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Kalte Wohnungen im Winter? Warum hohe Gaspreise beruhigen sollten

Der Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär analysiert die derzeitige Lage bei der europäischen Erdgas-Versorgung und nennt einige Argumente, warum Europa trotz relativ niedriger Speicherstände über den nächsten Winter kommen sollte.

Norbert Rücker, Julius Bär: "Die wichtigste Lehre aus dem Jahr 2022 scheint in Vergessenheit geraten zu sein: Hohe Preise sichern die Versorgung."
Norbert Rücker, Julius Bär: "Die wichtigste Lehre aus dem Jahr 2022 scheint in Vergessenheit geraten zu sein: Hohe Preise sichern die Versorgung."© Julius Bär

Eckpunkte:

  • Viele Europäer und Investoren haben Sorgen, dass die Energie-, und vor allem die Gasversorgung in Europa über den Winter nicht gewährleistet ist
  • Die Sorge ist laut Norbert Rücker von Julius Bär nur bedingt berechtigt
  • Denn aufgrund einer geringeren Nachfrage im Vergleich zu früher liegen die heutigen Gas-Speicherbestände nicht mehr am unteren Ende der Zehnjahresbandbreite, sondern näher am Durchschnitt.
  • Das wichtigste Argument ist jedoch ein hoher Preis, der die Anbieter zu Lieferungen nach Europa motiviert

Der europäische Erdgasmarkt blickt über die Sommerhitze hinaus und macht sich Sorgen um die Versorgung im Winter. Tatsächlich sind die Speicher defizitär, und die Exporte aus dem Nahen Osten bleiben eingeschränkt. Die Versorgungsrisiken scheinen jedoch gering zu sein; 2026 ist nicht 2022. Die Nachfrage sinkt, die Langzeitprognosen deuten auf mildes Winterwetter hin. Die Energieangst ist nach wie vor unnötig groß. Diese Ansicht vertritt kurz zusammengefasst Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär.

Erinnerungen an 2022 kehren zurück
Die Erinnerungen an den Schock von 2022 lösen Rücker zufolge offenbar auch heute noch Angstschübe aus. Während die Ölpreise deutlich unter die diesjährigen Höchststände gefallen sind, notieren die europäischen Erdgaspreise knapp unter 60 Euro pro Megawattstunde – auf dem gleichen Niveau wie während des Preisanstiegs im März.

Gas ist in Europa derzeit Mangelware
Tatsächlich haben die Erdgasexporte aus dem Nahen Osten nicht im gleichen Maße wieder angezogen wie die Ölexporte, was vor allem auf das Fehlen alternativer Routen zur Umgehung der Straße von Hormus zurückzuführen ist. Infolgedessen sind die europäischen Erdgasspeicher nach wie vor leerer als üblich. Das Defizit der vergangenen Saison besteht weiter und hat sich sogar noch vergrößert.

Geringerer Gas-Verbrauch relativiert und lindert die Knappheit
Die Versorgungsrisiken scheinen jedoch gering zu sein, meint Rücker. Aus verschiedenen Gründen – unter anderem die Umstellung auf erneuerbare Energien, Effizienzsteigerungen und der Rückgang der Industrieproduktion – ist die Nachfrage in Europa strukturell gesunken und damit auch der Bedarf an Speicherkapazitäten. Nach Bereinigung um die Nachfrage liegen die heutigen Speicherbestände nicht mehr am unteren Ende der Zehnjahresbandbreite, sondern näher am Durchschnitt.

Die Langzeit-Wettervorhersage deutet bislang auf eine eher milde und windige Wintersaison hin. Natürlich wird es vorübergehende Kälteeinbrüche geben, wie sie in jedem der letzten Winter zu verzeichnen waren.

Neue Terminals außerhalb des Nahen Ostens
Außerhalb des Nahen Ostens steigen die Exporte weiter an, da neue Terminals den Betrieb aufnehmen. Der Investitionsboom bei Solarenergie und Batterien dämpft die Nachfrage nach Erdgas in China und den asiatischen Schwellenländern, was den Wettbewerb zwischen Asien und Europa um Flüßigerdgas-Ladungen etwas entschärft.

"Wir halten die aktuellen europäischen Erdgaspreise für zu hoch. Wir haben unsere Einschätzung Ende Juli auf „vorsichtig“ geändert, zögern jedoch, eine Short-Position einzugehen. Die Energieangst scheint nach wie vor tief verwurzelt zu sein, und die Preise reagieren daher wahrscheinlich weiterhin übermäßig empfindlich auf jede negative Nachricht. Die wichtigste Lehre aus dem Jahr 2022 scheint in Vergessenheit geraten zu sein: Hohe Preise sichern die Versorgung", erklärt Rücker abschließend. (aa)

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