Julius Bär: Anleger reagieren recht gelassen auf wankelmütige Politik
Widersprüchliche Nachrichten zur Straße von Hormus sorgen für Ausschläge bei den Ölpreisen, doch ihren Höchststand haben sie möglicherweise bereits überschritten, meint Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär. Vor allem die Ruhe der Investoren stimmt optimistisch.

Eckpunkte:
- Obwohl (derzeit) die Straße von Hormus geschlossen ist, notiert der Ölpreis unter seinen Höchstständen von Ende März/Anfang April
- Investoren hoffen, dass eine politische Lösung für Versorgungssicherheit sorgt
"Geopolitik kann chaotisch sein, besonders in Konfliktphasen. Die Straße von Hormus wurde in den vergangenen Tagen innerhalb weniger Stunden abwechselnd für offen und geschlossen erklärt. Die Folge waren Ölpreise auf Achterbahnfahrt", rekapituliert Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär, eine jener Entwicklungen der vergangenen Tage, die Anlegernerven wohl am meisten belasteten.
Dated-Brent-Preis derzeit weit unter seinem jüngsten Hoch
Abgesehen von der Volatilität der letzten Tage sind die meisten Energiepreise deutlich unter den Höchstständen der aktuellen Krise gesunken, die Ende März und Anfang April verzeichnet wurden.
Der sogenannte Dated-Brent-Preis – der Referenzwert, der die reale Angebots- und Nachfragedynamik auf dem Ölmarkt widerspiegelt – fiel vorübergehend unter 100 US-Dollar, nach Höchstständen von über 140 Dollar.
Die Preise für Kerosin in Europa, einem der Epizentren der aktuellen Krise, sind gegenüber den Höchstständen um rund 20 Prozent gesunken und liegen wieder unter den Niveaus von 2022.
Die allgemein zu beobachtende Entspannung an den Finanzmärkten ist laut Rücker nicht nur von Erwartungen und der Stimmung der Anleger getrieben, sondern spiegelt auch die Entspannung auf den realen Energiemärkten wider.
Widerspruch?
Die Einschätzung des Marktes scheint im Widerspruch zum Stillstand der Verhandlungen sowie zu Krisenwarnungen von Marktbeobachtern wie der Internationalen Energieagentur zu stehen. Zwar haben die Ereignisse am Wochenende den Transit durch die Straße von Hormus tatsächlich zum Erliegen gebracht, doch in den Tagen zuvor wurden täglich über vier Millionen Barrel Öl transportiert, bzw. rund zwei Millionen, ohne den Iran.
Der Ölmarkt befindet sich weiterhin im Defizit, allerdings eher bei fünf als bei zehn Prozent. "Diese Transporte durch die Straße von Hormus verschaffen dem Ölmarkt zusätzlich zu den alternativen Routen etwas Spielraum, um sich anzupassen und den Angebotsschock teilweise abzufedern", merkt Rücker an.
"Weder die Vereinigten Staaten noch der Iran haben ein Interesse daran, den Transport von Öl oder Gas nach China, Indien oder zu anderen asiatischen Abnehmern zu behindern. Auf der Grundlage dieser gemeinsamen Basis glauben wir, dass der Handel rund um Hormus wahrscheinlich schrittweise wiederhergestellt wird – auch wenn vorerst noch unklar bleibt, wie genau das geschehen wird", prognostiziert Rücker abschließend. (aa)


