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Historisches Quartal für europäische Banken zu Beginn der Corona-Krise

Die Corona-Krise hat die europäischen Banken schon im ersten Quartal hart getroffen, sie haben diese aber bisher relativ gut überstanden. Weitere Belastungen sind allerdings mit Sicherheit zu erwarten, meint Jan Schildbach von Deutsche Bank Research.

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Jan Schildbach von Deutsche Bank Research
© Deutsche Bank Research

Während die Erträge und Kosten nur leicht sanken, schossen die Rückstellungen für Kreditausfälle in die Höhe und machten den Gewinn der Branche fast komplett zunichte. "Die Kapitalquoten gingen im Quartalsvergleich zurück, jedoch weniger als befürchtet, da die Banken die Dividenden für 2019 gestrichen hatten. Das Bilanzsummenwachstum erreichte mit zehn Prozent gegenüber dem Jahresende einen neuen Rekord, was auf einen Anstieg der Unternehmenskredite, höhere Liquiditätsreserven bei den Zentralbanken und ein höheres Derivatevolumen zurückzuführen war", weiß Schildbach zu berichten.

Erhöhte Rückstellungen fressen den Gewinn
Die 20 größten europäischen Banken wurden im ersten Quartal von der Coronavirus-Krise und der dadurch ausgelösten Rezession hart getroffen. Bisher ist es ihnen jedoch gelungen, die Auswirkungen zu begrenzen. Die Erträge waren aufgrund gegensätzlicher Trends insgesamt leicht rückläufig gegenüber dem Vorjahr (minus ein Prozent). Einerseits handelten die Kunden, insbesondere während der Verwerfungen an den Finanzmärkten im März, mehr mit Aktien und Anleihen, was dem Provisionsüberschuss zugutekam (plus neun Prozent). Andererseits litt das Handelsergebnis (-26 Prozent) unter höheren Anleihespreads und niedrigeren Aktienmarktbewertungen. Der Zinsüberschuss blieb unverändert, da sich geringere Margen und Volumenwachstum weitgehend ausglichen. Der Trend sinkender Verwaltungsaufwendungen setzte sich fort (minus ein Prozent).

Cost-Income Ratio leicht gestiegen
Das durchschnittliche Aufwand-Ertrag-Verhältnis stieg dennoch um zwei Prozent-Punkte auf 66 Prozent. Ein sprunghafter Anstieg der Rückstellungen für Kreditverluste hatte die stärksten unmittelbaren Auswirkungen auf die GuV. Sie stiegen auf das Zweieinhalbfache des Vorjahresniveaus – das allerdings vom Rekordtief nicht weit entfernt war. Darüber hinaus ist die Risikovorsorge im Vergleich zu US-amerikanischen Banken eher gering. Dort stieg sie in Q1 auf das Viereinhalbfache des Wertes von 2019, obwohl die Rezession Europa stärker treffen dürfte als die USA.

USA wir einen geringeren BIP-Einbruch als Europa erleben
2020 wird das BIP im Euroraum voraussichtlich um zwölf Prozent und in Großbritannien um 11,5 Prozent einbrechen, verglichen mit sieben Prozent in den USA. Das ist ein wichtiger Maßstab für den wirtschaftlichen Schock, auch wenn sich dieser aufgrund struktureller Unterschiede und einer Vielzahl unterschiedlicher staatlicher Unterstützungsmaßnahmen, die die Ausfallwahrscheinlichkeiten beeinflussen, nicht eins zu eins in Kreditverlusten niederschlagen wird.

Europäische Aufsichten wollen, dass Banken keine allzu großen Rückstellungen bilden
Die Entscheidungsträger haben die europäischen Banken aufgefordert, keine übermäßigen Rückstellungen zu bilden und die in den Bilanzierungsregeln enthaltene Flexibilität voll zu nutzen. Damit besteht allerdings die Gefahr, dass sich die bedenkliche Erfahrung nach der Finanzkrise wiederholt.

Ist das klug? Erfahrungen aus der Finanzkrise lehren das Gegenteil
Die Kreditrisikovorsorge der US-Banken war bereits 2011/12 wieder auf Normalniveau. Ihre europäischen Wettbewerber brauchten dafür viel länger, nämlich bis 2014/15. Einer der Gründe dafür waren – abgesehen vom Zweitrundeneffekt der europäischen Staatsschuldenkrise – die erheblich niedrigere Risikovorsorge in Europa und die entschlossenere Reaktion der US-Banken während und unmittelbar nach der Finanzkrise 2008-10. Die anhaltende Belastung der europäischen Banken ermöglichte es ihren US-Konkurrenten, davonzuziehen und Marktanteile zu gewinnen, insbesondere im Kapitalmarktgeschäft.

