KI als Inflations-Bremser? Diese These spricht dafür
Künstliche Intelligenz könnte langfristig vor allem Dienstleistungen verbilligen. Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, erwartet einen ähnlichen Effekt wie durch die Automatisierung der Industrie. Kurzfristig sorgt der Ausbau der KI-Infrastruktur jedoch für zusätzlichen Preisdruck.
ECKPUNKTE:
- KI könnte insbesondere im Dienstleistungssektor erheblichen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben.
- In den Inflationsdaten dürfte der Effekt frühestens in drei bis fünf Jahren sichtbar werden.
- Zunächst treiben vor allem in den USA Rechenzentren und ihr Energiebedarf die Preise.
Wer derzeit über KI als Inflationstreiber spricht, argumentiert nicht selten folgendermaßen: An den Finanzmärkten heizt der Boom die Bewertungen an, in der Realwirtschaft treibt der enorme Strombedarf von Rechenzentren die Energiekosten. Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, hält diese Effekte jedoch nur für eine Seite der Entwicklung. Sobald KI breiter in Unternehmensprozesse einsickert, könnte sie die Kosten senken und vor allem im Dienstleistungssektor zu einer disinflationären Kraft werden.
Dienstleistungen im Fokus
Besonders deutlich könnte diese Entwicklung im Dienstleistungssektor werden. „In vielerlei Hinsicht sehe ich die Auswirkungen von KI auf Dienstleistungen ähnlich wie die Auswirkungen der Automatisierung auf die Industrie“, erklärt Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard.
Als Vergleich verweist Temple auf die USA: Dort lag die Kerninflation bei Waren – ohne Lebensmittel und Energie – von 1999 bis 2019 über den gesamten Zeitraum betrachtet bei null Prozent. Er führt das vor allem auf das Zusammenspiel von Automatisierung und Globalisierung zurück. KI könnte nun bei Dienstleistungen einen vergleichbaren Prozess auslösen, indem sie Kosten senkt und zugleich Qualitätsverbesserungen ermöglicht.
Wann sich dieser Effekt in den Inflationsdaten niederschlägt, bleibt allerdings offen. Erste Produktivitätsgewinne dürften relativ rasch bei einzelnen Unternehmen sichtbar werden. Mit messbaren gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen rechnet Lazard frühestens in drei bis fünf Jahren. Selbst das könnte Temple zufolge optimistisch sein: Nach der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsblase dauerte es teils bis zu zehn Jahre, bis Produktivitätsfortschritte in den Statistiken erkennbar wurden.
Kurzfristiger Preisschub
Zunächst dürfte der KI-Boom jedoch inflationär wirken. Vor allem in den USA fließen hohe Summen in Rechenzentren und die dafür benötigte Infrastruktur. Gleichzeitig wächst deren Strombedarf schneller als die Erzeugungs- und Übertragungskapazitäten. In Europa fällt dieser Effekt nach Temples Einschätzung geringer aus, weil sich der Großteil der KI-Investitionen auf die USA und Asien konzentriert.
Wie stark KI später disinflationär wirkt, hängt daher auch von der Verfügbarkeit von Energie sowie vom Ausbau der Erzeugungs-, Netz- und Speicherkapazitäten ab. Hinzu kommt die Frage, wie schnell Unternehmen die Technologie tatsächlich in ihre Prozesse integrieren.
Folgen für Notenbanken
Für die Federal Reserve entsteht damit ein zusätzliches Risiko: Der KI-Ausbau verstärkt zunächst den Preisdruck, während sein dämpfender Produktivitätseffekt erst Jahre später eintreten könnte. Eine geldpolitische Straffung allein wegen der KI-Investitionen hält Temple dennoch nicht für gerechtfertigt. Breiten sich die Preissteigerungen allerdings auf weitere Teile der US-Wirtschaft aus, könnte sich das ändern.
Im Euroraum sieht Temple weniger Handlungsdruck. Steigende Energiepreise seien vor allem Folge eines Angebotsschocks, gegen den höhere Leitzinsen wenig ausrichten könnten. „Höhere Zinsen führen schließlich nicht dazu, dass mehr Energie durch die Straße von Hormus transportiert wird“, erklärt er. Angesichts der schwächeren Konjunktur und bislang fehlender breiter Zweitrundeneffekte sollte die EZB seiner Einschätzung nach zunächst die weitere Entwicklung der Energiepreise und Inflationserwartungen abwarten. (hw)


