Julius Bär: Laufen die Crack Spreads aus dem Ruder?
Der Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär untersucht die Ursachen und Folgen des „Crack-Spreads“, also der Differenz zwischen den Preisen für Rohöl und für Ölprodukte. Diese ziehen immer mehr Aufmerksamkeit auf sich - auch von den Notenbankern.

Eckpunkte:
- Die Crack Spreads rücken stärker in den Investorenfokus
- Weil ein Crack Spread hat das Potenzial, die Inflation anzukurbeln
Raffinierte Ölprodukte stehen im Mittelpunkt der aktuellen Ölkrise. Der Grund ist ein Mangel an Raffineriekapazitäten, abzulesen an den sogenannten „Crack-Spreads“, also der Differenz zwischen den Preisen für Rohöl und für Ölprodukte, beobachtet Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär, in einem aktuellen Marktkommentar.
Marktverwerfungen
In Folge werden raffinierte Öl-Produkte seit Beginn des Iran-Kriegs zunehmend knapp. Die Exporte von Rohöl und Ölprodukten aus den USA nehmen rasch zu, was die Widerstandsfähigkeit des Ölmarktes angesichts der erheblichen Versorgungsengpässe im Nahen Osten maßgeblich prägt. Die Folge sind laut Rücker: Die US-Ölvorräte sinken rasant – im Fall von Ölprodukten wie Benzin und Diesel fielen sie deutlich unter die saisonalen Bandbreiten. Raffinerien laufen daher nahezu auf Vollkapazität, um die zusätzliche Nachfrage auszugleichen.
Ukrainische Angriffe auf russische Kapazitäten sorgen für weitere Verschärfung
Durch den Iran-Krieg wurden dem Markt erhebliche Raffineriekapazitäten entzogen. Die Erholung der Ölproduktströme aus der Region verläuft langsamer als die Erholung der Rohölströme. Zudem greift die Ukraine regelmäßig die russische Ölinfrastruktur an und beeinträchtigt damit die inländische Kraftstoffversorgung, was dem Markt weitere Raffineriekapazitäten entzieht. Infolgedessen sind die Crack-Spreads auf ein Rekordniveau gestiegen und haben sogar die Werte der Energiekrise von 2022 übertroffen.
Es gibt aus Positives...
Allerdings sieht nicht alles düster aus, meint Rücker: "Bereinigt um die Nachfrage nach Kraftstoffen für den Straßenverkehr sind die Benzin- und Dieselvorräte in den USA weniger knapp als angenommen."
Noch wichtiger sei, dass die Lagerbestände an Ölprodukten sowohl in Europa als auch in Asien innerhalb der saisonalen Norm bleiben. "Dies steht in überraschendem Kontrast zur Situation in Nordamerika. Mit Blick auf die Zukunft gehen wir davon aus, dass die Crack-Spreads ihre Wirkung entfalten werden", prognostiziert Rücker.
Hoffnung auf Saisonalität und asiatische Lieferungen
Die Raffinerien verfügen laut Rücker über einen gewissen operativen Spielraum und werden künftig wahrscheinlich ihre Dieselproduktion maximieren, möglicherweise auf Kosten von Flugkraftstoffen. Die sommerliche Fahrsaison neigt sich dem Ende zu, was eine saisonale Abkühlung mit sich bringt.
Unter solch profitablen Marktbedingungen dürften zahlreiche Raffinerien einen Teil ihrer Wartungsarbeiten verschieben. Die sich weltweit verbessernden Rohölvorräte sollten schließlich über die verbleibenden freien Raffineriekapazitäten in Asien als Ölprodukte auf den Markt zurückkehren. Ein Beispiel hierfür ist China, das davon abgesehen hat, seine Beschränkungen zu verschärfen, und weiterhin Ölprodukte exportiert.
Zyklisches Geschäft
"Die Marktlage ist außergewöhnlich stark, doch die Raffineriebranche war schon immer ein Geschäft mit sehr kurzen Zyklen, und dies dürfte auch diesmal nicht anders sein. Aufgrund der hohen Crack-Spreads bleiben die Kraftstoffpreise an den Tankstellen hoch, was die Aufmerksamkeit der Zentralbanker auf sich zieht. Allerdings liegen die inflationsbereinigten Kraftstoffkosten weiterhin unter dem Niveau von 2022. Abgesehen von den Crack-Spreads halten wir an unserer vorsichtigen Einschätzung für Öl fest", erklärt Rücker abschließend. (aa)



