Maria Vassalou: „Technologie ist die Gegenkraft!“
Die Leiterin des Pictet Research Institute erklärte vor Profianlegern, wie technologischer Fortschritt die Nachteile einer alternden Bevölkerung kompensiert und darüber hinaus Anlegern attraktive Investmentmöglichkeiten eröffnet.
Eckpunkte:
- Demografische Probleme lassen sich über den Einsatz von Technologie lösen
- Die Länder sind diesbezüglich unterschiedlich weit
- Deutschland könnte auch auf diesem Gebiet den Anschluss verlieren
„Alternde Volkswirtschaften stehen vor einer wichtigen Entscheidung: Nichts machen und schrumpfen, oder aber auf Transformation setzen und weiterwachsen“, erklärte Maria Vassalou, Leiterin des Pictet Instituts, anlässlich einer Präsentation der Studie „Demographics and Technology – A new frontier of investment opportunities at the crossroads of population change and technological innovation“ vor Profianlegern in Wien.
In ihrem Vortrag legte Vassalou dar, wie demografische (Fehl-)Entwicklungen über die Implementierung von Automatisierung und KI auf verschiedensten Ebenen gelindert werden könnten und zugleich für Investoren interessante Anlagechancen entstehen.
Wenn Rentner bereits mehr Windeln als Babys benötigen
Vassalou zeigte anhand von Schaubildern, wie stark in den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt die Alterung der Bevölkerung voranschreitet und die „Alten-Quotienten“ ansteigen. Dies gilt insbesondere für Japan und China, wo die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter drastisch zurückgehen wird. Tendenz weiter steigend, angesichts zurückgehender Geburten. Auch wenn einige Länder wie beispielsweise Kanada und die USA diese Entwicklung durch Zuwanderung etwas abfedern können, ist der generelle Trend Vassalou zufolge eindeutig: Die Zeiten, in denen die demografische Dividende zum Tragen kam, sind vorbei.
Das hat Auswirkungen auf das Konsumverhalten: Wenn die Bürger älter werden, verlagern sich ihre Ausgaben auf stärker die Bereiche Wohnen, Gesundheit und Nahrungsmittel. Parallel dazu sinkt ihre Nachfrage nach Transportmitteln, Kleidung und Freizeitaktivitäten.
Weniger Menschen respektive Arbeitskräfte, die zugleich aufgrund hoher Lohnnebenkosten teuer kommen, motivieren die Kapitalseite zur Substitution von Arbeitskraft durch Technologie. Das kann am Ende des Tages zusätzlich die Produktivät erhöhen.
Automatisierung schreitet voran und erhöht die Produktivität
In der Regel verläuft die Einführung von Technologie, im speziellen von Robotern, Vassalou zufolge in zwei Phasen: Zunächst werden knappe Arbeitskräfte ersetzt, dann erhöht sich dank Output- und Effizienzsteigerungen die Produktivität.
Das Land der aufgehenden Sonne, wo der demografische Druck früher als in den meisten anderen Ländern zu spüren war, ist bereits in die Produktivitätsphase eingetreten. Andere Volkswirtschaften, vor allem in Deutschland und Europa und Ostasien, befinden sich noch überwiegend in der Substitutionsphase, sodass es hier einiges an Aufholbedarf gibt. Siehe die Grafik unten.
Zugleich steht die KI laut Vassalou kurz vor der Skalierung. Die dafür benötigte Infrastruktur - wie Cloud Computing, Datensätze und spezialisierte Hardware - wird in mehreren Volkswirtschaften aufgebaut. Erste Anwendungen in den Bereichen Diagnostik, Logistik und Finanzdienstleistungen lassen bereits Produktivitätssteigerungen erkennen. Das hat Vassalou zufolge positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum: Wenn der KI-Siegeszug andauern sollte, könnten Industrienationen ihr BIP zwischen 0,4 bis 1,5 Prozent steigern.
Strukturelle Veränderungen
Die demografischen und technologischen Umwälzungen haben nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen – sie verändern die Struktur des globalen Wachstums. Institutionelle Investoren sollten daher nicht nur kurzfristige Konjunkturtrends, sondern auch langfristige strukturelle Veränderungen im Blick behalten. Am stärksten könnte der Wandel Bereichen wie Wohnen, Gesundheit und Nahrungsmittel zugutekommen.
So steigt beispielsweise die Nachfrage nach Wohnraum nicht nur mengenmäßig, sondern auch in Bezug auf konkrete Anforderungen, denn im höheren Alter benötigen Menschen zunehmend Smart-Home-Technologien und eine altersgerechte Infrastruktur.
Im Gesundheitswesen findet eine Umorientierung hin zu präventiven Ansätzen für ein gesundes Altern statt. Das eröffnet Chancen in den Bereichen Medizintechnik, Pharmazeutika und Wellness-Technologien. Zugleich hält bei der Produktion von Nahrungsmitteln – einem unelastischen Gut – die Automatisierung Einzug, denn in der Produktion und Verpackung lassen sich dank KI und Robotik Effizienzsteigerungen erzielen.
Für Institutionelle bedeutet dies, dass herkömmliche Strategien mit Investitionen in bestimmte Sektoren wohl nicht mehr ausreichen. Stattdessen könnte es opportun sein, Portfolios nach Themen zusammenzustellen, die auf die demografische Nachfrage und das Automatisierungspotenzial abgestimmt sind. (aa)
Von der Arbeitskräfte-Substitution zu Produktivitäts-Steigerungen

Industrieroboter können einerseits einfach nur (teure) Arbeitskräfte substituieren (gelbe bis rote Felder), aber auch die Produktivität erhöhen (gelbe bis grüne Felder). Dabei kommt es in den unterschiedlichen Ländern in den jeweiligen Branchen zu unterschiedlichen Fortschritten.
Quellen: IFR, Pictet Research Institute




