HSBC-Stratege trotzt seit Jahren dem Konsens – und liegt richtig
Seit mehr als drei Jahren hält HSBC-Stratege Max Kettner an seiner optimistischen Aktieneinschätzung fest – gegen den Markttrend und trotz zahlreicher Krisen. Der Erfolg gibt ihm bislang recht.
Der HSBC-Chefstratege für Multi-Asset-Anlagen, Max Kettner, hält seit Anfang 2023 Kurs gegen den Wall-Street-Konsens. Kettner blieb bei seiner positiven Einschätzung für Aktien – trotz hoher Inflation, rasch steigender Zinsen sowie wiederkehrender Sorgen über geopolitische Risiken und eine mögliche Technologieblase. Während viele Wettbewerber in sicherere Anlageklassen umschichteten, blieb er seiner Strategie treu.
Zuletzt erhöhte Kettner seine Aktiengewichtung nach Ausbruch des Kriegs mit dem Iran sogar auf das Maximum, anstatt Risiken abzubauen.
Erfolgreiche Strategie gegen den Mainstream
Diese Strategie zahlt sich aus. Seit Kettner im Februar 2023 Aktien auf "Übergewichten" hochgestuft hat, ist der S&P-500-Index um fast 80 Prozent gestiegen. Damit verteidigt er seit inzwischen fünf Jahren seine Spitzenposition im Extel-Ranking der Multi-Asset-Strategen für die entwickelten europäischen Märkte.
"Wir sind nicht permabullisch, egal was passiert", sagte Kettner in einem "Bloomberg"-Interview. Es habe eine "außergewöhnliche" Vielzahl von Gründen gegeben, an einer positiven Einschätzung für Aktien festzuhalten. Viele Marktteilnehmer legten seiner Ansicht nach zu viel Gewicht auf geopolitische Risiken. Wer sich ausschließlich am negativsten historischen Beispiel orientiere, "vergisst die vielen anderen Erfahrungen und die zahlreichen Datenpunkte der vergangenen 20, 30 oder 40 Jahre, bei denen eben nichts schiefgegangen ist".

Vom Fondsflop zum Top-Strategen
Kettner wuchs in einer kleinen bayerischen Gemeinde als Sohn zweier Gymnasiallehrer auf. Mit zwölf Jahren kaufte er seinen ersten Fonds und verlor prompt 60 Prozent seines eingesetzten Kapitals. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, während der Finanzkrise eine Banklehre zu beginnen, wodurch seine Faszination für die Finanzmärkte weiter wuchs. Nach Stationen bei der Commerzbank wechselte er 2018 zu HSBC. Im Fernsehen ist er häufig mit einem traditionellen Trachtenjanker zu sehen.
Sein Aufstieg zu einem der führenden Strategen der Branche beschleunigte sich Anfang 2023. Mit seiner positiven Einschätzung für Aktien stellte er sich gegen prominente Marktstrategen wie Mislav Matejka von JP Morgan Chase und Michael Wilson von Morgan Stanley. Wilson, der den Bärenmarkt 2022 korrekt vorhergesagt hatte, warnte damals vor einem weiteren zweistelligen Rückgang des S&P 500. Kettner hingegen erhöhte seine Aktiengewichtung angesichts robuster Konjunkturdaten, die aus seiner Sicht nicht zur pessimistischen Positionierung vieler Investoren passten – und behielt recht.
Skepsis bleibt groß
Auch nach den jüngsten Rekordständen an den Aktienmärkten bleibt Kettners Optimismus umstritten. Nach eigenen Angaben stößt er bei Kunden regelmäßig auf Skepsis. Während andere auf negative Schlagzeilen reagierten, stützte er sich auf Modelle, die Anlegerstimmung und Positionierung in den Vordergrund stellten. Dadurch lasse sich leichter über eher hypothetische Sorgen im Zusammenhang mit Geopolitik oder künstlicher Intelligenz hinwegsehen.
"Bei vielen Terminen verbringen wir die ersten zehn bis 15 Minuten damit, unsere Einschätzung vorzustellen, und den Rest der Stunde mit Fragen dazu, was an unseren Prognosen schiefgehen könnte", sagte Kettner. "Es kommt nur sehr, sehr selten vor, dass jemand über Aufwärtsrisiken spricht."
Fehler gehören dazu
Fehleinschätzungen räumt Kettner jedoch offen ein. Im Januar 2024 stufte er Aktien auf "Untergewichten" herab und gab später zu, den frühen KI-getriebenen Börsenaufschwung unterschätzt zu haben. Auch nach der Ankündigung neuer US-Zölle im April 2025 reagierte er nach eigener Einschätzung zu spät, weil er zunächst auf belastbare Konjunkturdaten wartete, anstatt seine positive Haltung zu Aktien rasch wieder einzunehmen.
Zwei Mal jährlich fasst er seine Fehler in Kundenmitteilungen zusammen. "Ich liege viel lieber falsch als richtig, denn ich lerne nichts daraus, richtig zu liegen", sagte er.
Europa im Fokus
Der Stratege bleibt derzeit maximal positiv für Aktien. Kürzlich stufte er europäische Aktien auf "Übergewichten" hoch und positionierte sich damit vor vielen Wettbewerbern. Er setzt darauf, dass sich europäische Titel besser entwickeln als Schwellenländeraktien, falls die Sorgen über die Bewertungen von KI-Unternehmen wieder zunehmen sollten.
Obwohl inzwischen weitere Analysten ebenfalls überdurchschnittliche Renditen am Aktienmarkt erwarten, betont Kettner, seine Einschätzung jederzeit ändern zu können. Für 2027 rechnet er damit, dass es für Aktien "etwas schwieriger" werde, da die Unterstützung durch sinkende globale Finanzierungskosten und US-Steuersenkungen nachlassen dürfte. Zudem hätten Stimmungs- und Positionierungsindikatoren zuletzt erste Warnsignale geliefert. An seiner grundlegenden Investmentthese halte er jedoch fest.
"Auch wenn man in den vergangenen Jahren überwiegend richtig gelegen hat, muss man wachsam bleiben, damit das auch so bleibt", sagte Kettner. (mb/Bloomberg)