ifo Institut: Europa droht seine Rohstoffziele zu verfehlen
Europa bleibt bei kritischen Rohstoffen deutlich stärker von Importen abhängig als geplant. Nach einer Studie des ifo Instituts erreicht die EU nur bei vier von 27 kritischen Rohstoffen einen nennenswerten Anteil an der weltweiten Förderung. Die Forscher sehen dringenden Handlungsbedarf.

Eckpunkte:
- EU erreicht ihre Rohstoffziele voraussichtlich nicht
- Bei neun kritischen Rohstoffen gibt es keinerlei Minenproduktion
- ifo fordert verbindliche Partnerschaften und Investitionen
Europa droht nach Einschätzung des ifo Instituts, seine Ziele für mehr Unabhängigkeit bei kritischen Rohstoffen zu verfehlen. "Europa sollte bereits heute stabile Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern aufgebaut haben und eigene Vorkommen systematisch erschließen, bisher gibt es aber kaum mehr als Absichtserklärungen und zu viele Unklarheiten", sagt ifo-Forscherin Isabella Gourevich. Tatsächlich erreicht die EU nur bei vier der 27 untersuchten kritischen Rohstoffe einen Anteil von mehr als fünf Prozent an der weltweiten Minenproduktion, bei neun liegt die Produktion sogar bei null.
Hohe Abhängigkeit bei Schlüsseltechnologien
Besonders in Zukunftsbranchen ist die Importabhängigkeit hoch. Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Graphit werden für Batterien benötigt, Gallium und Germanium spielen eine Schlüsselrolle in der Halbleiterindustrie, während Seltene Erden unter anderem für Permanentmagnete in Windkraftanlagen, Elektromotoren und Verteidigungssystemen unverzichtbar sind. Bei vielen dieser Rohstoffe ist Europa nahezu vollständig auf Importe angewiesen. Zwar könne der Ausbau der Verarbeitungskapazitäten in Europa die Abhängigkeit von einzelnen Raffineriestandorten – etwa in China – verringern. Das Grundproblem bleibe jedoch bestehen, weil die benötigten Rohstoffe weiterhin importiert werden müssten.
Nach Einschätzung des ifo Instituts reichen die bisherigen Rohstoffpartnerschaften der EU deshalb nicht aus. "Die EU sollte ihre Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern jetzt durch konkrete Projekte und Finanzierungszusagen unterlegen, Ankündigungen reichen nicht mehr", fordert Gourevich. Neben politischen Vereinbarungen seien vor allem langfristige Abnahmeverträge und Investitionen erforderlich, um neue Förderprojekte wirtschaftlich tragfähig zu machen.
Eigene Vorkommen werden kaum genutzt
Mittelfristig könnte Europa einen Teil seines Bedarfs auch aus heimischen Lagerstätten decken. Nach der Studie gibt es eine Reihe bislang unerschlossener Vorkommen kritischer Rohstoffe. Allerdings ist vielfach unklar, ob sich deren Abbau wirtschaftlich lohnt. Zudem weist die europäische Rohstoffdatenbank MIN4EU erhebliche Lücken auf. Detaillierte Lagerstätten- und Bergbaustandortdaten werden für Deutschland bislang lediglich aus Baden-Württemberg gemeldet.
Hinzu kommt, dass der Aufbau neuer Bergbaukapazitäten viel Zeit benötigt. "Auch hier muss die EU jetzt handeln, denn die Erschließung einer Mine dauert bis zu 18 Jahre", sagt Gourevich. Die Studie kommt daher zu dem Schluss, dass Europa seine Rohstoffversorgung nur durch ein Bündel von Maßnahmen widerstandsfähiger machen kann. Dazu zählen der Ausbau der heimischen Förderung und Verarbeitung, belastbare Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern sowie eine deutlich bessere geologische Datengrundlage. (dv)