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HCOB sieht gesunde Bereinigung in der Kryptowelt

­Dr. Cyrus de la Rubia, Chief Economist and Head of Research der Hamburg Commercial Bank (HCOB) schreibt in der Publikation "Wochenbarometer" über die Vorkommnisse im Kryptomarkt und dessen Schwäche im Allgemeinen.

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Dr. Cyrus de la Rubia
© HCOB

"Einige Marktteilnehmer glauben, die spektakulären Pleiten und Kursverluste an den Kryptomärkten seien ein sicheres Indiz für das Ende dieses Sektors. Sie könnten nicht falscher liegen", meint HCOB-Chefökonom Dr. Cyrus de la Rubia.

70 bis 80 Prozent Kursverlust bei Bitcoin und Ethereum
Endlich verschwindet dieser ganze Krypto-Hokuspokus. So werden derzeit die Turbulenzen an den Märkten rund um Bitcoin, Ether und kryptobezogenen Unternehmen kommentiert. Tatsächlich haben die beiden wichtigsten Kryptowährungen Bitcoin und Ether seit dem Erreichen ihres Allzeithochs Anfang November dramatische Kursverluste verzeichnet, die zwischen 70 und 80 Prozent liegen.

Manche Kryptowährung ist regelrecht verdampft, NFT-Hype ist zu Ende
In diesem Umfeld kam es zu einigen spektakulären Evaporierungen von Kryptowerten. Beispielsweise verlor die eigentlich als Stablecoin vermarktete Terra USD innerhalb weniger Tage ihre komplette Marktkapitalisierung von 17 Miliarden US-Dollar, weil Anleger in Reaktion auf einen anfänglichen Wertverlust in Panik gerieten und so rasch wie möglich Terra USD gegen andere Währungen eintauschten. De la Rubia: "Die wie die meisten Unternehmen dieser Sphäre unregulierte Kryptobank Celsius erlebte etwas Ähnliches, als sie Schwierigkeiten bekundete, die Anleger auszuzahlen, die ihre bei Celsius angelegten Kryptowährungen abziehen wollten. Mit einem vergleichbaren Geschäftsmodell geriet auch der Anbieter BlockFi in Schwierigkeiten und wurde nunmehr von der Kryptobörse FTX vorerst gestützt. Derweil geht offensichtlich auch am Markt für Non Fungible Token (NFT) der Hype zu Ende. So lautete beispielsweise das Höchstgebot für den ersten Tweet des Twitter-Mitbegründers Jack Dorsey im April dieses Jahres nur 270 US-Dollar. Im März 2021 war es noch für 2,9 Millionen US-Dollar von Dorsey verkauft worden." 

Warum gerade jetzt?
Warum gerät der Sektor gerade jetzt unter Druck? Um Vermögenspreisblasen zum Platzen zu bringen, bedarf es nicht unbedingt eines konkreten Anlasses. Das ist vergleichbar mit einem Luftballon: Wird dieser immer weiter aufgepumpt, platzt er irgendwann, auch ohne dass eine Nadel zu Hilfe genommen wird. Allerdings gibt es derzeit durchaus einige Nadeln, die dazu beigetragen haben dürften, dass die Nervosität der Anleger sprunghaft zugenommen hat.

Gestiegene Risikoaversion
De la Rubia führt aus: "Da ist zum einen eine allgemeine Verunsicherung, die durch den Krieg in der Ukraine und Rezessionsängste ausgelöst wurde. In diesen Phasen steigt die Risikoaversion. Kryptowerte gehören ganz offensichtlich zu den risikobehafteten Assets, insbesondere aus der Perspektive der traditionellen Investoren. Diese stoßen in unsicheren Zeiten Risiko-Assets wie Technologieaktien, Unternehmensanleihen mit unterdurchschnittlicher Bonität und eben auch Kryptowerte eher ab. Insofern ist die Entwicklung, dass sich in den vergangenen Jahren zunehmend auch Institutionen aus der etablierten Finanzwelt in Krypto engagiert haben, Fluch und Segen zugleich. Ohne ihr Engagement wäre es vermutlich mit den Kursen von Bitcoin und Co. in den vergangenen zwei Jahren nicht so steil nach oben gegangen, aber sie sind vermutlich jetzt auch der wichtigste Treiber für den Abwärtstrend bei diesen Werten, der mehr oder weniger parallel zu den Kursverlusten an den Aktienmärkten verläuft." 

Zinswende als Trigger
Außerdem spielt die Zinswende, die in diesem Jahr von fast allen Zentralbanken eingeleitet wurde und auch die langfristigen Renditen für Staatsanleihen erfasst hat, für viele Kryptoanleger eine wichtige Rolle. Während der Zeit der Negativzinsen war der Kauf von Bitcoin und Ether und deren sagenhafte Kurssteigerungen der vergangenen Jahre angesichts der Dürre bei den traditionellen Zinsprodukten eine verlockende Alternative. Andere Anleger ließen sich von unrealistischen Zinsversprechen einiger Kryptoanbieter im Bereich von 20 Prozent und mehr blenden. Jetzt, wo langfristige Bundesanleihen wieder eine positive Nominalrendite bieten, nimmt der Leidensdruck etwas ab und einige Anleger wenden sich wieder den traditionellen Finanzprodukten zu. Das geht zulasten der Kryptowerte.

Unkaputtbare“ dezentrale Ansätze
Aus der derzeitigen Krypto-Misere nunmehr zu schließen, dass der gesamte Sektor vollkommen am Boden liegt und sein Ende eingeläutet wird, wäre allerdings ein Trugschluss. De la Rubia dazu: "Sowohl die Historie als auch der mit der neuen Blockchain-Technologie verbundene Nutzen sind ein klarer Hinweis darauf, dass die Technologie mit all ihren Facetten nicht nur eine Zukunft hat, sondern auch ihr disruptives Potential über kurz oder lang wird entfalten können."