US-Banken blieben in Q1 alle in den scharzen Zahlen, ein gutes Drittel in Europa nicht
Unter dem Strich blieb in Q1 fast kein Gewinn mehr übrig (-84 Prozent gegenüber Vorjahr), da mehr als ein Drittel der europäischen Banken einen Nettoverlust verzeichnete (im Gegensatz zu ihren US-amerikanischen Konkurrenten, die alle in den schwarzen Zahlen blieben). Dem ging bereits ein reduzierter Gewinn im Vorjahr voraus. 2018 war das einzige Geschäftsjahr seit der Finanzkrise, in dem alle großen europäischen Banken profitabel waren. Daran dürfte sich vorerst auch nichts ändern.

Bilanzsumme der größten europäischen Banken*

Quellen: Unternehmensberichte, Deutsche Bank Research

Stark gestiegene Bilanzsumme in Europa
Diese legte stark zu, um acht Prozent gegenüber Vorjahr und in den letzten drei Monaten sogar um ganze zehn Prozent. "Ein saisonaler Anstieg im ersten Quartal ist zwar üblich, dieser ist aber beispiellos – es ist der stärkste in einem einzelnen Quartal seit Beginn dieser Zeitreihe 2005. Nicht einmal in den enormen Verwerfungen während der Finanzkrise in den Jahren 2007-09 oder in der europäischen Schuldenkrise verzeichneten die Banken ein derart massives Bilanzwachstum. Gründe hierfür waren höhere Liquiditätsreserven bei Zentralbanken sowie höhere Interbankforderungen, höhere Derivatevolumina und ein kräftiges Plus bei (Unternehmens-)Krediten", analysiert Jan Schildbach.

Positivere Rolle der Banken in der aktuellen Krise
Mängel im Bankensystem standen im Mittelpunkt der Finanzkrise und der globalen Rezession. Schwache Bankensektoren in Ländern wie Irland, Spanien und Italien verschärften die Schuldenkrise von 2010-15. Jetzt hingegen können die Banken dazu beitragen, den wirtschaftlichen Schock zu mildern, der die Welt wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Sie können die Kunden weiterhin unterstützen und Unternehmen, Haushalte und Staaten finanzieren, selbst wenn sich deren Bonität verschlechtert und die Kapitalausstattung der Banken unter Druck gerät. So gesehen bietet die Corona-Krise der Bankenbranche eine Chance auf „Wiedergutmachung“, d.h. die Möglichkeit, ihren Ruf als verantwortungsbewusster Teil der Gesellschaft ein Stück weit wiederherzustellen.

RWA steigen um zwei Prozent 
Die risikogewichteten Aktiva (risk-weighted assets, RWA) stiegen in Q1 sowohl gegenüber dem Vorjahr als auch gegenüber dem Vorquartal um zwei Prozent. Zurückzuführen war das in erster Linie auf das Bilanzwachstum, Ratingmigration, verschärfte Regulierung (regulatorische Inflation) bei Verbriefungspositionen und höhere Marktrisiken aufgrund der extremen Finanzmarktvolatilität. Dadurch wurden einige Verkäufe von Vermögenswerten mehr als ausgeglichen, ebenso wie positive Wechselkurseffekte, da die Währungen vieler Schwellenländer gegenüber dem Euro abwerteten.

Gesamtes Eigenkapital stieg nur um ein Prozent im Jahres- und Quartalsvergleich
 Die durchschnittliche CET1-Quote lag mit 13,5 Prozent leicht über dem Niveau von vor zwölf Monaten (+0,2 Prozent-Punkte), ging jedoch seit Jahresende 2019 deutlich zurück (-0,4 Prozent-Punkte). Die Aussetzung von mitunter beträchtlichen Dividenden für 2019, die bereits verbucht waren, aber nach den Empfehlungen der EZB gestrichen oder zumindest zurückgestellt wurden, wurde durch den Anstieg der RWA sowie durch Nettoverluste bei einigen Instituten mehr als ausgeglichen, die zu niedrigeren Kapitalquoten beitrugen. Diese wären natürlich stärker gesunken, wenn die Kreditrisikovorsorge höher gewesen wäre.

Kapitalausstattung bislang robust, aber da kommt noch mehr
Ähnlich sah es bei der Leverage-Ratio aus, die mit 4,8 Prozent im Jahresvergleich unverändert blieb, im Quartalsvergleich jedoch um 0,3 Prozent-Punkte sank. "Damit ist die Kapitalausstattung insgesamt bislang robust geblieben", sagt Schildbach. "Die größten Belastungen stehen allerdings noch bevor, da die Rezession erst im laufenden Quartal voll zum Tragen kommt und wahrscheinlich nicht vor 2022 vollständig überwunden sein wird." Mit Blick auf die Liquidität sei es den Banken trotz der heftigen Turbulenzen gelungen, die Mindestliquiditätsquote (Liquidity Coverage Ratio, LCR) mit im Durchschnitt soliden 146 Prozent gegenüber dem Vorquartal weitgehend stabil zu halten. Das seien minus fünf Prozent-Punkte gegenüber dem Vorjahr. (kb)

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