Julius Bär: Gute Nachrichten von der Straße von Hormus
Am Ölmarkt macht sich langsam Pragmatismus breit. Während das aktuelle Defizit durch den Abbau von Lagerbeständen ausgeglichen wird, werden die meisten Preisaufschläge wieder zurückgenommen, beobachtet Norbert Rücker von Julius Bär. Darüber hinaus passieren immer mehr Schiffe die Straße von Hormus.

Eckpunkte:
- Die Anleger gewöhnen sich am Ölmarkt an hohe Schwankungen
- Da doch immer mehr Schiffe das Nadelöhr Hormus Straße passieren oder bei neuen Aufträgen den längeren Seeweg um Afrika nehmen, beruhigt sich die Lage ein wenig
- Julius Bär erwartet einen guten Ausgang aus Versorgungssicht
Das Tauziehen zwischen Eskalation und Normalisierung hält den Ölmarkt in Atem. Als die US-Regierung die Fortschritte bei ihren Verhandlungen mit dem Iran anpries, rutschten die Ölpreise bis Montag unter 100 US-Dollar, um dann am Dienstag mit den Nachrichten über gezielte Militärangriffe wieder anzusteigen. "Die Pattsituation ist real, und Ausblicke sind eher Kaffeesatzleserei als sachliche Analyse. Zumindest aber dürfte die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Eskalation mit der Zeit abnehmen, da sowohl der erforderliche Aufwand als auch die potenziellen Kosten steigen", meint Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär, in einer aktuellen Markteinschätzung.
Blockade mit Lücken
Es erscheint für Rücker aktuell sinnvoll, die lautstarke Politik zu ignorieren und sich stattdessen auf die Trends an den Energiemärkten zu konzentrieren: Der Handel durch die Straße von Hormus nimmt in letzter Zeit wieder zu – die Straße ist entgegen einer viel vertretenen Ansicht nicht vollständig blockiert. Der Verkehr liegt zwar bei einem Bruchteil des Niveaus vor dem Konflikt, doch er sorgt zusammen mit den alternativen Routen für eine marginale Entlastung des Versorgungsschocks.
Die allmähliche Zunahme der Durchfuhren könnte auf mehr Pragmatismus hindeuten, vor dem Hintergrund des breiten gemeinsamen Interesses an einer Wiederaufnahme des Handels, das von einigen der am Golf gelegenen Ölexporteure, den asiatischen Abnehmern und dem Iran selbst geteilt wird, der über den Ölsektor hinaus von verschiedenen Handelspartnern abhängig ist. "Dieser Pragmatismus baut auf bilateralen Vereinbarungen mit dem Iran und wahrscheinlich auf einer positiveren Einschätzung der militärischen Risiken auf", erklärt Rücker.
Freie Märkte finden auf Sicht immer eine Lösung zur Befriedigunge einer Nachfrage
Um den Versorgungsschock abzumildern, ist keine dauerhafte diplomatische Lösung nötig. Öl findet im Laufe der Zeit meist seinen Weg, insbesondere wenn hohe Preise die wirtschaftlichen Interessen von Käufern und Verkäufern in Einklang bringen. Sobald sich solche Handelsmöglichkeiten eröffnen, wird das Interesse an ihrer Nutzung zunehmen. Diese Dynamik erklärt das Muster, dass geopolitische Entwicklungen in der Regel nur kurzlebige Ölpreisspitzen verursachen.
"... noch reichlich Spielraum"
Mittelfristig schwinden die sichtbaren Lagerbestände rasch, was keine Überraschung ist und lediglich die Versorgungslücke auf dem Ölmarkt widerspiegelt. Die Vereinigten Staaten sind neben China und anderen Ländern zum Lieferanten der letzten Instanz geworden. Kommerzielle und strategische Lagerbestände weltweit können den Ölmarkt weit über den Sommer hinaus gut versorgen, sollte der derzeitige Stillstand anhalten. Es gibt laut Rücker noch reichlich Spielraum.
Happy End erwartet
Bislang erweist sich die Weltwirtschaft als sehr widerstandsfähig, unterstützt durch die Tatsache, dass sich die Logistik- und Raffinerieaufschläge sowie die Kraftstoffpreise (außer in den Vereinigten Staaten) dank der Wiederbelebung des Handels entspannt haben.
"Unsere Einschätzung bleibt unverändert: Die aktuelle Krise dürfte dem historischen Muster eines kurzlebigen, aber intensiven Preisschocks folgen. Wir gehen davon aus, dass der Ölpreis im weiteren Verlauf dieses Jahres deutlich nachgeben wird. Die Unsicherheit betrifft wahrscheinlich weniger die Frage, ob, sondern vielmehr, wie – und wie schnell – das Öl aus dem Nahen Osten im weiteren Verlauf dieses Jahres wieder auf den Markt zurückkehrt", prognostiziert Rücker abschileßend. (aa)
