Hyperscaler: Diese Kennzahl entscheidet 2026
Mega-Investitionen, Rekord-IPOs: KI schafft zu Beginn des zweiten Halbjahrs sowohl Wachstumserwartungen als auch Grund zur Sorge, findet Nelson Yu, Head – Equities von Alliance Bernstein: „Anleger sollten mit offenen Augen in das dritte Quartal gehen.“

Eckpunkte:
- Investitionsausbau der Hyperscaler weckt Bedenken von Investoren
- Freier Cashflow könnte 2027 ins Negative rutschen
- Anthropic und OpenAI schreiben derzeit noch keine Gewinne
„Zunehmender Wettbewerbsdruck hat US-Hyperskalierer dazu getrieben, ihre gesamte finanzielle Stärke dafür einzusetzen, sich einen Vorsprung zu verschaffen“, sagt Nelson Yu, Head – Equities von Alliance Bernstein. „Entscheidend für die kommenden Monate wird jedoch nicht die Höhe der Investitionsausgaben, sondern die Entwicklung der Cashflows sein.“
Attraktive Erträge durch Capex?
Die Begeisterung für KI trieb den Markt für den Großteil des zweiten Quartals an und steigerte die langfristigen Wachstumserwartungen. Dennoch wecke der Ausbau Bedenken. „Hier lautet die grundlegende Frage für Investoren: Werden massive Investitionsausgaben (Capex) letztendlich attraktive Erträge generieren?“, so Yu.
Eine Billion US-Dollar in 2027
Schätzungen gehen ihm zufolge davon aus, dass die fünf ausgabenstärksten Unternehmen – Amazon, Microsoft, Alphabet als Muttergesellschaft von Google, Meta Platforms und Oracle – auf dem besten Weg sind, im Jahr 2027 eine Billionen US-Dollar in KI-bezogene Investitionen zu stecken: was einem Anstieg von 33 Prozent gegenüber den geschätzten Ausgaben für das Jahr 2026 und einer Steigerung von 96 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Jahr 2022 entspricht.
Selbst bei schnell wachsenden KI-Umsätzen mehr Zeit nötig
„Da sich das Ausgabenwachstum verlangsamt, dürften Anleger verstärkt darauf achten, ob Gewinne und Cashflows die Erwartungen erfüllen“, erwartet Yu von Alliance Bernstein. In jedem Fall stünden die Cashflows unter Druck. „Laut Prognosen wird die Generierung von freiem Cashflow (Free Cashflow, FCF) bei den Hyperskalierern im nächsten Jahr erstmals ins Negative rutschen“, so Nelson Yu. „Selbst bei schnell wachsenden KI-Umsätzen wird mehr Zeit notwendig sein, um das Investitionsvolumen auszugleichen. Diese Trends könnten letztendlich die Profitabilität untergraben und die Bewertungen infrage stellen. Wie die Unternehmen mit diesen Dynamiken umgehen, wird darüber entscheiden, ob sie das Versprechen in Anlegererträge umsetzen können oder daran scheitern.“
Quelle: Bloomberg, BofA, International Data Corporation und AB
Rekord-IPOs: zukünftige Gewinne?
Investoren prüften derzeit auch eine Welle KI-bezogener Börsengänge (IPOs) sehr genau. „Die Kernfrage ist hier, ob zukünftige Gewinne die Erwartungen rechtfertigen. Anthropic und OpenAI, zwei der führenden KI-Technologieunternehmen, werden voraussichtlich im Laufe dieses Jahres an die Börse gehen – obwohl sie derzeit noch keine Gewinne schreiben“, erinnert Yu. Die Nachfrage nach diesen Börsengängen werde zeigen, ob die Anleger bereit sind, die nächste Phase der KI-Entwicklung zu finanzieren.
Die Marktstimmung wurde durch zwei große Aktienemissionen im zweiten Quartal verdeutlicht. Anfang Juni nahm Alphabet bei einer von Berkshire Hathaway unterstützten Aktienemission 85 Milliarden Dollar ein. Da sich die Finanzierung von KI auf öffentliche Märkte verlagere, würden Finanzierungsdisziplin und eine glaubwürdige Anlegerstory genauso wichtig wie technologische Stärke.
Hohe Handelsvolatilität bei SpaceX
Mitte Juni nahm Elon Musks SpaceX bei einem Rekord-Börsengang 75 Milliarden Dollar ein. Daraufhin erreichte die Marktkapitalisierung des Unternehmens mit 2,6 Billionen Dollar ihren Höchststand. Dieser Deal habe gezeigt, dass Anleger nach wie vor bereit sind, Spitzenpreise für das Potenzial bahnbrechender Technologien zu zahlen – selbst ohne greifbare Gewinne. Die hohe Handelsvolatilität nach dem Börsengang habe jedoch daran erinnert, wie schnell die Stimmung umschlagen kann, so Yu.
In dem derzeitigen Umfeld sollten Aktienanleger bewusster abwägen, wo sie aktives Risiko eingehen. Der KI-Ausbau schaffe Chancen, aber hohe Bewertungen, steigende Emissionen und geldpolitische Unsicherheit ließen weniger Spielraum für Ungenauigkeiten.
Nelson Yu: „Anleger sollten nach dauerhaften Ertragsquellen suchen. Das bedeutet ein besseres Management des relativen Benchmark-Risikos und ein stärkeres Engagement in aktiven Strategien, die sich auf Märkte mit größerer Streuung, geringerer Benchmark-Konzentration und fundamentalem Wandel unter der Oberfläche fokussieren.“
„Bezüglich KI sollten Anleger Unternehmen anhand ihrer fundamentalen Qualitäten beurteilen. Im Laufe der Zeit ist zu erwarten, dass Umsetzung, Kapitalallokation und Gewinnerzielung wichtiger für die Aktienerträge werden als ehrgeizige KI-Ausgabenpläne“, so Nelson Yu von Alliance Bernstein. (de)