Nicht alles über einen Kamm scheren
Zunächst sollte man nicht den Irrtum begehen und die unterschiedlichen Geschäftsmodelle in der Kryptowelt über einen Kamm zu scheren. Bitcoin und Ether basieren auf hochgradig dezentral organisierte Blockchains und weisen daher von ihrer Konstruktion her eine große Robustheit auf. Die codierten Protokolle haben Anreizsysteme, die die jeweilige Blockchain nahezu „unkaputtbar“ machen. Das schließt natürlich Kursschwankungen, die den Wert der jeweiligen Blockchain widerspiegeln, nicht aus. Im Gegensatz zu Bitcoin und Ether sind die obigen Beispiele Terra USD und Celsius komplett zentralisierte Anbieter, die angesichts von Renditeversprechen von jährlich 18 Prozent und mehr mit dem Konzept des Decentralized Finance (DeFi) nichts zu tun haben. Die Stablecoin Dai, die als DeFi-Projekt par excellence angesehen werden kann, hat in Reaktion auf den Kollaps von Terra USD hingegen nichts von seiner Stabilität eingebüßt und notiert weiterhin bei einem US-Dollar. Das Pendant aus der zentralisierten unregulierten Welt, Tether, die am weitesten verbreitete Stablecoin, musste hingegen kurzeitig Kursverluste von fünf Prozent verzeichnen. 

Wie war das damals mit dem Internet?
Weiter ist festzustellen, dass die Kursverluste bei den Kryptowährungen in der oben genannten Dimension nichts Ungewöhnliches darstellen. In den Jahren 2011, 2015 und 2018 hat Bitcoin Preisrückgänge von über 80 Prozent verzeichnen müssen, jeweils ausgehend von dem zuvor erreichten Rekordniveau. Marktteilnehmer, die schon länger in diesem Markt sind, zeigen daher durchaus eine gewisse Gelassenheit angesichts des derzeitigen Bärenmarktes. 
Historisch bietet sich zudem die Parallele zur Internetblase an, die ja ebenfalls nicht den Tod dieses Sektors bedeutete. Diese Blase hatte sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahren aufgebaut und ist dann ab März 2000 geplatzt. Gemessen am technologielastigen Nasdaq waren in der Folge Kursverluste von knapp 80 Prozent zu verzeichnen, zahllose Unternehmen mussten Insolvenz anmelden und sind verschwunden. Eine Sache ist aber geblieben – das Internet. Ein paar Jahre später gewann dieses sogar erst richtig an Fahrt und revolutionierte die Wirtschaft, obwohl Nobelpreisträger Paul Krugman 1998 noch gesagt hatte: „Im Jahr 2005 oder so wird klar werden, dass die Auswirkungen des Internet auf die Wirtschaft nicht größer gewesen sein wird als die von Faxgeräten.“

Auf Dezentralität und Regulierung kommt es an
Wie geht es also weiter in der Kryptowelt? De la Rubia: "Hält die Zeit der allgemeinen Risikoaversion längere Zeit an, wird sich die Spreu immer mehr vom Weizen trennen. Übrig bleiben werden dezentralisierte Kryptowährungen mit einem gewissen Markennamen sowie DeFi-Projekte, die diesen Namen verdienen, also tatsächlich weitestgehend dezentralisiert sind. Unregulierte zentralisierte Kryptobörsen dürften es schwer haben, einen kommenden Kryptowinter schadlos zu überstehen und das gleiche gilt auch für unregulierte Stablecoins, es sei denn sie sind dezentral aufgebaut. Darüber hinaus kann sich diese Krise als überaus hilfreich erweisen, weil Schwächen der bisherigen Geschäftsmodelle gnadenlos aufgedeckt werden. Die überlebenden etablierten Anbieter aus der dezentralisierten und zentralisierten Kryptoindustrie werden daraus lernen und die Robustheit ihrer Ansätze stärken. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass eine neue Generation von Anbietern die Fehler ihrer Vorgänger von vornherein vermeidet."

Krypto hat weiterhin disruptives Potential
Im Ergebnis wird der DeFi-Sektor aller Wahrscheinlichkeit nach seine Vorteile gegenüber der traditionellen Finanzwelt zunehmend ausspielen können. Die Vermittlerfunktion von vielen Finanzinstituten dürfte an Bedeutung verlieren und der Zahlungsverkehr könnte zu einem großen Teil über dezentrale Netzwerke stattfinden. Auch die Kreditvergabe über dezentrale Anbieter, die Kryptowerte als Sicherheiten akzeptieren, werde in Zukunft vermutlich eine bedeutende Rolle spielen. Mit der Tokenisierung von Vermögenswerten könnte die Handelbarkeit von bislang relativ illiquiden Werten wie etwa Immobilien und Kunstwerken auf eine neue Stufe gehoben werden und es erlauben, dass eine breite Bevölkerungsschicht zu extrem niedrigen Transaktionskosten in diese Vermögenswerte investiert. Kurz: Die Blockchain-Technologie und die daraus abgeleiteten dezentralen und regulierten zentralen Geschäftsmodelle werden nicht verschwinden, sondern gestärkt aus der derzeitigen Krise hervorgehen. Davon ist De la Rubia überzeugt. "Die etablierte Finanzwirtschaft sollte diese Phase nicht missverstehen und sich beruhigt zurücklehnen, sondern nutzen, um die zukünftige Struktur dieses Sektors aktiv mitzugestalten." (kb)

 

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