HQ Trust: „Ausdruck eines globalen Produktionsschocks“
Der Aufschlag zwischen dem Großhandelspreis für Benzin und dem Ölpreis WTI zeigt Knappheiten auf und gibt Auskunft über Margen der Raffinerien. Aktuell erreicht er neue Höhen. Das hat HQ Trust nachgerechnet.

Eckpunkte:
- Vergleich von WTI-Ölpreis und Benzin-Großhandelspreis seit dem Jahr 1983
- „Crack Spread“ als wichtiger Indikator für Knappheit und die Margen der Raffinerien
- In Krisenzeiten steigt der Crack Spread deutlich an, während er in normalen Zeiten unter 20 US-Dollar pro Barrel liegt
Trotz des jüngsten Anstiegs habe sich der Ölpreis nach dem Schock durch den Iran-Krieg wieder deutlich erholt und notierte nahe dem Vorkrisenniveau, schrieb das Family Office HQ Trust am Montag. Trotzdem bleiben die Preise an Zapfsäulen hoch und das Ende des Tankrabatts erklärt nur einen Teil dieses Aufschlags. Pascal Kielkopf, Kapitalmarktstratege von HQ Trust, hat nachgerechnet und einen Markteffekt gefunden, der stärker wirkt als die Steuerpolitik.
Für die Analyse stellte Kielkopf den WTI-Ölpreis dem entsprechenden Großhandelspreis für Benzin seit 1983 gegenüber. Aus der Differenz beider Preise berechnete Kielkopf den sogenannten Crack Spread. Dieser beschreibt den Aufschlag eines Barrels Benzin gegenüber einem Barrel Rohöl und gilt als wichtiger Indikator für die Knappheit von Kraftstoffen und die Margen der Raffinerien.

Quelle: LSEG, HQ Trust Research
Seine wichtigsten Ergebnisse: „Der Blick auf die letzten vier Jahrzehnte zeigt, dass der Aufschlag des Benzinpreises auf den Ölpreis in normalen Zeiten typischerweise unter 20 US-Dollar pro Barrel liegt. Über weite Strecken lag er sogar im niedrigen Zehn?Dollar?Bereich“, so Pascal Kielkopf. „In Krisenphasen steigt der Crack Spread deutlich an. Etwa während des Arabischen Frühlings 2011/2012 oder nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022, als die Aufschläge zeitweise deutlich über 40 US?Dollar kletterten.“
Seit 1983 erst dreimal in dieser Lage
Die aktuelle Situation beschreibt der Kapitalmarktstratege so: „Der Benzinpreis wird nicht allein vom Ölpreis bestimmt. Zwar ist Rohöl derzeit ausreichend verfügbar, doch die Raffinerien können ihr Angebot kurzfristig nicht im gleichen Maß ausweiten. Die knappen Verarbeitungskapazitäten halten die Benzinpreise hoch.“ Im aktuellen Umfeld sei der Benzinpreis bei weitem nicht so stark gefallen wie der Ölpreis, wodurch der Crack Spread stark angestiegen sei. „Der aktuelle Aufschlag des Benzinpreises erreicht mit über 50 US-Dollar je Barrel ein Niveau, das wir seit 1983 erst in drei ausgeprägten Krisenphasen beobachtet haben.“
Und Kielkopfs Fazit: „Das Ende des Tankrabatts hat den Literpreis zwar wieder um rund 17 Cent erhöht. Der immer noch hohe Benzinpreis erklärt sich aktuell jedoch vor allem durch den deutlich ausgeweiteten Aufschlag des Benzinpreises gegenüber dem Ölpreis.“
Konzentrierter Markt
Der aktuelle Aufschlag des Benzinpreises sei in erster Linie Ausdruck eines globalen Produktionsschocks, so Kielkopf. „Der von wenigen großen Ölkonzernen dominierte Markt kann die Margen in der Spitze zwar verstärken, dominierende Preistreiber sind jedoch die Rohölpreise, die Angebotsbedingungen bei den Raffinerien und das staatliche Steuerregime.“ Zudem spräche die Erfahrung aus früheren Krisen dafür, dass sich die Aufschläge wieder normalisierten, so Kielkopf. „Sobald Raffinerien ihre Produktion wieder ausweiten und Lieferketten neu organisiert sind, gehen die Crack Spreads zurück. Historische Erfahrungen und aktuelle Kapazitätsprognosen sprechen aber eher für eine zähe Normalisierung innerhalb der nächsten Monate.“ (de)