Inflation steigt über drei Prozent und setzt EZB unter Druck
Der Preisdruck im Euroraum nimmt weiter zu. Neue Inflationsdaten dürften die EZB darin bestärken, auf ihrer Sitzung im Juni erstmals seit 2023 wieder die Zinsen zu erhöhen.
Eckpunkte:
- Die Inflation ist im Euroraum zuletzt auf mehr als drei Prozent gestiegen
- Der viel beachtete Preisindikator für Dienstleistungen sprang gar auf 3,5 Prozent
Die Inflation im Euroraum hat erstmals seit mehr als zweieinhalb Jahren die Drei-Prozent-Marke überschritten. Damit verfestigen sich die Erwartungen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche die Zinsen anheben wird.
Die Verbraucherpreise stiegen im Mai um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach drei Prozent im Vormonat, wie Eurostat am Dienstag (2.6.) mitteilte. Die Kerninflation, bei der schwankungsanfällige Komponenten wie Lebensmittel und Energie ausgeklammert werden, zog stärker als erwartet auf 2,5 Prozent an. Der viel beachtete Preisindikator für Dienstleistungen sprang auf 3,5 Prozent.
Erste Zinserhöhung seit 2023 erwartet
Von der EZB wird erwartet, dass sie am 11. Juni erstmals seit September 2023 die Leitzinsen erhöht. Die Währungshüter scheinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass sie nicht länger abwarten können, um auf die Folgen des Nahostkonflikts zu reagieren. Ihre Sorge gilt vor allem Arbeitnehmern, die deutliche Lohnerhöhungen fordern, sowie Unternehmen, die ihre Verkaufspreise anheben. Solche Folgen halten die Notenbanker inzwischen wohl für unvermeidlich, da der Krieg andauert.
Die meisten Währungshüter bleiben jedoch mit Blick auf den weiteren Zinspfad nach Juni vorsichtig, da auch das Wachstum in der 21 Länder umfassenden Wirtschaft der Region belastet wird. Die Unternehmensaktivität schrumpfte im Mai so stark wie seit 2023 nicht mehr.
Weiterer Zinsschritt im September "wahrscheinlicher als nicht"
"Der Anstieg der Gesamt- und Kerninflation im Mai untermauert die Argumente für eine Zinserhöhung der EZB um 25 Basispunkte in der kommenden Woche", meint David Powell, Senior Economist für den Euroraum bei "Bloomberg Economics". "Diese Entwicklung ist auf die Preise im Dienstleistungssektor zurückzuführen, die wahrscheinlich durch die Weitergabe des Ölpreisanstiegs in die Höhe getrieben wurden." Dies könnte von den Falken im EZB-Rat als Argument herangezogen werden, dass die breit angelegte Inflation einen weiteren Schritt im September erforderlich macht, so der Ökonom.
Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel, die als das falkenhafteste Mitglied des EZB-Rats gilt, deutete am Montag (1.6.) an, dass es zu früh sei, festzulegen, wie viele Zinserhöhungen nötig sein könnten. Litauens Notenbankchef Gediminas Simkus sagte, ein zweiter Schritt nach Juni sei "wahrscheinlicher als nicht", auch wenn unklar sei, wann.
Juni-Zinserhöhung wäre eher "Vorsichtsmaßnahme"
"Es ist äußerst wichtig, rechtzeitig auf dieses sich abzeichnende inflationäre Umfeld zu reagieren, damit wir eine mögliche Beschleunigung der Inflation und eine Inflationsspirale verhindern können – und zwar bereits im Anfangsstadium und mit möglichst geringen Auswirkungen auf die Wirtschaft", sagte Simkus am Dienstag (2.6.) in Vilnius.
Unabhängig davon beschrieb sein finnischer Amtskollege Olli Rehn die Inflationserwartungen bislang als weiterhin verankert, sagte jedoch, in diesem Monat seien Maßnahmen nötig, um die Preise unter Kontrolle zu halten. "Zwar haben die Inflationsrisiken zugenommen, dennoch wäre eine Zinserhöhung im Juni eher eine Vorsichtsmaßnahme und nicht auf einen tiefsitzenden Inflationsdruck zurückzuführen", sagte er in einer Rede.
Preisdruck in großen Mitgliedstaaten
Daten aus der vergangenen Woche hatten gezeigt, dass die Inflation in drei der größten Mitgliedstaaten des Euroraums an Tempo gewann und in allen weiterhin deutlich über dem EZB-Ziel von zwei Prozent lag.
Angetrieben vom kriegsbedingten Anstieg der Energiekosten beschleunigten sich die Mai-Werte für Frankreich, Italien und Spanien auf 2,8 Prozent, 3,3 Prozent beziehungsweise 3,6 Prozent. In Deutschland schwächte sich die Gesamtinflation auf 2,7 Prozent ab. (mb/Bloomberg)




