doch in Übersee spiegelt sich das nicht wider. Folglich beobachtet Dowding, dass die relative Stärke des S&P in den USA nicht als Grundlage für Risikoanlagen in anderen Regionen dienen sollte: "Daher würden wir die Berechtigung der jüngsten Rallye bei europäischen Aktien und Anleihen in Frage stellen; dasselbe gilt für eine Reihe von Märkten in Asien, deren Volkswirtschaften ebenfalls stärker Abwärtsrisiken ausgesetzt sind."

Zwar werden die USA aufgrund höherer Rohstoffpreise einen Inflationsschock erleben, doch sind sie stärker immun gegen physische Engpässe. Daher geht Dowding von moderaten Auswirkungen des Konflikts auf das US-Wachstum aus. Die Gesamtnachfrage wird durch die positiven Impulse aus Steuersenkungen, Deregulierung und dem Investitionsboom im Bereich der KI gestützt. "Der drohende Wachstumsschock in Europa und weiten Teilen Asiens nimmt jedoch mit jeder Woche weiter zu, da der Schiffsverkehr im Golf weitgehend zum Erliegen gekommen ist", warnt Dowding.

Es besteht Dowding zufolge der Eindruck, dass Trump ein rasches Ende des Konflikts wünscht. Doch die Hardliner in der iranischen Revolutionsgarde sind offenbar weit davon entfernt, den US-Forderungen zuzustimmen. "Eine militärische Eskalation könnte sich als der Weg erweisen, die Dinge zu beschleunigen", befürchtet Dowding.

Joe Sixpack hat ein kurzes Gedächtnis
Der Krieg selbst ist in den USA nicht populär, doch die Hauptsorge der Wähler scheinen aktuell die hohen Benzinpreise zu sein. Selbst Demokraten teilen die Auffassung, dass der Iran nach vielen Jahren Fehlverhaltens sein Los verdient. Mit Hinblick auf die bevorstehenden Zwischenwahlen gilt es außerdem zu beachten, dass Wähler ein kurzes Gedächtnis haben. "Bei den Midterms kommt es vor allem darauf an, was im Oktober geschieht, nicht im Frühling oder Sommer", erinnert Dowding.

Momentan sieht es so aus, als ob ein der Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus bei den Zwischenwahlen bereits eine beschlossene Sache sei. Für den Senat ist das weitaus unwahrscheinlicher, aber die Stimmen mehren sich, dass die Demokraten bei den nächsten Präsidentschaftswahlen Ende 2028 einen klaren Sieg davontragen könnten.

Machtverschiebungen
Vor diesem Hintergrund sei womöglich auch zu erwarten, dass Trump 2027 versuchen wird, per Executive Order zu regieren, was zu häufigen Auseinandersetzungen mit den Gerichten führen dürfte, da er die präsidialen Privilegien auf eine noch nie dagewesene Weise auf die Probe stellen will. Der Kongress wird dadurch in den nächsten Jahren an Einfluss einbüßen. Schon jetzt lenken Lobby-Firmen ihre Budgets weg vom Capito Hill und stärker in Richtung Weißes Haus.

Vielleicht werden die Demokraten versuchen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten einzuleiten. Das gilt jedoch als chancenlos, da kein realistischer Weg erkennbar ist, wie ein solcher Antrag die erforderlichen 60 Stimmen erhalten könnte.

Geldpolitik: Wenig Bewegung eingepreist
Bis zum Jahresende ist laut Dowding keine Änderung der Zinsen durch die Fed zu erwarten: "Da in den Futures-Kurven wenig eingepreist ist, gehen wir davon aus, dass sich US-Staatsanleihen in der Nähe der aktuellen Niveaus bewegen werden. Wenn die US-Wirtschaft um zwei Prozent wächst, während die Inflation auf vier Prozent steigt, bedeutet dies ein nominales Wachstum von sechs Prozent und ein gesundes Umfeld für nominale Unternehmensgewinne."

Privatanleger nutzen nach wie vor jeden Kursrückgang zum Kauf – sogar auf Kredit – um attraktive Renditen zu erzielen. US-Aktien werden so vorerst weiter gestützt.

