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Immer mehr Analysten müssen sich neu erfinden

Der unaufhaltsame Rückgang des Broker-Research nimmt an Fahrt auf. Laut diesjährigen Daten schrumpften bei zwölf großen Banken die Reihen der Analysten um acht Prozent auf 3.500. Das wäre der stärkste jährliche Rückgang seit dem Beginn der Erhebung der Zahlen durch Coalition Development 2012.

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Totengräber-Darstellung aus dem späten 17. Jahrhundert
© Archiv

Nach fast 18 Jahren als Analyst bei Citigroup weiß Andrew Howell sehr gut, was zu erwarten ist, wenn man einen Service anbietet, den immer weniger Kunden benötigen oder wollen. Also hat er eine andere Tätigkeit gefunden. Howell arbeitet jetzt in einem Co-Working-Bereich in Manhattans East Village und recherchiert für eine gemeinnützige Organisation, wie Bloomberg in Erfahrung bringen konnte. Howell gehört zu der Legion an Wall Street-Analysten, die sich neu erfinden, da ihre Expertise weniger gefragt ist.

Technologie, passive Investments und Regulierung à la MiFID als Totengräber
Research ist der Bereich, der am heftigsten von den Kräften getroffen wurde, die in die Finanzbranche vordringen: Technologie, Regulierung und die Anforderungen des Marktes selbst. Maschinen erledigen viel mehr Arbeit und Investoren strömen in passive Fonds. Hinter dem jüngsten Stellenabbau stehen jedoch die als MiFID II bekannten europäischen Vorschriften. „Wir scheinen auf einen Moment in der Geschichte zu blicken, in dem viele dieser Kräfte ziemlich stark aufeinanderprallen”, sagte Howell, der zuletzt an der Wall Street als Frontier-Markets Stratege tätig war. „MiFID ist fast wie das Sahnehäubchen auf dem Kuchen.”

Buyside gibt für Research deutlich weniger aus als früher
Die Ausgaben für Research seitens der Buyside sind zwischen 20 und 30 Prozent gesunken, seit die neuen Regeln in Großbritannien eingeführt wurden, sagten britische Regulierungsbehörden in diesem Jahr. Mike Carrodus, Gründer von Substantive Research, der Inhalte und Preise überwacht, schätzt, dass die Budgets für 2020 um weitere 20 bis 30 Prozent niedriger ausfallen werden.

MiFID als Game-Changer
MiFID - was für Markets in Financial Instruments Directive (Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente) steht - hat die Ökonomie der Branche radikal verändert, indem sie eine Trennung der Research-Kosten von den Handelsgebühren erzwang. Das bedeutete, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer die Kosten rechtfertigen mussten. Dank der massiven Daten, die bei der Nachverfolgung von Anrufen und Besprechungen gesammelt wurden, haben Asset Manager nun auch ein besseres Gespür für den Wert des einzelnen Analysten - ob das nun fair ist oder nicht. „Die Buy-Side versteht, wo der Hebel sitzt”, sagte Carrodus.

Ein Ende ist nicht in Sicht, da die USA die neuen Normen akzeptieren
Es gibt keine ähnlichen Regeln aus Washington, aber weltweit zahlen Fondsmanager von MFS Investment Management bis T. Rowe Price für Research aus eigener Tasche, anstatt die Kosten an Kunden weiterzugeben. MFS, die mehr als 400 Milliarden US-Dollar verwaltet, war Vorreiter bei einem Modell für die Erstattung von Research-Kosten für Kunden, um die Praktiken weltweit zu standardisieren. Im November verlängerte die US-amerikanische Börsenaufsichtsbehörde eine dreijährige Frist, die es amerikanischen Banken ermöglichte, europäischen Kunden Research in Rechnung zu stellen.

Größere US-Häuser stehen bei Entbündelung der Kosten ganz vorne
Laut einer im September veröffentlichten Umfrage der Tabb Group hat etwa die Hälfte der US-Vermögensverwalter die Gebühren weiterhin gebündelt, wobei die größeren bei der Entbündelung an der Spitze stehen. Nach Schätzungen von Tabb sind die US-Aktienprovisionen in den vier Jahren bis 2019 bereits um rund 42 Prozent gesunken, unter anderem aufgrund von Faktoren wie Research. „Hier ist eine symbiotische Sache im Gange, nämlich: Wir sollten für unsere Endanleger transparenter sein und mit dem Geld, das sie uns dafür geben, vorsichtiger umgehen”, sagte Carrodus. „Jeder muss rechtfertigen, was er braucht.”

Entbündelung von Research- und Handelskosten nach Unternehmensgröße

Aber es sieht nicht überall trübe aus
Einige Banken machen sich die Einschränkungen zu Nutze. Goldman Sachs hat in diesem Jahr neue Analysten eingestellt, um “ein größeres Stück von dem insgesamt kleineren Kuchen zu bekommen“, sagte Jim Covello, globaler Co-Leiter für Einzelaktien-Analyse bei Goldman.

Sell-Side-Research​
Das schwindende Sell-Side-Research könnte letztlich die Frage nach seinem Wert endgültig klären. Laut Schätzungen von Neil Scarth von Frost Consulting geben US-Vermögensverwalter drei- bis sechsmal mehr für Research aus als ihre europäischen Kollegen. Ein Analyse von Evercore ISI und Frost argumentierte, dass Unternehmen, die für Analysen aus eigener Tasche bezahlen, im vergangenen Jahr generell unterdurchschnittlich abschnitten. Das signalisiert, dass sie am falschen Ende sparen.

Irgendwann werden die Einsparungen aufhören
Larry Tabb, Gründer der Tabb Group, erwartet, dass Research-Anbieter konsolidieren und einfallsreiche Vermögensverwalter ihre internen Analysen verbessern werden. Die Frage ist, wo der Rest bleibt und welche Small Caps möglicherweise weniger Aufmerksamkeit von der Wall Street erhalten.

Und es wird zu spät sein für Leute wie Howell, der erstaunt ist, dass sich seine Karriere in Luft auflöst, obwohl die Aktienmärkte Allzeithochs erreichen. „Ich glaube nicht, dass das Aktien-Research irgendwann verschwinden wird”, sagt er. „Es gibt definitiv noch einen Bedarf, aber letztlich wird es um einiges kleiner sein, als es jetzt schon ist.” (kb)

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