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IM Spezial: Warum die Jungen gegen die Alten revoltieren sollten

Ob und in wie weit das bestehenden System der Altersvorsorge reformierbar ist oder ob dieses gänzlich anders organisiert gehört, erörterten hochkarätige Experten bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen von „IM Spezial“ am Institutional Money Kongress in Wiesbaden.

Hans Heuser, Hans Ohlrogge, Richard David Precht, Marcus Wilhelm und Georg Thurnes
Unter der Moderation von Institutional Money-Chefredakteur Hans Heuser diskutierten am Institutional Money Kongress im Rahmen von „IM Spezial“ Hans Ohlrogge, Richard David Precht, Marcus Wilhelm und Georg Thurnes zum Thema Altersvorsorge.
© Nikola Haubner für Institutional Money

Ganz nach dem IM-Spezial-Motto „analytisch, kontrovers und topaktuell“ diskutierten am „IM-Spezial“-Podium vor zahlreichen institutionellen Investoren unter der Moderation von Institutional Money-Chefredakteur Hans Heuser der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht, Marcus Wilhelm (Leiter Corporate Pensions bei Airbus), Hans D. Ohlrogge, (ehem. Vorstand des IBM Pensionsfonds und der IBM Pensionskasse und nunmehr Vorstand und Gründer von Ohlrogge Consulting) sowie Georg Thurnes (Vorstandsvorsitzender der aba - Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung; Berater für bAV und Gründer der ThurnesbAV) über die brennendsten Fragen der Altersvorsorge.

Der Sinn des Lebens
Zur Eröffnung wies Precht darauf hin, dass die heutige Jugend im Gegensatz zu früheren Generationen eine andere Arbeitsmoral habe: „Die Jungen wollen arbeiten, arbeiten aber nur das, was sie wollen.“ Daraus entstünde eine „Sinngesellschaft“, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sei und den Anspruch hat, dass auch die Erwerbsarbeit Sinn geben und der Selbstverwirklichung dienen soll. Angesichts dieser Entwicklung stelle sich die entscheidende Frage, ob sich die derzeitige Arbeitswelt auf diese erhobenen Ansprüche einstellen könne und wie damit einhergehend das Steuer- und Rentensystem reagieren könne. Das Ziel sei laut Precht ein Sozialstaat, der an die Ansprüche der Menschen und nicht an die klassische Erwerbsarbeit angepasst ist.

Precht zufolge erleben wir angesichts der Forderungen der Jugend nach einer besseren „Work Life Balance“ einen „historischen Umbruch“ und einen „Bedeutungswandel“. Die Finanzierung sei Precht zufolge möglich, da wir derzeit in einer „Überflussgesellschaft“ leben und genug zum Verteilen da wäre. Man müsse nur eruieren, wo Wertschöpfung entsteht und was von dieser abschöpfbar ist.

Die Jugend müsste revoltieren
Thurnes macht sich als bAV-Profi Sorgen um die Zukunftstauglichkeit der Altersvorsorge, die auch eine Frage der Gerechtigkeit zwischen den Generationen sei: Derzeit gehen viele Baby Boomer in Pension und belasten damit das öffentliche, von jüngeren Arbeitnehmern zu finanzierende Rentensystem über Gebühr. Darüber hinaus „erben“ die Jungen eine hohe, öffentliche Schuldenlast und können aufgrund extrem niedriger Zinsen nur unter erschwerten Bedingungen für das eigene Alter finanziell vorsorgen. Die Rentenproblematik verschlimmere sich von Jahr zu Jahr. Dies sei ein „Verbrechen an der Jugend“. Angesichts all dieser Schwierigkeiten meinte Thurnes unter Verweis auf den IM-Spezial-Titel „Die Revolution der 100-jährigen“: „Nicht die 100-jährigen, sondern die 20 bis 30-jährigen müssten revoltieren.“

Eine Lösung dieser Problematik sei Thurnes zufolge sehr schwer, auch aufgrund der in Deutschland vorherrschenden, organisatorischen „Kleinteiligkeit“. Am Ende des Tages müssten die Alten den Jungen etwas von ihrem Wohlstand abgeben.

Strukturelle Reformunwilligkeit
Precht stimmte Thurnes in diesem Punkt zu und sieht ebenfalls ein Missverhältnis zwischen der „Größe der Herausforderung“ und der „Kleinteiligkeit der Politik“. Precht monierte, dass seit rund 20 Jahren in Deutschland ein politischer Angstzustand vorherrsche, seit die Medien die Macht im Lande übernahmen. Die Politik orientiert sich aus Selbsterhaltungswillen an der Optimierung der Wählergunst, will in Folge immer gut in der Presse dastehen und verfolgt damit aber leider eine kurzsichtige, opportunistische Strategie. Der Preis für dieses opportunistische Verhaltens ist ein immer größer werdender Reformstau, insbesondere in der Altersvorsorge. Precht zufolge bedarf es einer großen Krise oder gar einer Katastrophe, bevor sich hierzulande wirklich etwas ändert. Erst die dadurch ausgelöste, große gesellschaftliche Wucht würde die Politik zu ernsthaften Reformen zwingen.

