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I-CV-Länderstudie 2019: Kreditmärkte hängen am Tropf der Zentralbanken

Das unabhängige Kreditresearch-Unternehmen Independent Credit View (I-CV) prüfte in seiner aktuellen Länderstudie, welche seit dem Jahr 2009 jährlich erstellt wird, die fundamentale Kreditqualität von 52 Staaten auf Herz und Nieren.

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René Hermann, Lead-Autor der I-CV Länderstudie
© I-CV

Die Ergebnisse sowie Bonitätseinstufungen geben institutionellen Investoren und Risikomanagern Aufschluss darüber, in welchen Regionen sie angesichts eines sehr weit fortgeschrittenen Kredit- und Konjunkturzyklus ein chancenreiches Umfeld vorfinden beziehungsweise bei welchen Staaten Vorsicht geboten ist.

Anhaltende Haushaltsdisziplin in Europa stützt die Kreditprofile der Länder
So weisen viele Staaten positive Primärbilanzen aus, profitieren von tiefen Zinskosten und sind innerhalb der Drei-Prozent-Defizitgrenze. „Durch die erneute Unterstützung der Zentralbanken hat sich die Lage entschärft. Doch Exzesse im Bereich Haushalts- und Unternehmensschulden dürften sich unter diesen Rahmenbedingungen weiter akzentuieren. Es besteht zudem die Gefahr, dass sich die Staaten zu sehr auf das billige Geld verlassen und sich zu wenig auf adverse Entwicklungen (Abschwächung des Wirtschaftswachstums, plötzlicher Zinsanstieg, Inflationsschub) vorbereiten. Investoren werden dabei weiter in höhere Risiken und Spezialinstrumente getrieben. Dies ist angesichts der Tatsache, dass die Kreditmärkte am Tropf der Zentralbanken hängen, eine bedenkliche Entwicklung“, so René Hermann, Lead-Autor der I-CV Länderstudie.

Positiv sind die Arbeitsmärkte zu sehen
Diese befinden sich in einem guten Zustand und stützen den Konsum. So befindet sich Europa auf Kurs, das Vorkrisenniveau zu erreichen und große Volkswirtschaften sind auf historischen Tiefstwerten und nahe der Vollbeschäftigung angelangt. Die entsprechende Entlastung der Sozialsysteme hilft, Staatshaushalte ausgeglichen zu halten. „Die Länderstudie 2019 offenbart auch schlechte Neuigkeiten. Der absolute Schuldenstand nimmt global immer noch zu. Haupttreiber sind Unternehmen, Haushalte, die USA sowie Schwellenländer, insbesondere China. Die relative Verschuldung, gemessen am BIP, lag im ersten Quartal 2019 bei 238 Prozent versus 185 Prozent im Jahr 2008! Schulden wachsen schneller als die Wirtschaft und erweisen sich leider als beständiger. Damit ist die Gefahr von Fehlallokationen und Blasenbildung weiterhin imminent. Zudem gilt hohes Schuldenwachstum als Vorläufer von konjunkturellen Korrekturphasen und Auslöser von Bankenkrisen. Diesem Naturgesetz wird man sich trotz Geldschwemme auf Zeit nicht entziehen können“, sagt Hermann.

Zwei Upgrades und ein Downgrade
Die I-CV-Länderstudie 2019 weist drei Ratingänderungen mit zwei Upgrades und einem Downgrade aus. Finnland (AA+) und Griechenland (B+) wurden aufgrund der jeweils verbesserten Fiskalsituation (Primärüberschuss, Schuldenreduktion) hochgestuft, während Hongkong wegen einer Verschlechterung der politischen und sozialen Rahmenbedingungen ein Downgrade auf A+ erfuhr. „Die D-A-CH-Region bietet Investoren ein unverändert stabiles Umfeld. Während Deutschland und die Schweiz die Bestnote AAA verteidigen konnten , ist Österreich mit AA geratet. Zusammen mit Nordeuropa bleibt die D-A-CH-Region führend im Rating-Universum von I-CV. Außerhalb Europas hat lediglich Singapur die Bonität AAA erhalten“, so Hermann.

Vier-Phasen Sovereign-Modell
Zur Beurteilung und Überwachung der Kreditqualität von Staaten setzt I-CV seit 2009 ein bewährtes Vier-Phasen Sovereign-Modell ein. Aufgrund von mehr als 50 Bewertungsfaktoren wird zuerst die fundamentale Stärke der Staaten evaluiert. Dabei misst das quantitative Modell die Bonitätsstärke respektive -schwäche aufgrund aktueller Daten und Prognosen (IWF, OECD, etc.). Im Anschluss werden die individuellen Staatsbilanzen einem Deleveraging Szenario unterzogen. Die Ergebnisse werden dann zu einem I-CV Rating konsolidiert. Abschließend werden wichtige Trends und Entwicklungen, die die Ratings zukünftig beeinflussen können, untersucht (beispielsweise ESG Faktoren) und abhängig von der Materialität mitberücksichtigt.

Implikationen für Anleiheninvestoren
Es ist und bleibt ein herausforderndes Umfeld für Investoren. Die sich abzeichnende wirtschaftliche Verlangsamung in Europa, aber auch in diversen Schwellenländern, hat das Potential, das Zeitfenster für eine politisch verträgliche Reduktion der Schuldenquoten abrupt zu schließen. Die strapazierten Staatsbilanzen und tiefen Leitzinsen (vor allem in Europa) schränken die Flexibilität ein, bei konjunkturellen Dellen entschieden einzugreifen. Auch der schwelende Handelskonflikt (USA/China), Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem zögerlichen Austritt der Briten aus der Europäischen Union sowie die Abschwächung im Industriesektor belasten Wachstum und Bonität. „Nach dem Vorgeschmack Ende 2018 erwarten wir eine höhere Volatilität durch periodische negative Rückkoppelungen in Ländern mit hoch verschuldeten Unternehmen und Haushalten. Ungemach droht, wenn Investoren ‚in Vergessenheit‘ geratene Risiko- und Illiquiditätsprämien einfordern“, sagt Hermann.

Fazit 
Anleger müssen sich der außergewöhnlichen Situation bewusst sein, saht Hermann. Und weiter: "Erstens versuchen Notenbanken, die natürlichen Wirtschaftszyklen auszuschalten. Zweitens beflügeln die Nullprozentpolitik und das QE weiterhin den Risikoappetit der Anleger und drittens destabilisieren tiefe Einlage- und Kreditzinsen den Banken- und Unternehmenssektor. In diesem Umfeld empfehlen wir trotz Anlagenotstand den Fokus auf Qualität und Liquidität zu legen. Entsprechend sollten Anleger Länder bevorzugen, die eine vernünftige, antizyklische Fiskalpolitik, eine breit abgestützte Wirtschaft, stabile politische Verhältnisse und hohe Scorewerte im Bereich Governance und Soziales (ESG) aufweisen. Einen negativen Bonitätstrend sehen wir bei der USA, Australien, China/Hongkong, Südafrika, Türkei, Italien und der Slowakei, während wir Dänemark, Finnland, Österreich, Kanada, Ungarn sowie Thailand positive Entwicklungen attestieren.“ (kb)

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