Außerhalb der USA sieht das Umfeld Dowding zufolge jedoch deutlich schwieriger aus: "Wir gehen davon aus, dass die Inflation in der Eurozone über drei Prozent steigen und das Wachstum unter 0,5 Prozent zurückgehen wird, selbst wenn die Straße von Hormus im Zuge eines Friedensabkommens rasch wieder geöffnet werden sollte. Falls der Transit durch die Meerenge jedoch weiterhin ausfällt, würden wir für jede weitere Woche, in der wir in dieser Sackgasse feststecken, 0,1 Prozent vom BIP abziehen und weitere 0,1 Prozent zur Inflation hinzurechnen."

Versorgungsengpass trifft Ökonomie zeitverzögert, höhere Inflation unvermeidbar
Vergangene Woche haben die allerletzten Tanker aus dem Golf, die noch aus der Zeit vor dem Krieg unterwegs waren, ihre Ziele in Asien erreicht. Von nun an werden sich die Versorgungsengpässe nur noch verschärfen. Es sei Dowding zufolge unvermeidlich, dass es zu einem Nachfragerückgang kommen muss, um Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen: "Das bedeutet, dass eine Rezession in Europa und in einigen asiatischen Ländern wahrscheinlicher wird. Im März sind die deutschen Erzeugerpreise auf Monatssicht um 2,5 Prozent und die Lebensmittelpreise in Großbritannien im Vergleich zu März 2025 um 7,3 Prozent gestiegen – womöglich Vorboten einer noch viel schmerzlicheren Inflation."

Das hat laut Dowding Auswirkungen auf die Zinspolitik in Europa: "Wir gehen davon aus, dass die EZB trotz eines drohenden Wachstumsschocks im Juni und September die Zinsen anheben muss und die Bank of England möglicherweise gezwungen sein wird, diesem Beispiel zu folgen."

US-Markt interessiert sich nur bedingt für Entwicklungen in fernen Landen
Bis zur Wiederöffnung der Straße von Hormus und zur Beilegung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran dürften die damit verbundenen Nachrichten vorerst weiterhin die Märkte bestimmen. "Wir haben gesehen, wie unbeeindruckt US-Aktien von Ereignissen sind, die viele Tausend Kilometer entfernt stattfinden. Doch die sich verändernde Dynamik in Übersee wird für die Menschen in Europa und Asien deutlicher zu spüren sein, da sie sich auf den Alltag auswirkt", erklärt Dowding.

Neupositionierungen
Dies deutet darauf hin, dass die Korrelationen bei Risikoanlagen sich verändert. Anleger positionieren ihre Portfolios neu, bis sich die Lieferketten wieder normalisiert haben. Da Experten jedoch darauf hinweisen, dass es Jahre dauern könnte, bis die LNG-Preise sinken, da bereits ohne den Krieg im Nahen Osten und die Schäden an der Infrastruktur in Katar eine sich abzeichnende Versorgungsknappheit bestanden hätte, deutet dies auf anhaltende Probleme in den Lieferketten hin.

Autonomie hat ihre Vorteile
Eine offensichtliche Folge des aktuellen Konflikts wird laut Dowding sein, dass die Länder in Zukunft einen höheren Grad an Autonomie herstellen müssen. In den Bereichen Verteidigung, Energie und Nahrungsmittel ist es wichtig, ein gewisses Maß an Selbstversorgung zu haben, anstatt auf Dritte angewiesen zu sein. Wenn diese Lektion nicht bereits aus Covid und dem Ausbruch des Russland-Ukraine-Kriegs gelernt wurde, dann ist es jetzt höchste Zeit.

Politik und Geopolitik wird immer unberechenbarer. In dieser Hinsicht ist eine offensichtliche Erkenntnis für politische Entscheidungsträger, dass man es sich in Krisenzeiten einfach nicht leisten kann, von anderen abhängig zu sein.

Obacht ist angebracht
"Wir sind bei unseren Strategien vorerst vorsichtig. Wir haben selten eine derart große Diskrepanz zwischen der Marktstimmung und dem, was wir von politischen Entscheidungsträgern hören, beobachtet. Die Erfahrung lehrt uns, in solchen Fällen besonders aufmerksam zu sein", erklärt Dowding abschließend. (aa)

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