Wilhelm kritisierte ebenfalls nur kurzfristig denkende und agierende Politiker, die es sich keinesfalls mit der größten und wichtigsten Wählergruppe, den Rentnern, verscherzen wollen und vor Wahlen oftmals teure Wahlgeschenke an ihre Klientel verteilten.

Mehr Altersvorsorge
Ohlrogge ortet seinerseits eine Spaltung der Gesellschaft. Aber nicht nur zwischen Jung und Alt, sondern auch quer durch die Bevölkerung. Während ein Teil der Bevölkerung, der gut ausgebildet ist und entsprechend Karriere macht, in der „Maslowschen Bedürfnispyramide“ eine Stufe nach der anderen nach oben erklimmt und sich der obersten Stufe „Selbstverwicklung“ nähert, haben andere Menschen ganz andere Probleme. Diese Personengruppen, oftmals mit Migrationshintergrund, arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen und kämpfen um das tägliche (finanzielle) Überleben und können in der Regel nicht für das eigene Alter vorsorgen. Auch diese Menschen verdienen sich Ohlrogge zufolge eine ausreichend hohe Altersvorsorge – im Idealfall über eine Kapitalmarktdeckung. „Da muss Deutschland mehr Anstrengungen zeigen, leider besteht zu wenig politischer Wille dazu.“

Des Weiteren beklagte Ohlrogge eine zu geringe Geburtenrate, die zu einer alternden Gesellschaft und damit zu einem scheiternden Umlagensystem führen wird. Finanzlöcher desselben können Thurnes zufolge nur behoben werden durch Stellschrauben wie mehr Kinder, höhere Sozialversicherungsbeiträge oder höhere Zuschüsse aus dem Steuertopf.

„Wir müssen das System neu denken“
Nach Ansicht Prechts habe das derzeitige Umlagensystem keine Zukunft und bedürfe einer grundlegenden Neuaufstellung: „Wir müssen das System neu denken“. So sollte es aufgrund von innovativen Zeitmodellen beispielsweise möglich sein, dass junge Eltern eine Zeitlang nicht arbeiten müssten, um sich gänzlich der Kindererziehung zu widmen und dafür erst später in Pension gehen - sofern Unternehmen überhaupt alte Arbeitnehmer beschäftigen wollen, wie Precht selber einräumte. Die Reformvorschläge im aktuellen Koalitionsvertrag (wie beispielsweise länger gesund bleiben, länger arbeiten, mehr Zuwanderung…) seien Precht zufolge nur „ein Versuch, ein totes Pferd zum Ziel zu reiten.“ Daher sei eine umfassende Reform notwendig.

Eingriff in bestehende Verträge?
Thurnes wandte ein, dass eine große Reform nur durch Eingriffe in bestehende Rechtsverhältnisse, beispielsweise in laufende Versicherungsverträge, ginge. Precht zufolge sei dies nicht notwendig. Thurnes wandte daraufhin ein, dass bei einem Verzicht auf Eingriffe Reformerfolge viele länger benötigen würden.

Ohlrogge brach an dieser Stelle der Diskussion eine Lanze für die betriebliche Altersvorsorge (bAV) und forderte erneute eine Ausrollung derselben auf mehr Menschen. Der ehemalige Vorstand warnte aber auch davor, dass der Staat im Falle einer finanziellen Klemme auf die bAV-Gelder zugreifen könnte.

Höhere Aktienquoten notwendig
Wilhelm sieht wie Ohlrogge weiterhin Potenzial bei der bAV, sofern Reformen umgesetzt würden. In der Praxis leidet die bAV darunter, dass diese aus aufsichtsrechtlichen Überlegungen heraus (Stichwort: Garantien) daran gehindert wird, über das Eingehen höherer Risiken auf lange Sicht höhere Renditen zu generieren. Trotzdem gelang es dem Airbus-Manager, bei seinem Arbeitgeber höhere Aktienquoten zu erreichen.

Nach einer kurzen Diskussion über die Vor- und Nachteile der verschiedensten bAV-Durchführungswege hierzulande ging es über zur Fragerunde, die vom Publikum dankbar angenommen wurde.

Höhere Produktivität ist der entscheidende Faktor
Auf die Frage eines Zuhörers, ob die Jungen angesichts der vielen, zukünftigen Probleme eines Tages „streiken“ würden, antwortete Precht, dass er daran nicht glaubt. Die Jungen würden über das Thema Altersvorsorge größtenteils nicht nachdenken.

Wichtig sei laut Precht, ob zukünftiger, technologischer Fortschritt auf breiter Ebene zu Produktivitätsfortschritten führt oder nicht. Falls ja, wäre vieles finanzierbar. Falls nein, dann hätte die Gesellschaft ein massives Problem und es käme zu Verteilungsfragen respektive Verteilungskämpfen. Der Philosoph forderte daher, nicht nur Arbeit zu besteuern, sondern auch die von Maschinen wie auch von Software geschaffene Wertschöpfung. (aa)

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